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Protest, Psychologie und Pop

Das leicht wehmütige Buch »All das passierte in diesem irrsinnigen Milieu Frankfurt« über das frühere geistige Zentrum der BRD wartet mit kuriosen Anekdoten auf

Von Isabella Caldart

In einem Glaskasten steht ein Schreibtisch, dahinter Bäume und eine Rasenfläche.
Suhrkamp weg und von Adorno bleibt nur ein Denkmal. Foto: Simsalabimbam / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Das Verhältnis von Frankfurter*innen zu ihrer eigenen Stadt ist paradox. Einerseits zehren auch spätere Generationen noch von der Zeit zwischen den 1960er und 1980er Jahren, als Frankfurt am Main die geistige und kulturelle Hauptstadt Westdeutschlands war. Andererseits haben Frankfurter*innen, wenn sie ehrlich sind, heute einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Berlin, seit sich nach dem Mauerfall das intellektuelle Geschehen in diese Stadt verlagerte. Bestes Beispiel dafür ist die Abwanderung des bis dato eng mit Frankfurt verknüpften Suhrkamp Verlags im Jahr 2010.

In seinem Buch »All das passierte in diesem irrsinnigen Milieu Frankfurt« führt Kenneth Hujer in elf Interviews durch verschiedene Themen, die mit dem Frankfurt jener Zeit verbunden sind. Es sei »keine Stadtchronik«, sagt er im Vorwort, sondern »ein Stadtplan aus Erzählungen«. Man merkt dem Autor eine Begeisterung für Frankfurt an, wie sie vor allem jenen eigen ist, die nicht in der Stadt großgeworden sind und die ihre Vorzüge wie ihre Geschichte nicht als gegeben hinnehmen, sondern sie sich aktiv erarbeiten mussten; Hujer selbst ist 1985 zwar in der Mainmetropole geboren, aber nicht dort aufgewachsen, ein Sehnsuchtsort für ihn.

Dass es ausgerechnet die 1960er bis 1980er Jahre sind, auf die er sich im Buch konzentriert, ist Hujers persönlichem Interesse geschuldet. Es liegt aber auch daran, dass Frankfurt, historisch ohnehin schon liberal, in jener Zeit in vielen Bereichen der aufregendste Ort der BRD war. 1949 kehrten Theodor W. Adorno und Max Horkheimer zurück, deren Institut für Sozialforschung gerade das Bürgertum nachhaltig beeinflusste. Die Psychoanalyse wurde maßgeblich vom Ehepaar Mitscherlich geprägt, das 1967 in die Stadt kam, und auch in der Kunst war Frankfurt führend. Immerhin galt es »ganz klar als das intellektuelle Zentrum der Bundesrepublik«, wie der Künstler Timm Ulrichs sagt. Wo Berlin eine »Realisten-Hochburg« war, florierten am Main die Avantgarde-Galerien. Kein Wunder also, dass der Aufbruchsgeist und die revolutionäre Stimmung im Zuge von 1968 diese Stadt so sehr erfassten.

Adorno, Fassbinder, Peymann

Interessant am »irrsinnigen Milieu«: Ein paar der Interviewten wie etwa Ulrichs haben gar nicht richtig in Frankfurt gewohnt. Es tauchen die üblichen Verdächtigen auf, wie Daniel Cohn-Bendit oder die Schriftstellerin Eva Demski, beide stark in der Stadt verwurzelt. Aber auch Juliane Lorenz, Cutterin beim Regisseur Rainer Werner Fassbinder, die legendäre Fotografin Barbara Klemm, der 2021 verstorbene Regisseur Roger Fritz und der einflussreiche Suhrkamp-Lektor Karlheinz Braun kommen zu Wort und sprechen über Frankfurt in Kontexten wie Kunst, Theater, Politik und Psychoanalyse. Dass einige von ihnen nicht in Frankfurt geboren sind oder nur eine Station ihres Lebens dort verbrachten, zeigt, wie stark der kulturelle Geist der Stadt gerade von Zugezogenen geprägt wurde.

Es gibt einige Momente und Persönlichkeiten, auf die sich mehrfach bezogen wird, Adorno natürlich, aber auch Joschka Fischer und die RAF und immer wieder Fassbinder. Dabei war dessen Frankfurter Zeit keine sonderlich geglückte. Als kurzzeitiger Intendant des Theaters am Turm (TAT) verfasste er Mitte der 1970er Jahre das Stück »Der Müll, die Stadt und der Tod« über den Häuserkampf im Westend, in dem es die Rolle des »reichen Juden« gibt. Die Proteste gegen das Stück wegen dessen Antisemitismus waren so groß, dass es am Ende nicht zur Aufführung kam. Fassbinder verließ nach wenigen Monaten die Stadt, wobei er bis zu seinem frühen Tod 1982 mehrfach zurückkehren sollte, unter anderem zum Dreh des Films »In einem Jahr mit 13 Monden«, der auch im Buch thematisiert wird.

Frankfurter*innen haben, wenn sie ehrlich sind, heute einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Berlin.

Zu den weiteren Schlüsselmomenten der Zeit zählt die Inszenierung von Peter Handkes »Publikumsbeschimpfung«, ebenfalls am TAT unter der Regie von Claus Peymann. Erhitzt nach der zweiten Aufführung (die im Fernsehen übertragen wurde), zog die Theatergruppe ins Bahnhofsviertel, wo die Beschimpfungen in einem Lokal weitergeführt und die Kellner beleidigt wurden, bis man sie auf die Straße setzte. Nachdem sich die gerufene Polizei aufseiten der Kellner stellte und Handke begann, »Nazi-Polizei« zu skandieren, wurden alle kurzerhand mitgenommen. Suhrkamp-Verleger Unseld und -Lektor Braun kümmerten sich am Tag darauf um ihre Entlassungen aus der Haft.

Diese beiden Anekdoten illustrieren perfekt, wie viel Aufruhr es damals im »irrsinnigen Milieu Frankfurt« gab. Der Titel des Buchs stammt aus dem Gespräch mit Cohn-Bendit, der verschiedene Episoden aus der Zeit ab 1968 aufzählt. Neben dem Skandal um Fassbinder sind das wieder der Einfluss der Mitscherlichs, der Häuserkampf, die boomende Theaterszene (die in Frankfurt sehr viel experimenteller und politischer war als im Rest der Bundesrepublik) und 1984 natürlich die Proteste gegen den Flughafenausbau.

Eine Spur Nostalgie

Als Frankfurterin packt einen beim Lesen fast ein bisschen Nostalgie angesichts dessen, wie stark die Stadt einst den bundesweiten Diskurs prägte. Auch Hujer sagt in einem der Interviews, ihm wäre während des Entstehungsprozesses des Buchs oft »eine nostalgische Haltung attestiert« worden. Diese Haltung bedeutet bei ihm jedoch eine wirklich tiefgehende Recherche. Das zeigt sich bei den mitunter sehr detaillierten Fragen und insbesondere im letzten Gespräch mit Musikjournalist und Radiomoderator Klaus Walter, in dem sie die Musikgeschichte Frankfurts anhand von teilweise sehr unbekannten Frankfurt-Songs aufziehen.

Bei all dem Wissen, das Hujer mitbringt, würde man sich an einigen Stellen eher Essays als nur O-Töne wünschen. Das hätte ihm ermöglicht, konkrete Ereignisse oder Personen besser einzuordnen, die teilweise von seinen Gesprächspartner*innen zusammenhanglos erwähnt werden und deren Kontext man sich selbst erarbeiten muss. Andererseits schließt das Buch mit einem schwülstig verfassten Kurzessay über die U-Bahn-Station Bockenheimer Warte (man kann es getrost überspringen, immerhin gibt es zuvor ein Interview mit dem Architekten der Station). Und auch sonst hakt es an einigen Ecken, etwa wenn veraltete Begriffe wie »transsexuell« verwendet werden oder Fassbinders Theaterstück konsequent falsch geschrieben wird. So ist es am Ende wohl besser, dass Hujer seinen Protagonist*innen die Bühne überlässt und einfach als informierter Stichwortgeber fungiert.

»All das passierte in diesem irrsinnigen Milieu Frankfurt« ist ein leicht wehmütiges Buch, das die wilde Geschichte Frankfurts mit allerlei kuriosen Anekdoten wieder aufleben lässt, erzählt von relevanten Persönlichkeiten, die heutzutage nicht mehr allen bekannt sein dürften. Gerade wegen der einzigartigen Position Frankfurts in Westdeutschland, wenn es um Psychoanalyse, liberale Politik, avantgardistische Kunst und Theater, Literatur und Philosophie geht, ist dieses Buch nicht nur für Frankfurt-Interessierte geeignet, sondern auch, um an einen relevanten Teil der bundesrepublikanischen Geistesgeschichte zu erinnern.

Isabella Caldart

ist freie Journalistin und Literaturvermittlerin. Zuletzt erschien von ihr »Nirvana. 100 Seiten« im Reclam Verlag.

Kenneth Hujer: »All das passierte in diesem irrsinnigen Milieu Frankfurt«. Gespräche über eine Stadt. Ventil Verlag, Mainz 2025. 216 Seiten, 25 EUR.

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