Mehr als ein Streik
In Iran kommt es zu Protesten – können sie erfolgreich sein?
Von Pajam Masoumi
Alle Jahre wieder verschwinden Iraner*innen in der Diaspora in ihren Smartphones, um die Nachrichten aus der Islamischen Republik minutengenau zu verfolgen. So wie in den vergangenen Tagen auch wieder. Anlass ist dieses Mal ein historischer Absturz der Währung, deren Wert innerhalb einer Woche um vier Prozent gesunken ist, was für Proteste sorgt, die sich über das ganze Land ausbreiten.
Im zurückliegenden Jahr 2025 verlor die Währung insgesamt rund 70 Prozent an Wert, sodass ein US-Dollar heute 144.000 Toman entspricht. Ein Rekordtief, das dafür sorgt, dass die Händler auf dem historischen Bazar Teherans kaum Waren nachkaufen können und entsprechend viele Regale leer bleiben, auch bei denen, die sich nicht den Protesten anschließen.
Parallel zu dieser Krise stellte die Regierung um den als »Reformer« geltenden Massoud Pezeshkian den ab März 2026 geltenden Haushaltsentwurf vor: Entgegen den Beteuerungen, der Haushaltsplan würde der wirtschaftlichen Krise entgegenwirken, plant die Regierung so gut wie keine Einnahmen aus den Erdöl-Geschäften in Maßnahmen zu deren Bewältigung zu investieren. Stattdessen, so vermuten Wirtschaftsexpert*innen, werden wieder einmal die Militärausgaben steigen.
Auffällig ist, dass im Gegensatz zu den Jin-Jiyan-Azadi Protesten sowie den Protesten von 2019, der Ruf nach Reza Pahlavi, dem Sohn des 1979 gestürzten Shahs, auf den Demonstrationen in Iran zu hören ist.
Im Rahmen dieser Gemengelage legten also die Bazaaris die Arbeit nieder. Der historische Bazar in Teheran gilt als der wirtschaftliche Gradmesser Irans, und der Absturz der Währung trifft auf eine ohnehin über die letzten Jahre massiv verarmte Gesellschaft: Nahrungsmittel haben sich durchschnittlich im Vergleich zum letzten Jahr um rund 70 Prozent verteuert.
Schnell folgten weitere Händler, auch außerhalb des Bazars, etwa in Technik-Centern in Teheran, die auf den Import von beispielsweise Mobiltelefonen angewiesen sind. Den Streikbeginn sowie öffentliche Proteste beantwortete die klerikale Führung zunächst so, wie sie immer auf Protest reagiert: mit Gewalt und Festnahmen.
Händler- oder Massenprotest?
Nachdem die Streiks am Sonntag, den 28. Dezember, noch lokal in Teheran stattfanden, schlossen sich am Montag und Dienstag in weiteren Großstädten Händler den Protesten an und ließen ihre Läden geschlossen. Seit dem 30. Dezember beteiligen sich auch weitere soziale Gruppen, von Student*innen bis Rentner*innen. Aktivist*innen der Jin-Jiyan-Azadi-Bewegung nennen die Proteste zwar berechtigt, rufen aber bisher nicht selbst zur Teilnahme auf. Dafür sollen Arbeiter*innen in wichtigen Wirtschaftssektoren, etwa der Chemieindustrie, die Kritik an der Regierung in ihre bereits bestehenden Streiks, aufgrund u.a. von nicht gezahlten Löhnen, aufgenommen haben.
Historisch nahmen die Bazaaris eine Schlüsselrolle im Kampf gegen die iranische Monarchie ein. Durch die umfassenden Modernisierungsprogramme des Shahs setzte die iranische Wirtschaft vor der islamischen Revolution 1979 auf den Ausbau von Schwerindustrien. Viele der traditionellen Bazaaris wurden in ihrer gesellschaftlichen Rolle und wirtschaftlichen Basis abgewertet und engagierten sich daher zunehmend in der Opposition. Nach der Revolution erging es den Händlern jedoch nicht besser – obwohl einige der Bazaaris Führungspositionen in der neuen Regierung einnahmen, schränkte die klerikale Führung den freien Handel auf dem Bazar, etwa in Form von Preisdeckelungen, ein.
Ruf nach dem »Kronprinz«
Auffällig ist, dass im Gegensatz zu den Jin-Jiyan-Azadi Protesten sowie den Protesten von 2019, der Ruf nach Reza Pahlavi, dem Sohn des 1979 gestürzten Shahs, auf den Demonstrationen in Iran zu hören ist. Dieser war im Rahmen der letzten Protestwellen (und seitdem) vornehmlich aus der Diaspora zu vernehmen gewesen und ging nicht zuletzt auf eine gemeinsame Kampagne von iranischen Monarchist*innen und Teilen der israelischen Regierung zurück, wie die israelische Zeitung Haaretz im Oktober 2025 aufdeckte.
Haaretz berichtete u.a., wie während des Krieges zwischen Iran und Israel im Juni in die Kampagne involvierte Accounts gezielt tatsächlich im Rahmen von Protesten gerufene Slogans wie »Tod dem Diktator« aufgriffen, diese in KI-generierte Videos einsetzten und so versuchten, eine reale Bewegung mit Pahlavi in Verbindung zu bringen.
Die neuerlichen Proteste bieten nun ein deutlich größeres Potenzial zur Veränderung als der israelisch-iranische Krieg, aber auch als die durch den Mord an Jina Mahsa Amini ausgelösten Massenproteste 2022. Denn der Wertverlust der Währung und die damit einhergehende Inflation treffen alle Teile der Bevölkerung – selbst die Angestellten der Republik, deren steigende Löhne ebenfalls nicht die stetig eskalierende Inflation ausgleichen.
Die Wahrscheinlichkeit einer ausländischen Einmischung oder gar eines durch die USA und Israel unterstützten Regime Changes wächst somit allerdings auch. Das stellt die iranischen Protestierenden vor ein, derzeit noch hypothetisches, Dilemma: Versucht man, die klerikale Führung zu stürzen, mit dem Risiko, anschließend eine durch westliche Imperialisten und Regionalmächte installierte Monarchie zu erhalten, oder lässt man sich erneut mit Reformversprechen befrieden? Sicher ist zumindest, dass viele Iraner*innen den Glauben an Reformen durch die Regierung längst verloren haben. Die Regierung Pezeshkian erklärte kürzlich mehrfach selbst, die wirtschaftliche Lage des Landes kaum verbessern zu können, die Proteste seien sogar berechtigt.
Zwischen Sorge und Hoffnung
Dass die Sorgen vor oder die Hoffnung einiger auf Einmischung nicht unbegründet sind, zeigen die bereits erwähnte Kampagne sowie die Äußerungen Trumps, er würde Iran erneut angreifen, sollte die Republik versuchen, ihre militärische Position wieder zu verbessern. Auch die regelmäßigen Drohungen vonseiten Benjamin Netanjahus in Richtung Revolutionsführer Ali Chamenei, sowie viele weitere Äußerungen israelischer Parlamentsmitglieder schlagen in eben diese Kerbe. Die Regierung um Pereshkian setzt derweil auf Befriedung der Proteste: Am 30. Dezember kündigte der iranische Präsident an, mit Führern der Proteste sprechen zu wollen – wer diese Führer sein sollen, ob Pahlavi oder etwa Gefangene im Evin-Gefängnis, ist noch unbekannt.
Der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad postete indes eine Umfrage auf X, ob »den Iraner*innen von außen geholfen« werden solle, und sendete auf einem weiteren Account die Nachricht, sie würden den Iraner*innen nicht bloß aus der Ferne beistehen, stattdessen sei der Geheimdienst mit ihnen auf der Straße.
Existiert eine unabhängige Alternative, um den Wunsch vieler Iraner*innen – Arbeiter*innen, Feminist*innen und unterdrückten Minderheiten – nach Freiheit und demokratischen Rechten selbst umzusetzen? Das scheint unter den jetzigen Bedingungen (noch) eher unwahrscheinlich. Es gibt keine dezidiert revolutionäre Organisation, und sei sie liberal-bürgerlich, die sich größerer Beliebtheit erfreut. Unter den Demonstrierenden, egal welcher Protestwelle der letzten Jahre, setzten sich außerdem keine einheitlichen Forderungen, geschweige denn eine kollektive Führung, durch, obwohl es durchaus einige bekannte Personen in verschiedenen Oppositionsbewegungen gibt.
So bleibt für viele nur die Hoffnung auf eine Destabilisierung des Regimes durch die USA und Israel. Oder, wie bereits beim sogenannten Arabischen Frühling und zuletzt in Nepal und an anderen Orten der Welt, der spontane Aufstand, der zwar eine Regierung stürzen, aber kaum die Macht übernehmen kann.