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Das Sterben der Anderen

Der Krieg im Sudan nimmt genozidale Formen an, die deutsche Politik sorgt sich vor allem um Migration

Von Saskia Jaschek

Eine Frau in einen roten Umhang steht auf einer Sandstraße und winkt einem abfahrenden Auto zu.
Die westlich von El Fasher gelegene Kleinstadt Tawila ist ein Hauptankunftsort für Tausende Menschen geworden, die aus El Fasher und Umgebung flüchten. Diese Frau verabschiedet eine Gruppe, die weiter nach Korma fährt. Foto: Jérôme Tubiana

Am 25. Oktober passierte das, wovor Beobachter*innen lange gewarnt hatten: Nach monatelanger Belagerung nahmen die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) die Stadt El Fasher, Hauptstadt von Nord-Darfur, ein. Bis dahin war die Stadt im Westen des Sudan die letzte Hochburg der sudanesischen Armee (SAF) und ihrer Verbündeten in der Region gewesen.

Über 600 Tage hatten die RSF die Stadt umzingelt und von der Außenwelt abgeschnitten. Etwa 260.000 Menschen waren in ihr eingeschlossen, Nahrung und Medikamente gelangten nicht mehr hinein. Die daraus resultierende Hungersnot forderte viele Todesopfer, vor allem unter Kindern und älteren Menschen. Überlebende berichteten, nach Tagen ohne Essen Tiernahrung verzehrt zu haben. Immer wieder wurde El Fasher bombardiert, bei Drohnenangriffen und Gefechten starben Hunderte Zivilist*innen.

Die Stürmung der ehemaligen Millionenstadt machte alles noch schlimmer. Seither kommt es dort zu massiven ethnisch motivierten Gewalttaten gegenüber indigenen, nicht-arabisch identifizierten Gemeinschaften, zu Vergewaltigungen, Exekutionen und Vertreibung. Viele dieser Taten konnten in den sozialen Medien beinahe live verfolgt werden, etwa das Massaker im letzten funktionsfähigen Krankenhaus der Stadt, wo die RSF alle 460 Patient*innen, Angehörige und Mitarbeitende töteten.

Ethnisch motivierte Massenmorde in Darfur sind nicht neu. In der Stadt El Geneina in West-Darfur wurden zwischen April und Juni 2023 etwa 15.000 Menschen, Angehörige der Masalit, einer als nicht-arabisch identifizierten Bevölkerungsgruppe, in genozidaler Absicht ermordet. Diese Taten hatten ihre Vorläufer im Darfur-Krieg Anfang der 2000er Jahre zwischen der islamistischen Militärregierung Omar al-Baschirs und nicht-arabischen Rebellengruppen, dem bis zu 300.000 Menschen zum Opfer fielen. Viele von ihnen starben durch die Hände der Janjaweed-Miliz, der Vorgängerorganisation der heutigen RSF, die damals an der Seite der Regierung kämpfte.

Ethnisch motivierte Massenmorde in Darfur sind nicht neu. Neu ist allerdings die Geschwindigkeit, mit der die Morde stattfinden.

Neu ist allerdings die Geschwindigkeit, mit der die Morde stattfinden. Nathanial Raymond, Geschäftsführer des Yale Humanitarian Research Labs, das seit Kriegsbeginn Gräueltaten mithilfe von Satellitenbildern recherchiert, vergleicht in einem Interview mit CNN die Geschehnisse in Darfur mit dem Völkermord in Ruanda 1994. »Wir haben es hier mit einem Massensterben zu tun, das innerhalb einer Woche die Zahl der Menschen übersteigen könnte, die in zwei Jahren in Gaza ums Leben gekommen sind«, sagt er dort.

El Fasher war für die RSF strategisch bedeutsam. Mit ihr kontrollieren sie nun ganz Darfur, ein Gebiet so groß wie Frankreich. Doch damit endet es nicht. Beinahe zeitgleich mit den Massakern in El Fasher häufen sich Berichte über Massenermordungen aus der benachbarten Provinz Kordofan, wo die RSF ebenfalls Offensiven starten. Eine völlige Einnahme Kordofans würde das Szenario einer Landesteilung ähnlich wie in Libyen immer wahrscheinlicher machen.

Beobachtungen der Offensiven in Kordofan lassen vermuten, dass die RSF es hier zunächst auf den Wirtschaftsstandort El Obeid abgesehen haben, Hauptstadt des Bundesstaates Nordkordofan. Die Einnahme strategischer Knotenpunkte rund um El Obeid durch die RSF weist auf eine erneute Strategie der Belagerung und Umzingelung hin. Sollte das gelingen, könnte der Stadt bald ein ähnliches Schicksal wie El Fasher drohen.

Während sich im Sudan weitere Eskalationen abzeichnen, bleibt Deutschland wie gewohnt passiv in seiner Sudan-Politik. Dabei zeugte ein Interview der Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Serap Güler (CDU), mit dem Deutschlandfunk während ihres Staatsbesuches in Sudans Nachbarland Tschad nur wenige Tage vor der RSF-Offensive in El Fasher vom Bewusstsein der Bundesregierung über mögliche Folgen der humanitären Katastrophe im Sudan.

Humanitäre Hilfe? Migrationsabwehr

Kurz zuvor hatte die Bundesregierung 16 Millionen Euro Hilfsgelder für den Sudan und seine Nachbarstaaten angekündigt. Gülers Interview zeigte jedoch, dass die Zahlungen kein Akt der Güte sind. Güler gab an, bei Bundestagsabgeordneten für mehr humanitäre Hilfsgelder für Sudan zu werben. Diese Forderung ist wichtig. Sudan braucht dringend humanitäre Hilfe. Etwa zwölf Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht, mehr als vier Millionen davon über die Landesgrenzen hinweg. Seit mehr als zweieinhalb Jahren fehlt es an fast allem, was es zum Lebenserhalt braucht. Landesweit sind etwa 80 Prozent der Krankenhäuser außer Betrieb. Ohne Zugang zu frischem Wasser und medizinischer Versorgung breiten sich Epidemien aus. Dazu kommt die kriegsbedingte Hungersnot in vielen Landesteilen. Das Resultat: Über 30 Millionen der etwa 46 Millionen Einwohner*innen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Doch im Interview wird schnell deutlich, wie gering Gülers Kenntnisse über die Region oder den Krieg sind. Die Staatsministerin zeigt sich überrascht von der Armut, die im Tschad herrscht. Ebenso von den vielen Menschen auf der Straße: »Ich habe gefragt: ›Was machen die hier?‹ Und die Antwort war ›Die leben zum Teil hier‹«, sagte sie.

Der Tschad ist nicht nur arm, sondern auch eines der Hauptaufnahmeländer sudanesischer Geflüchteter, besonders aus Darfur. Laut UNHCR halten sich derzeit knapp 900.000 Menschen aus dem Sudan dort auf, die Mehrzahl in Camps direkt an den Landesgrenzen. Immer wieder gibt es Berichte über Mangel an Trinkwasser, Nahrung und Unterkünften in den überfüllten Lagern, in denen sich Krankheiten wie Cholera ausbreiten.

Humanitäre Organisationen weisen seit Monaten darauf hin, dass die finanziellen Ressourcen fehlen, um den Bedarf zu decken. Ein Blick auf diese Finanzierungskrise relativiert auch die angekündigte 16-Millionen-Zahlung der Bundesregierung: Für 2025 kalkulierte das UN-Flüchtlingshilfswerk einen Bedarf von über 409 Millionen US-Dollar für humanitäre Hilfe nur im Tschad. Ende September waren laut der Organisation nur 33 Prozent davon gedeckt.

Güler scheint während ihrer Armutsschau bewusst geworden zu sein, dass sudanesische Geflüchtete nicht im Tschad bleiben werden, wenn auch dort die materiellen Grundlagen fehlen, die zum Leben nötig sind. Genau deshalb spricht sie eine Warnung aus: Als Nachbarkontinent sei Afrika ein Pulverfass, bei dessen Explosion die Gefahr bestehe, »dass es uns treffen wird«.

Mit »es« bezieht sich Güler nicht etwa auf die Bomben, die Sudan seit zweieinhalb Jahren in Schutt und Asche legen, sondern auf die Migrationsbewegung Flüchtender. Sie erinnert mahnend an westliche Budgetkürzungen bei humanitärer Hilfe während des Syrienkrieges 2013. Erst danach hätten sich der Politikerin zufolge viele Menschen aus Syrien auf den Weg nach Europa gemacht.

Neben Tschad grenzt Darfur auch an Libyen, von wo aus Menschen aus Nord-, Ost- und Westafrika sowie Westasien seit Jahrzehnten den Weg über das Mittelmeer nach Europa auf sich nehmen. Wer der Situation in Sudan oder Tschad entfliehen möchte, muss daher fast notgedrungen nach Libyen ausweichen. Dort zu bleiben, inmitten von Menschenhandel, Folter, Inhaftierung und Überfällen auf migrantisierte, besonders Schwarze Menschen, ist keine Option, weshalb für viele die Mittelmeerpassage der letzte Ausweg ist. Auf dieser Route ließ sich besonders in den letzten Monaten beobachten, dass die Zahl sudanesischer Flüchtender rapide zunahm.

Gülers Forderung nach mehr humanitärer Hilfe ist daher im Zusammenhang mit aktuellen migrationspolitischen Entscheidungen zu sehen. Etwa der Ankündigung von Kanzler Merz, finanzielle Förderungen ziviler Seenotrettung einzustellen. Mit der im Oktober im Bundestag abgenickten Verlängerung des Bundeswehrmandats für die EU-Militärmission Irini möchte Deutschland künftig auch die libysche Küstenwache beim Aufbau ihrer Kapazitäten unterstützen. Damit wird ausgerechnet jene Einheit, die seit Jahren Menschenrechtsverbrechen begeht, für die Migrationseindämmung legitimiert und womöglich künftig auch aktiv von der Bundeswehr unterstützt.

Nicht um Humanismus geht es also bei Gülers Forderung, sondern um Abschottung, bei der die Hilfsleistungen als Schutz vor Migration dienen sollen. Dies zeigt sich auch in Gülers Aussage, humanitäre Hilfe sei zunehmend eine »Sicherheitsfrage«, und Kürzungen in diesem Bereich könnten »uns in einigen Jahren in einer viel heftigeren Art und Weise treffen«.

Damit zieht die Politikerin eine Grenze zwischen dem sicheren, europäischen »Wir« und dem gefährlichen, in diesem Fall sudanesischen »Anderen«. Humanitäre Hilfe ist hier nicht Ausdruck geteilter Menschlichkeit, sondern ein Instrument der Abgrenzung. Eines, das politische Differenz betont und zugleich räumliche Distanz schafft, indem es die Anderen von uns fernhält. So entlarvt sich die koloniale Logik hinter Gülers vermeintlich humanistischem Appell: In dieser Logik gefährdet die Migration den Status des »Wir«, da sie die räumliche Distanz aufhebt, die die koloniale Ordnung der Differenz aufrechterhält.

Gegenseitige Hilfe, selbstorganisiert

Jenseits dieser Grenzziehungen stellt sich die Frage, wieso ausgerechnet die Menschen, die vor Krieg und Gewalt fliehen, anstatt sich an ihnen zu beteiligen, der Politikerin zufolge ein Sicherheitsrisiko für Europa darstellen. Jene Menschen, die sich im Sudan seit Jahren gegen Islamismus und Diktatur stellen, die 2019 in einer friedlichen Revolution ihren Langzeitdiktator Omar al-Baschir stürzten und deren selbstorganisierte Hilfe seit über zwei Jahren das Überleben von Millionen sichert. Beispielsweise die Emergency Response Rooms (ERRs), sogenannte Notfallzentralen, die seit Kriegsbeginn humanitäre Hilfe leisten und bereits zweimal für den Friedensnobelpreis nominiert waren.

Inmitten eines Krieges, der die koloniale Teile-und-Herrsche-Strategie, die im Sudan seit der Kolonialzeit ethnisierte Form annimmt, erneut entfacht, leisten die ERRs nicht nur Überlebenshilfe, sondern stärken Gemeinschaft und Zusammenhalt: Küchen, Märkte, Krankenhäuser, Schulen, Unterkünfte – sie alle sind kollektiv organisiert, ungeachtet ethnischer, religiöser oder politischer Zugehörigkeiten. Damit bilden die ERRs einen scharfen Kontrast zu westlicher Hilfspolitik. Sie bauen Differenzen ab, statt sie zu verfestigen, und halten damit eine zerrissene Gesellschaft zusammen. Kaum auszudenken, wie es ohne sie heute um den Sudan stehen würde.

Es gibt wohl viele Gründe, warum die ERRs den Friedensnobelpreis nicht bekamen. Einer könnte sein, dass sie gerade wegen ihrer Andersartigkeit im Vergleich mit westlicher Hilfe für das norwegische Preiskomitee schwer nachvollziehbar waren. Gleichsam lässt sich ihre lebenserhaltende und friedensstiftende Wirkung von außen nur schwer messen und quantifizieren. Gerade deshalb wäre eine Auszeichnung der ERRs ein wichtiges Zeichen gewesen. Nicht nur als verdiente Anerkennung, sondern auch, um den medial häufig als »vergessen« betitelten Krieg im Sudan ins Zentrum der Öffentlichkeit zu rücken. Von mehr Aufmerksamkeit hätten vermutlich auch die zum Großteil durch private Spenden finanzierten ERRs profitiert. Aber was schert uns das Leben und Sterben der Anderen, solange wir in sicherer Entfernung sind?

Porträtbild von Saskia Jaschek

Saskia Jaschek

lebt in Berlin. Sie ist freie Journalistin und promoviert an der Universität Bayreuth mit einer Forschung zur sudanesischen Widerstandsbewegung.