Krieg nach innen und außen
Um innenpolitische Krisen abzuwenden, verschärft Pakistan einen historischen Konflikt mit Afghanistan
Von Ayesha Khan
Der Krieg zwischen Afghanistan und Pakistan läuft weitgehend unter dem öffentlichen Radar in Deutschland. Während sich die Aufmerksamkeit auf Iran, Israel und die USA richtet, verschärft sich entlang der gemeinsamen Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan ein Konflikt, der längst über vereinzelte Kampfhandlungen an der Grenze hinausgeht. Seit Monaten kommt es zu Luftangriffen, Artilleriebeschuss und Gefechten. Pakistan spricht offen von Krieg, Afghanistan von Angriffen auf seine Souveränität. Zivile Opfer sind dokumentiert, auch wenn die Angaben darüber auseinandergehen.
Dass diese Eskalation gerade jetzt stattfindet, ist kein Zufall. Durch den Krieg in Gaza und Iran verschieben sich weltweit, aber insbesondere in der Region, die Kräfteverhältnisse. Was sich an der afghanisch-pakistanischen Grenze abspielt, ist Teil dieser Verschiebung.
Ein Ausgangspunkt dieses Konflikts mit einer langen Vorgeschichte liegt in der Grenze selbst. Die sogenannte Durand-Linie wurde 1893 unter britischer Kolonialherrschaft gezogen. Sie zerschnitt die vornehmlich von der paschtunischen Bevölkerung besiedelte Region und ist bis heute politisch umstritten. Afghanistan erkennt sie nicht als endgültige Grenze an, Pakistan verteidigt sie als Staatsgrenze. Die willkürliche Grenzziehung der Briten prägt die Region bis heute. Sie erklärt nicht alles, aber sie bildet die Grundlage der Auseinandersetzung.
Gleichzeitig zieht sich eine weitere Linie durch den Konflikt: Pakistan hat über Jahrzehnte hinweg versucht, Einfluss auf die politische und militärische Entwicklung in Afghanistan zu nehmen, unter anderem durch die Unterstützung jihadistischer Gruppen wie der Taliban und des Haqqani-Netzwerks. Ziel dieser Politik ist vornehmlich, gegnerische Einflussnahme auf Afghanistan, insbesondere durch Indien, zu begrenzen. In der Vergangenheit hat Indien in Afghanistan unter anderem in Infrastrukturprojekte, Bildung und staatliche Institutionen investiert sowie enge politische Beziehungen zur Regierung in Kabul gepflegt. Dies wird in Islamabad seit Langem als strategische Bedrohung wahrgenommen.
Zu Zeiten des »Krieges gegen den Terror« ab 2003 war Pakistan ein zentraler Verbündeter der USA und erhielt durch diese umfangreiche militärische und finanzielle Unterstützung. Gleichzeitig hielten Teile des pakistanischen Sicherheitsapparates Verbindungen zu den Taliban aufrecht. Für viele Afghan*innen wurde Pakistan damit zu einem doppelten Akteur. Dieses widersprüchliche Verhältnis hat das Misstrauen unter Afghan*innen gegenüber Pakistan nachhaltig geprägt.
Unberechenbarer Nachbar
Die Machtübernahme der Taliban 2021 und der Abzug der Nato schienen die Strategie Pakistans, sowohl mit den USA als auch mit den Taliban zusammenzuarbeiten, zunächst zu bestätigen. Doch die Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Statt eines berechenbaren Partners steht Pakistan heute einem Nachbarn gegenüber, der eigene Interessen verfolgt und sich nicht in die von Pakistan angestrebte Sicherheitsarchitektur einfügt.
Angesichts der Konflikte in Pakistan wirkt die militärische Eskalation mit dem Nachbarland wie eine Verschiebung des innenpolitischen Drucks nach außen.
Im Zentrum der aktuellen Zuspitzung steht die pakistanische Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP). Die TTP führt schon lange Angriffe auf den pakistanischen Staat durch, mit dem Ziel, diesen zu stürzen und stattdessen ein sunnitisches Kalifat zu errichten. Die pakistanische Regierung um den Premierminister Shebaz Sharif wirft den afghanischen Taliban vor, der TTP Rückzugsräume zu bieten. Kabul weist den Vorwurf zurück und spricht von einem internen Problem Pakistans. Tatsächlich hat die Gewalt innerhalb Pakistans in den vergangenen Jahren zugenommen: Neben der TTP kämpfen in Belutschistan mehrere bewaffnete Gruppen gegen den pakistanischen Staat. Sie haben in Teilen den belutschischen Gesellschaften Rückhalt, da Pakistan, ebenso wie andere Staaten, der belutschischen Bevölkerung politische und soziale Teilhabe verwehren. Berichte über das Verschwindenlassen von Aktivist*innen, Militärgewalt und systematische Repression sind seit Jahren dokumentiert. Zudem ist das Land mit einer ökonomischen Krise konfrontiert, die sich seit 2022 verschärft hat. Sie ist geprägt von hoher Inflation, wachsender Verschuldung und wiederholten Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds. Diese Wirtschaftskrise verschärft Konflikte und soziale Spannungen innerhalb Pakistans zusätzlich.
Rassismus gegen die Krise
Zudem erhöht die pakistanische Regierung seit Jahren den Druck auf afghanische Geflüchtete. Seit 2023 laufen Programme zur massenhaften Abschiebung, von denen auch Menschen betroffen sind, die seit Jahrzehnten in Pakistan leben oder sogar dort geboren sind. Schätzungen von Amnesty International zufolge sind seit 2025 bis zu 1,4 Millionen Afghan*innen von Abschiebung bedroht. Menschenrechtsorganisationen berichten von willkürlichen Festnahmen, eingeschränktem Zugang zu Rechtsmitteln und Abschiebungen in häufig zutiefst prekäre Situationen, wie etwa im Winter 2025. Die aus Pakistan abgeschobenen Afghan*innen wurden direkt an der Grenze in Zelten untergebracht, die kaum Schutz vor den hohen Minusgraden boten. Diese Politik ist nicht nur humanitär problematisch, sondern verschärft auch die Spannungen zwischen Kabul und Islamabad zusätzlich.
Angesichts der Konflikte im Land wirkt die militärische Eskalation mit dem Nachbarland wie eine Verschiebung des innenpolitischen Drucks nach außen. Gleichzeitig stärkt der Konflikt die Rolle des Militärs, das in Pakistan traditionell großen Einfluss auf außenpolitische Entscheidungen hat. Der oft zitierte Satz, Pakistan sei ein Staat, in dem nicht die Armee dem Staat dient, sondern der Staat der Armee, bringt dieses Machtverhältnis auf den Punkt.
Auch in den Krieg in Iran hat sich Pakistan als diplomatischer Vermittler eingeschaltet. Das Timing im Kontext des eigenen Krieges in Afghanistan ist dabei entscheidend: Anfang April vermittelte Islamabad maßgeblich eine, zumindest so geplante zweiwöchige Waffenruhe zwischen den USA und Iran. Diese Vermittlung war alles andere als neutral. Es liegt nahe, dass Pakistan auch als indirekter Kommunikationskanal für die USA fungierte und gleichzeitig versuchte, seine eigene diplomatische Bedeutung auszubauen.
Pakistan bewegt sich dabei in einem begrenzten geopolitischen Raum. Es ist militärisch und wirtschaftlich eng mit den USA verbunden, steht zugleich unter Druck, sich gegenüber Iran und anderen Staaten der Region nicht offen feindlich zu positionieren. Die Regierung verfolgt deshalb eine Strategie, die sich als begrenzte Vermittlung beschreiben lässt: Sie vermeidet direkte militärische Beteiligung, sucht aber politische Einflussmöglichkeiten.
Sicherheitspolitische Verwaltung
Der Krieg zwischen Afghanistan und Pakistan ist damit kein isolierter Konflikt, sondern Ausdruck einer Verschiebung von Macht und Aufmerksamkeit in der Region. Er speist sich aus einer umstrittenen Grenze, aus inneren Krisen, die nach außen verlagert werden, und aus sicherheitspolitischen Strategien, die sich verselbstständigt haben.
Pakistan nutzt dieses Moment, um militärisch Fakten zu schaffen und gleichzeitig als diplomatischer Vermittler aufzutreten. Diese Gleichzeitigkeit ist kein Widerspruch, sondern Teil einer politischen Strategie, die Konflikte nicht löst, sondern verwaltet. Für Afghanistan bedeutet das, einmal mehr zum Schauplatz einer Auseinandersetzung zu werden, die über seine Grenzen hinausreicht, aber auf seinem Territorium ausgetragen wird. Parallel dazu laufen erste Gespräche über Deeskalation im aktuellen Konflikt, unter anderem vermittelt durch China. Von einem stabilen Waffenstillstand zwischen Pakistan und Afghanistan kann jedoch bislang keine Rede sein.