Zwischen Vertreibung, Massakern und Selbstorganisierung
Eine Reportage zur Lage von Minderheiten in Syrien
Von Lucas Kontny
Ein Leben in Frieden«. Ein Satz, der immer wieder fällt, in Gesprächen mit Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und politischer Zugehörigkeit. Er wird nicht als Parole formuliert, sondern als nüchterner Wunsch. Für viele Minderheiten in Syrien ist dieser Wunsch an Fragen von Sicherheit, politischer Teilhabe und Überleben gebunden.
Auf dem Weg von Damaskus in die Provinz Suwaida im Süden des Landes stehen ganze Dörfer leer. Die Häuser sind größtenteils ausgebrannt, die Straßen unbelebt. Im Juli letzten Jahres eskalierten dort Spannungen zwischen drusischen und beduinischen Gruppen, die sich rasch zu bewaffneten Auseinandersetzungen entwickelten. Es kommt zu Hunderten zivilen Toten, zur Zerstörung von Wohnhäusern, zur Vertreibung von mehr als 200.000 Menschen, zu einem Massaker. Auch nach einem Waffenstillstand kehren viele nicht zurück. Die Angst vor erneuter Gewalt überwiegt.
Suwaida gilt vielen Angehörigen der drusischen Minderheit als letzter geschlossener Schutzraum. Seit den Ereignissen des vergangenen Sommers organisiert sich die Region auf kommunaler Ebene selbst. Die syrische Übergangsregierung unter Ahmad al-Sharaa ist vor Ort nicht mehr präsent, dafür jedoch in den umliegenden Gebieten. Wichtige Hilfsgüter erreichen die Region nur eingeschränkt, Pressevertreter*innen wird die Einreise erschwert und meist verwehrt. Internationale Hilfsorganisationen berichten von einer drohenden humanitären Krise, sollten benötigte Güter wie Treibstoff und Getreide nicht durchkommen. Bewohner*innen sprechen von einem belagerungsähnlichen Zustand.
Viele Schulen wurden zu Fluchtunterkünften umfunktioniert. Insgesamt gibt es in der Provinz mehr als 76 provisorische Einrichtungen für Schutzbedürftige. Die Lebensbedingungen vor Ort sind jedoch hart. Die Menschen sind auf Generatoren angewiesen, Fenster sind nach den Gefechten teils noch von Kugeln durchlöchert, und selbst an ausreichenden Decken fehlt es im Winter. Viele Vertriebene haben Familienangehörige verloren und konnten sich selbst nur knapp retten. Sie fordern eine Rückkehr in ihre Häuser und setzen ihre Hoffnung auf die internationale Gemeinschaft.
Autonome Strukturen als Schutz
In Suwaida ist das Vertrauen in die Übergangsregierung gebrochen. Geistliche Führer betonen: »Unsere Forderung ist klar: eine dezentrale Regierung, Föderalismus und ein Leben in Frieden. Die Macht darf nicht in den Händen derer bleiben, die solche Gräueltaten begehen. Wir haben Zusammenarbeit angeboten – jetzt ist das Vertrauen weg. Wir verwalten uns bereits selbst und sind bereit für die nächsten Schritte.« Bewaffnete Selbstverteidigung entsteht nicht aus politischer Ambition, sondern aus dem Bedürfnis nach Schutz.
An der syrischen Küste ist die Situation eine andere. In Städten wie Baniyas, Latakia und Tartous kommt es zu Angriffen durch Pro-Assad-Gruppen auf Kontrollpunkte der Regierung. Es folgen schwere Vergeltungsschläge gegen die alawitische Zivilbevölkerung. Zwischen dem 6. und 12. März 2025 wurden laut SOHR mehr als 1.600 Zivilisten getötet, wobei die tatsächliche Zahl wahrscheinlich weitaus höher liegt. Viele Familien melden noch immer vermisste Angehörige.
Im Unterschied zu den Drus*innen im Süden oder den Kurd*innen im Nordosten verfügen Alawit*innen an der Küste weder über autonome Verwaltungsstrukturen noch über organisierte Selbstverteidigungseinheiten. In der Eskalation der Gewalt wird diese strukturelle Schwäche sichtbar und prägt Verlauf und Ausmaß der Massaker.
Viele Familien leben seither in ständiger Angst. Berichte über Inhaftierungen nach kritischen Äußerungen gegenüber der Regierung häufen sich, Menschen werden weiterhin verschleppt. Wer freikommt, spricht kaum über das Erlebte, aus Angst vor weiteren Übergriffen oder davor, Angehörige in Gefahr zu bringen. Täter leben teils in unmittelbarer Nähe, in den ehemaligen Häusern ihrer Opfer oder jener, die vertrieben wurden. Vertrauen in staatlichen Schutz existiert kaum noch. Die Küstenregion, lange als relativ stabil wahrgenommen, wird zum Sinnbild für die Verwundbarkeit von Minderheiten ohne eigene Sicherheitsstrukturen.
Die Forderung nach föderalen Strukturen ist eine Reaktion auf jahrzehntelange Zentralisierung, die politische Mitsprache verhinderte und Minderheiten schutzlos zurückließ.
Im Norden Syriens, in Aleppos Stadtteil Sheikh Maqsoud, zeigt sich ein anderes Modell. Das überwiegend von Kurd*innen bewohnte Viertel steht unter Kontrolle der Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens. Trotz Abzugs der YPG- und YPJ-Truppen im Zuge des Abkommens vom 10. März 2025 zwischen der SDF und der Übergangsregierung kommt es immer wieder zu Angriffen seitens der syrischen Armee. Aktuell wird das Viertel belagert. Wohnhäuser werden beschädigt, Zivilist*innen verletzt, vertrieben und getötet.
Sheikh Maqsoud ist Ausdruck eines politischen Ansatzes, den viele Minderheiten als notwendig erachten. Die Forderung nach Dezentralisierung und föderalen Strukturen ist eine Reaktion auf jahrzehntelange Zentralisierung, die politische Mitsprache verhinderte und Minderheiten schutzlos zurückließ. Lokale Selbstverwaltung und organisierte Selbstverteidigung werden als Voraussetzung für Sicherheit verstanden.
Warten auf Frieden
Die Massaker an der Küste und die Gewalt in Suwaida wirken in Sheikh Maqsoud nach. Sie gelten als Warnung. Selbstverwaltung und Selbstverteidigung werden hier auch als Konsequenz aus Erfahrungen anderswo im Land begriffen.
Drus*innen im Süden, Alawit*innen an der Küste, Kurd*innen im Nordosten: Ihre politischen Realitäten unterscheiden sich, doch ihre Verwundbarkeit, insbesondere nach der Machtübernahme durch die islamistische Regierung unter al-Sharaa, verbindet sie. Wo Gewalt und Auseinandersetzungen stattfinden, entscheidet das Vorhandensein oder Fehlen lokaler Strukturen über Leben und Tod von Minderheiten.
Syrien befindet sich nach dem Sturz Assads weiterhin in einer Phase tiefgreifender Unsicherheit. Der politische Übergang ist nicht abgeschlossen, bewaffnete Akteure prägen große Teile des Landes. Internationale Aufmerksamkeit bleibt begrenzt, langfristige Lösungen sind unklar. Ob die religiöse und ethnische Vielfalt des Landes erhalten bleibt, ist offen. Für viele Angehörige von Minderheiten bleibt vorerst nur der Wunsch, der sich in allen Gesprächen wiederfindet: Ein Leben in Frieden.