Irrwege und Auswege
In der Klimabewegung machen sich Verzweiflung und Verdrängung breit, es fehlt an überzeugenden strategischen Überlegungen
Sowohl symbolische Politik als auch direkte Aktionen zielen letztlich darauf ab, den Staat zu Reformen zu bewegen. In der öffentlichen Debatte um die Klimabewegung herrscht die Meinung vor, man könne den Staat durch gute Argumente überzeugen, oder über die Teilnahme an Wahlen die Macht im Staat übernehmen und dann das Klima retten. Ulrike Herrmann zum Beispiel schlägt in ihrem Buch »Das Ende des Kapitalismus« vor, dass der Staat eine Art Kriegswirtschaft einführen müsse, um Klimaschutzmaßnahmen in der gebotenen Geschwindigkeit umsetzen zu können. Ihre Rechtfertigung für einen so autoritären Vorschlag ist, dass sich das Zeitfenster, um die Klimakatastrophe überhaupt noch abmildern zu können, schließt. Als Garant für die Durchführbarkeit ihrer Idee dient Herrmann die Kriegswirtschaft in England während des Zweiten Weltkriegs. Ab 1939 hatte sich England auf den Krieg gegen Deutschland vorbereitet und 66 Prozent der Wirtschaftsleistung für die Produktion von Waffen verwendet. Um das möglich zu machen, hatte der Staat die Unternehmen zwar nicht verstaatlicht, aber ihnen nach einem genauen Plan Rohstoffe, Energie und Arbeitskräfte zugewiesen sowie Lebensmittel und Konsumgüter für die Bevölkerung rationiert, auf egalitäre Weise, sodass die Armen in diesen Jahren besser ernährt waren als in Friedenszeiten. Herrmann argumentiert, dass etwas Ähnliches jetzt auch geschehen müsse: Der Staat müsse den Konsum von Rohstoffen und Energie auf ein Maß beschränken, das mit den planetaren Grenzen vereinbar ist, und gleichzeitig die Infrastruktur für erneuerbare Energien aufbauen. In Deutschland wären Emissionen von einer Tonne CO2 pro Person pro Jahr zulässig. (Heute sind es im Durchschnitt 5,9 Tonnen pro Person für die ärmere Hälfte der Bevölkerung.)
Reformismus
Es wäre zweifellos wünschenswert und würde Hunderte Millionen Menschenleben retten, wenn die Staaten morgen anfangen würden, das Wirtschaftsvolumen zu drosseln, gleichzeitig im Rekordtempo erneuerbare Infrastruktur aufzubauen und alle auf egalitäre Weise mit dem Nötigsten zu versorgen. Es scheint aber sehr naiv, zu glauben, dass das passieren wird. Mehr noch: Die letzten Jahrzehnte haben bewiesen, dass der Staat nicht willens oder in der Lage ist, gegen den Willen des Kapitals die Klimakatastrophe abzuwenden – sonst hätte er es längst getan. Herrmann ignoriert, dass im Fall der englischen Kriegswirtschaft die vorübergehende Einhegung der mächtigen Kapitaleigentümer*innen mit drakonischen Maßnahmen gegen die Arbeiter*innen einherging (Streiks waren verboten, Arbeiter*innen wurden verhaftet und zwangsweise zum Kriegsdienst eingezogen), dass sie vor allem aber nur mit dem Einverständnis der Kapitaleigentümer*innen möglich war – und einverstanden waren sie, »weil ihnen eine Garantie ihrer Profite, ihrer Vermögen und ihres Eigentums im Falle des Sieges gegeben wurde. Zur Planung und Leitung der Kriegswirtschaft beriefen Regierung und Behörden führende Kapitaleigentümer*innen, ihre Manager*innen und Partner*innen in hohe Staatspositionen«, wie Judith Dellheim und Helge Peukert 2024 in dem Text »Vorbild Kriegswirtschaft« in der Zeitschrift Luxemburg schrieben.
Was müsste passieren, damit alle versorgt sind? Sich das nicht einmal mehr vorzustellen, bedeutet, den Herrschenden das Feld kampflos zu überlassen.
Die Naivität, mit der nicht nur Ulrike Herrmann, sondern auch andere prominente Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen die grundlegende und entscheidende Frage der gesellschaftlichen Macht außer Acht lassen und sich damit begnügen, zu entwickeln, was der Staat machen sollte, zeigt, wie sehr das genuin Politische aus den öffentlichen Debatten verschwunden ist. (1) Diese Debatten werden geführt, ohne die gesellschaftlichen Machtverhältnisse zu berücksichtigen, mithin also ohne ein strategisches Ziel zu entwickeln, das die Klimabewegung vereinen und aus ihrer Lähmung befreien könnte.
»Solidarisches Preppen«
2025 ist ein Teil der Klimabewegung in Deutschland am logischen Endpunkt dieser Haltung angekommen. Man gesteht sich ein, dass Appelle an den Staat zu nichts geführt haben. Statt aber aus dem Scheitern zu lernen und sich strategisch neu auszurichten, akzeptiert man das eigene Scheitern. Das Einzige, was noch zu tun wäre, sei, sich auf den Kollaps vorzubereiten, und zwar mit »solidarischem Preppen«. Ende August 2025 trafen sich 800 Menschen auf einem sogenannten Kollapscamp. Preppen bedeutet, sich individuell auf eine Katastrophensituation vorzubereiten, mit Konserven, Wasservorräten und allerlei Survival-Schnick-Schnack – normalerweise eine Praxis der Rechten. Das linke Preppen soll hingegen solidarisch sein. In erstaunlicher Blindheit gegenüber der Tatsache, dass wir alle nur überleben, weil wir mehrmals die Woche zum Supermarkt gehen und dort volle Regale finden und weil trinkbares Wasser aus der Leitung kommt, denkt man, man könnte sich und »die eigenen Leute« über Selbstversorger-Strukturen in der Landwirtschaft und allerlei Skill-Sharing retten.
Selbstverständlich ist nichts dagegen einzuwenden, sich gegenseitig nützliche Fertigkeiten beizubringen, und es stimmt, dass der Staat Menschen immer mehr im Stich lässt, zum Beispiel in der Pflege, und dass es daher die praktische Notwendigkeit gibt, sich entsprechend selbst zu organisieren. Doch die Möglichkeiten dazu sind de facto durch unsere Abhängigkeit von globalen Lieferketten begrenzt, egal ob es um Pflege oder um Landwirtschaft geht. Diese Position ist deshalb keineswegs solidarisch, denn wenn wir wirklich alle retten möchten, auch die Armen und Kranken, dann müssten wir es schaffen, in der Katastrophe das Notwendige für alle zu produzieren und zu verteilen. Und dann ist es gerade kein Preppen mehr, sondern Kommunismus. Anstatt also der Illusion anzuhängen, wir könnten uns im Kleinen auf die Katastrophe vorbereiten und uns irgendwie lokal oder regional absichern, sollten wir uns die materiellen Abhängigkeiten des gesellschaftlichen Zusammenhangs klarmachen und daraus unsere Schlüsse ziehen: Was müsste passieren, damit alle versorgt sind? Sich das nicht einmal mehr vorzustellen, bedeutet, den Herrschenden das Feld kampflos zu überlassen.
Öko-Leninismus
Andreas Malm, Autor unter anderem von »Wie man eine Pipeline in die Luft jagt« (2020), schlägt vor, die Macht im Staat auf eine nicht-parlamentarische Art zu übernehmen, durch massenhafte direkte Aktionen den Staat so weit unter Druck zu setzen, dass er die nötigen Maßnahmen umsetzt, um die Klimakatastrophe abzuwenden. Malm stellt sich vor, dass der Staat die fossilen Unternehmen verstaatlicht und sie zu Unternehmen umbaut, die durch Direct Air Capture Kohlendioxid aus der Luft holen und in der Erde einlagern, wo dieses zu Stein wird. So sollen einerseits so schnell wie möglich, innerhalb weniger Jahre, die CO2-Emissionen auf null gebracht und gleichzeitig die Atmosphäre von überschüssigem CO2 gereinigt werden. Angesichts der Schwäche der Arbeiter*innenbewegung (verglichen mit ihrer Stärke zu Beginn des 20. Jahrhunderts) kann sich Malm vorstellen, dass wir, wenn die Klimabewegung wieder Fahrt aufnimmt, unter Umständen genug Macht aufbauen könnten, um die fossile Industrie zu verstaatlichen, nicht jedoch, dass wir die kapitalistische Produktionsweise und den bürgerlichen Staat insgesamt loswerden. Er gibt jedoch auch zu, dass wir dann vielleicht die globale Erwärmung eindämmen könnten, aber dennoch keine Zukunft auf dem Planeten hätten, solange wir ein auf Wachstum angewiesenes Produktionssystem haben.
Eine Schneise zur Befreiung
Eine Bewegung, die dafür kämpft, dass wir auf diesem Planeten eine Zukunft haben, müsste dem bürgerlichen Staat mehr Konzessionen abringen, als nur die fossile Industrie zu verstaatlichen. Der Staat müsste Gesetze erlassen, die die Produktion von Verbrauchsgütern reformieren, sodass sie ohne fossile Rohstoffe produziert werden, langlebig und vollständig recycelbar sind. Er müsste des Weiteren die Automobilindustrie verstaatlichen und statt Autos für Privatpersonen Straßenbahnen, Photovoltaikanlagen oder medizinische Geräte herstellen lassen. Er müsste in den Waffenfabriken nützliche Güter produzieren lassen und alle Soldat*innen aus dem Ausland zurückholen, um nur ein paar auf der Hand liegende Beispiele zu nennen. Aber ein solcher Staat, der all dies machen würde, müsste mit der erbitterten Gegenwehr des (internationalen) Kapitals rechnen. Die Kapitalfraktionen in England 1939 waren mit der Einführung der Kriegswirtschaft einverstanden. Das wäre in dem hier skizzierten Fall nicht so, weil ein Staat, der den Interessen der Allgemeinheit verpflichtet wäre, die Produktion drosseln und das Wirtschaftswachstum radikal eindämmen, also die Möglichkeiten des Kapitals, Profite zu machen, auf Dauer radikal einschränken müsste. Je mehr die Klimabewegung den Staat unter Druck setzen würde, ökologisch zu handeln, desto näher würde sie uns an die Grenze der bestehenden Ordnung bringen, an die Grenze zu einer revolutionären Situation, in der der Staat selbst, als Werkzeug der herrschenden Klasse, infrage gestellt ist. Damit wäre eine Schneise zu unserer Befreiung geschlagen.
Bei dem Text handelt es sich um einen leicht bearbeiteten Auszug aus dem kürzlich erschienenen Buch »Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen – Ein Handbuch für Unerschrockene« von Johanna Schellhagen, mit einem Nachwort von Karl Heinz Roth, erschienen im Büchner Verlag.
Anmerkung:
1) Phil A. Neel und Nick Chavez vermuten, dass die politische Verzagtheit, die hinter dieser Naivität steckt, aus »der Unterdrückung des offenen Klassenkonflikts in allen gesellschaftlichen Bereichen« (eigene Übersetzung) kommt: »The suppression of open class conflict throughout society –combined with the generally low level of hands-on knowledge of production induced by deindustrialization – has tended to impoverish the practical or functional aspect of ›political thought‹ in general and of discourse and imagination in particular.« https://endnotes.org.uk/posts/forest-and-factory, letzter Zugriff: 31.10.2025.