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|ak 723 | Geschlechter­­verhältnisse

Epstein-Komplex: Der Kern bleibt Frauenhass

Viele linke Deutungen betonen Geld und Einfluss als kennzeichnend für den Fall, die Misogynie tritt in den Hintergrund – eine sinnvolle Bearbeitung wird so eher verhindert

Von Mandy Tritscher

Noam Chomsky und Jeffrey Epstein sitzen in einem Flugzeug und unterhalten sich
Noam Chomsky und Jeffrey Epstein unterhielten regen Kontakt. Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Epstein Estate/House Oversight

Lange Zeit, spätestens als im Dezember Fotos von Noam Chomsky im Privatjet von Jeffrey Epstein kursierten, fragte man sich, ob nicht eine linke Deutung des Epstein-Komplexes längst überfällig ist. Stattdessen schien es ein gewisses Desinteresse daran zu geben, dass ein großer und international vernetzter Kreis von Reichen, Unternehmern, Politikern, Royals und Wissenschaftlern über Jahrzehnte offenbar Tausende von Frauen und Kindern missbraucht, dem Missbrauch assistiert oder ihn zumindest geduldet hat.

Seit der Veröffentlichung weiterer Millionen Dokumente aus den sogenannten Epstein-Files Ende Januar scheint jemand den Korken aus der Flasche gezogen zu haben. Seitdem mehren sich nicht nur die Chomsky-Abschiedsbriefe, sondern auch andere linke Wortmeldungen zum Thema. So wie das vorherige Nicht-Befassen seltsam anmutete, so irritierend sind nun wiederum einige dieser Einlassungen. Mitunter wünscht man sich, es wäre beim Beschweigen geblieben.

Beliebt scheint etwa der Ansatz zu sein, den Fall Epstein mit der Existenz von Milliardären und deren Besserbehandlung durch die Justiz zu erklären. Die Linkspartei veröffentlichte ein Video, in dem die Parteivorsitzende Ines Schwerdtner diese Erzählung auspackte. Ähnlich lesen sich einige Kommentare, zum Beispiel aus dem nd oder der jungen Welt, in denen der Fall als bezeichnend für eine durchweg verkommene Elite beschrieben wird. Alles richtig – natürlich sind Milliardäre ein Problem, und natürlich ist die Justiz nicht klassenblind –, doch auffällig ist schon, wie rasch der wesentliche Kern der Verbrechen in den Hintergrund geraten ist. Misogynie, Sexismus und die Verachtung von Kindern sind der Kitt, der den Epstein-Komplex zusammengehalten hat – das findet in dieser Lesart kaum noch Erwähnung. So aber lässt er sich nicht mehr wirklich begreifen, sondern nur noch als Agitationsmaterial gegen Leute verwursten, die man ohnehin (und völlig zu Recht) verachtet.

Missbrauch, sexualisierte Gewalt bis hin zu systematischer sexueller Ausbeutung sind in allen gesellschaftlichen Schichten verbreitet. Sie brauchen keineswegs Milliardäre, um zu existieren, sondern nur Männer.

Denn es stimmt zwar, dass der Fall ein solches Ausmaß nur erreichen konnte, weil der Täter*innenkreis sich aus elitären Zirkeln rekrutierte und weil sehr viel Geld und höchstwahrscheinlich auch ein oder mehrere Geheimdienst(e) im Spiel waren. Allerdings sind Missbrauch, sexualisierte Gewalt bis hin zu systematischer sexueller Ausbeutung in allen gesellschaftlichen Schichten verbreitet. Zuletzt warfen der Pélicot-Prozess und ähnlich gelagerte Fälle von Massenmissbrauch ein grelles Licht auf solche Strukturen, die keineswegs Milliardäre oder Millionäre benötigen, um zu existieren, sondern nur Männer.

Und auch in linken Kreisen gibt es sie. Vor einem Jahr wurde – dank der Aufarbeitungsarbeit einiger Betroffener – das Missbrauchsregime öffentlich, das in den 1990er Jahren in der Berliner Jugend-Antifa-Gruppe Edelweißpiraten ein erwachsener mittelloser Mann etabliert hatte und dem eine höhere zweistellige, möglicherweise dreistellige Zahl von Jungen zum Opfer fiel. Auch er wurde – apropos Justiz – nie für seine Taten belangt und lebt bis heute unbehelligt in Berlin. Sowieso sind Verurteilungen bei sexualisierter Gewalt selten, das belegen alle Statistiken zum Thema. Jede*r, der in den 1990er und frühen Nullerjahren politisch aktiv war, wird sich zudem erinnern, wie – aus heutiger Sicht unfassbar – gewöhnlich es war, dass Minderjährige ab dem Alter von 13, 14 Jahren mit erwachsenen Männern sexuelle »Beziehungen« eingingen. Als im Frühjahr 2022 bekannt wurde, dass ein Funktionär der hessischen Linkspartei, ein erwachsener Mann weit jenseits der 30, mit einer Minderjährigen zusammen gewesen war, wurden auch Chats publik, in denen ein Bekannter diesem Mann, offenbar um seine Bewunderung auszudrücken, geschrieben hatte: »Du Hengst! Du Sugardaddy! Du Roman Polanski!«

Es ist banal festzustellen, dass der Epstein-Komplex in seinen Ausmaßen und Auswüchsen nicht vergleichbar ist mit sexueller Gewalt in linken Kreisen, darum geht es nicht. Doch wer das Ganze nun so umdreht, als seien Macht und Geld notwendige Voraussetzungen für Missbrauch, der*die verhindert eine sinnvolle linke Bearbeitung dessen, was da (zumindest teilweise) ans Licht gekommen ist. Die Tatsache, dass sexualisierte Gewalt überall und auch in unseren eigenen Kreisen so unheimlich alltäglich ist (und es vor allem in der Hoch-Zeit der Epstein-Taten war), verweist darauf, dass sich das Epstein-Rätsel nicht entschlüsseln lässt, ohne Frauenhass und Patriarchat ins Zentrum der Analyse zu stellen. Diese sind, das wissen marxistische Feministinnen seit Jahrzehnten, selbstredend in den Kapitalismus eingeflochten; leider auf viel kompliziertere (und deshalb auch schwerer zu bekämpfende) Weise als »nur« dahingehend, dass reiche Männer Missbrauchsringe betreiben.

Frauenhass und Patriarchat bei der Betrachtung des Epstein-Komplexes nicht zu verdrängen, ist darüber hinaus auch aus handlungsleitenden Gründen wichtig: Denn was Trump, Gates und irgendwelche Royals für Verbrechen begehen, darauf haben wir kaum einen Einfluss. Aber darum kämpfen, dass unsere eigenen Reihen und Nahbereiche sicherere Orte werden für Frauen und Kinder – das können und müssen wir sehr wohl.

Mandy Tritscher

wurde in der DDR geboren, sie ist Marxistin und Feministin.

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