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|ak 721 | Geschichte

Mordmotiv Sozialneid?

In seinem neuen Buch liefert Götz Aly wichtige Fakten und kurzschlüssige Deutungen

Von Jens Renner

Ein Stelenfeld, an der Seite zwei Männer im Anzug
Warum wurden so viele Deutsche zu Massenmördern? Der damalige Außenminister Heiko Maas mit seinem US-Amtskollegen, Anthony Blinken, 2021 am Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Foto: gemeinfrei

Altersstarrsinn kann man Götz Aly (geboren 1947) kaum vorwerfen. Nicht Zuspitzung, eher Abschwächung früherer steiler Thesen kennzeichnet sein Buch »Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945«. Das zeigt insbesondere ein Vergleich mit seinem 2005 erschienenen Bestseller »Hitlers Volksstaat«. Breite Aufmerksamkeit erregte es nicht zuletzt durch skandalträchtige Formulierungen, die von den bildungsbürgerlichen Multiplikator*innen begierig aufgegriffen und popularisiert wurden. Dazu gehörten etwa die »bewaffneten Butterfahrer« – gemeint waren die massenmordenden Soldaten der Deutschen Wehrmacht auf ihrem Vernichtungsfeldzug im Osten.

So steht es im letzten, zusammenfassenden Kapitel von »Hitlers Volksstaat«, wo Aly auch die Triebkraft der NS-Politik allen Ernstes so definierte: »Die materielle Stimulierung einer gehobenen deutschen Massenlaune auf Kosten anderer bildete das wesentliche – stets kurzfristig verstandene – Ziel des Regierens.« Was die Regierten dann Aly zufolge zumindest mit Loyalität, wenn nicht Begeisterung honorierten. Ideologische Motive, auch Antisemitismus, kamen bei ihm nur am Rande vor.

Diese Einseitigkeit der Argumentation hat Aly in seinem in diesem Jahr erschienenen Buch teilweise korrigiert. Das auf die Einleitung folgende erste Kapitel trägt den Titel »Antisemitismus und soziale Mobilität«. Den Anspruch, eine eigene Antisemitismustheorie zu formulieren, erhebt Aly nicht. Wohl aber will er erklären, warum die arischen Volksgenoss*innen den nazistischen Rassenwahn übernahmen und im Alltag auslebten. Aly zufolge war Sozialneid der Impuls, der die Volksgemeinschaft in mörderischer Judenfeindschaft vereinte. Neidisch gewesen seien die nicht-jüdischen Deutschen auf Bildungsvorsprung und wirtschaftlichen Erfolg der jüdischen Minderheit. Ohne diese lästige Konkurrenz hätte ihnen der Weg nach oben offen gestanden, hätten sie geglaubt.

Von einer nationalsozialistischen Ideologie oder Weltanschauung will Aly nicht reden.

Als Vorbilder, die es geschafft hatten, dienten ihnen die Nazi-Aufsteiger: »In ihrer Gesamtheit repräsentierten die Funktionäre des NS-Staats die aus der jeweils tieferen in die nächsthöhere Schicht Drängenden«, schreibt Aly, und nicht etwa die »Absteiger und Abstiegsbedrohten«. Empirisch mag das stimmen. Dass Abermillionen es ihnen gleich taten und deshalb die vermeintliche jüdische Konkurrenz loswerden wollten, mit welchen Mitteln auch immer, ist aber denn doch eine allzu kurzschlüssige Erklärung. In Teilbereichen mag sie zutreffen, so etwa bei Abiturient*innen oder Akademiker*innen. Ihnen verhalf die regierende NSDAP »nicht nur mittels radikaler Judendiskriminierung zu besseren Zukunftsaussichten, sondern erleichterte ihnen auch das Studium«, schreibt Aly.

»Neidhammel« und »Wutbürger«

Dass die Angehörigen der angeblichen Herrenrasse massiver staatlicher Förderung gegen die überlegene jüdische Minderheit bedurft hätten, widerlegt die gesamte nazistische Rassentheorie. Aly zeigt, wie die NS-Elite diesen Widerspruch aufzulösen suchte. »Der Jude« sei gar nicht klüger, sondern nur »raffinierter und gerissener als wir«, verkündete Goebbels 1937. Deshalb müsse er »als Negativum ausradiert werden«. Das sei ganz im Interesse der damaligen »Neidhammel« und »Wutbürger« gewesen. Hinzugekommen sei »wohldosierter Terror« gegen oppositionelle Minderheiten – ein für Aly typischer Zynismus. Dass er nicht nur »Vordenker und Förderer, Soldaten, Offiziere und Generäle als loyale und hilfreiche Diener des Mordregimes« in den Blick nimmt, sondern auch die »Stillen, die Harmlosen, die fünfzig- oder achtzigprozentigen Unterstützer«, ist verdienstvoll. So ließe sich sein Buch denn als Ergänzung lesen zu den zahllosen Veröffentlichungen über die Haupttäter, die in diesem Herbst, 80 Jahre nach Beginn der Nürnberger Prozesse, wieder im medialen Fokus stehen.

Allerdings will Aly keine Ergänzung liefern, sondern eine alternative Deutung. Dem widerspricht auch nicht die bescheiden klingende Einschränkung, seine Erklärungen dafür, »wie das geschehen konnte«, seien fragmentarisch. In einer wichtigen Frage dagegen legt er sich fest. Sein Buch »verifiziere« die »These, die nationalsozialistische Judenpolitik sei nicht einem vorgefassten Plan gefolgt, sondern habe sich situativ entwickelt und radikalisiert«. Damit bekennt Aly sich zur »funktionalistischen« Schule innerhalb der Shoah-Forschung. Deren »intentionalistisches« Gegenüber vertritt die – m.E. sehr viel plausiblere – Position, die planmäßige Vernichtung der europäischen Juden*Jüdinnen wäre ohne einen Befehl Hitlers nicht möglich gewesen. Mittlerweile vertritt eine Mehrheit der Historiker*innen die Synthese beider Ansätze. Demnach gab Hitler den Befehl in der zweiten Jahreshälfte 1941; bei dessen möglichst effektiver Umsetzung wetteiferten dann diverse Instanzen des NS-Staates. Unstrittig ist, dass die Nationalsozialisten nicht schon 1933 über einen detaillierten Plan für den Völkermord verfügten.

Die Nationalsozialisten? In diesem Begriff sieht Aly eine »wirklichkeitsferne Kollektivperson«. Auch von einer nationalsozialistischen Ideologie oder Weltanschauung will er nicht reden und schon gar nicht von Faschismus.

Bauer und Friedländer wussten es besser

Gewidmet hat Götz Aly sein Buch den vier verstorbenen Historikern Raul Hilberg, Hans Mommsen, Walter Pehle und Yehuda Bauer. Auf zwei von ihnen, Hilberg und Mommsen, beruft er sich in Sachen »Funktionalismus« zu Recht. Yehuda Bauer (1926–2024) dagegen gehörte zu Alys schärfsten Kritikern. In seinem Buch »Rethinking the Holocaust« (die deutsche Übersetzung trägt den schwammigen Titel »Die dunkle Seite der Geschichte«) bescheinigt er zwar Alys Detailstudien, diese fügten dem »Gesamtbild (der antijüdischen NS-Politik; Anm. JR) ein neues Element hinzu«. Alys Deutung allerdings widerspricht er vehement: »Die Entscheidung zum Massenmord an den Juden des Ghettos (von Bialystok; Anm. JR) fiel eindeutig in Berlin und war ideologisch motiviert. Die mittleren Bürokraten vor Ort hätten sie niemals getroffen.«

Als entscheidende Trägerin des Völkermordes sah Bauer eine »enttäuschte, entwurzelte Intelligenzija«, eine Gruppe von »Lumpenintellektuellen«, die nach der deutschen Niederlage 1918 ein »pseudo-messianisches Regime und einen Führer« suchten und fanden. Wie Hitler, der »als radikalisierender Faktor fungierte«, sahen sie in den Juden »die Hauptbedrohung der germanischen, nordischen, ›arischen‹ Menschheit«, zu vernichtende Todfeinde, die der Nazi-Utopie einer reinrassigen Volksgemeinschaft im Wege standen.

Diese in ihrem Wahn doch schlüssige Weltanschauung bezeichnete Saul Friedländer treffend als »Erlösungsantisemitismus« – auch aus Bauers Sicht ein »Schlüsselbegriff für das Verständnis nicht nur der Nazi-Ideologie selbst, sondern auch der enormen Anziehungskraft, die sie auf die deutschen Eliten und die Bevölkerung insgesamt ausübte«. Friedländer aber kommt in Alys 750 Seiten starkem Wälzer gar nicht vor.

Jens Renner

war bis 2020 ak-Redakteur.


Götz Aly: Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025. 762 Seiten, 34 EUR.