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Mit Hot Dogs und Jetskis gegen Corona

Brasilien wird unter Präsident Bolsonaro zum neuen Corona-Hotspot - Widerstand kommt aus unerwarteter Ecke

Von Niklas Franzen

Demonstration gegen Präsident Jair Bolsonaro, Rassismus und für Demokratie in Largo da Batata. Foto: Filipe Araujo / fotospublicas.com, CC BY-NC 2.0

Als Brasilien die Zahl von 5.000 Corona-Toten überschritt, ranzte Jair Bolsonaro einen Reporter an: „Ja und? Was soll ich machen?“. Bei 10.000 Toten düste Brasiliens Präsident gutgelaunt mit einem Jetski auf einem See herum. Und als das Land 20.000 Tote erreichte, stopfte sich Bolsonaro auf der Straße, umringt von Fans einen Hot Dog hinein. Diese Episoden sind symptomatisch für den Kurs des Rechtsradikalen in der Gesundheitskrise. Corona bezeichnete der cholerische Ex-Militär als »kleine Grippe«. Regelmäßig wettert er gegen die Isolationsmaßnahmen, die von den Landesregierungen verhängt wurden. Woanders heben Bagger Massengräber aus, ersticken Menschen in Krankenhausfluren und schluchzen Bürgermeister vor Fernsehkameras. Noch im März schaute man in Brasilien ungläubig nach Europa. Bilder wie in Bergamo? Undenkbar für viele. Mittlerweile kehrt in Europa schleichend Normalität zurück. Und in Brasilien explodieren die Fallzahlen. Das Land hat bereits die zweitmeisten Infizierten weltweit, eine der höchsten Ansteckungsraten und laut Expert*innen eine schockierend hohe Dunkelziffer. Kürzlich stufte die WHO Brasilien als neues Epizentrum der Pandemie ein.

Mit seinem Rückkehr-zur-Normalität-Kurs will sich der Präsident präventiv für die kommende Rezession aus der Verantwortung ziehen. Fakt ist: Brasilien wird einen schwindelerregenden Einbruch der Wirtschaft erleben. Hinter den Isolationsmaßnahmen wittert Bolsonaro zudem eine Verschwörung der Landesregierungen, um seiner Regierung zu schaden. Viele Gouverneure kontern den Attacken des Präsidenten. Als dieser herumtönte, Fitnessstudios und Friseursalons wiederzueröffnen, erklärten sie, Bolsonaros Dekret schlichtweg zu ignorieren. Ein politischer Kleinkrieg inmitten der Pandemie.

Und auch innerhalb der Regierung krachte es zuletzt. Der populäre Justizminister und Ex-Starrichter Sergio Moro trat mit einem Knall zurück. Ein Gesundheitsminister musste gehen, weil er die Empfehlungen der WHO befolgen wollte. Ein anderer, weil er sich gegen den Einsatz eines vermutlich gesundheitsschädlichen Medikaments aussprach. Der Interims-Gesundheitsminister ist ein General und hat neun weitere Militärs eingestellt. Was sie verbindet: Niemand hat Erfahrung im Gesundheitsbereich. Mit Wissenschaftsskeptikern und Verschwörungsideologen auf wichtigen Posten steuert Brasilien auf den Höhepunkt der Pandemie zu.

Politisch hat sich Bolsonaro durch seinen Kurs weitestgehend isoliert. Die großen Medien berichten kritisch, die Justiz blockt regelmäßig seine Vorhaben und ermittelt nun sogar gegen den Präsidenten. Man könnte meinen: Bolsonaro schaufelt in der Corona-Krise sein eigenes Grab. Und nach jedem neuen Skandal tönt es: Jetzt ist er zu weit gegangen! Das kann er nicht überstehen! Ein Abgang ist unausweichlich! Doch es gibt auch eine andere Lesart: Bolsonaro könnte von dem Chaos sogar profitieren.

Grobschlächtig, hasserfüllt, vulgär

Seine ständigen Entgleisungen, Provokationen und skurrilen Auftritte haben System. Wie kein zweiter perfektioniert Bolsonaro die Inszenierung. Mal gibt er im Fußballtrikot Pressekonferenzen, mal macht er vor dem Präsidentenpalast Liegestütze oder beschimpft im Kneipenjargon politische Gegner. „Fast alle haben einen Onkel wie Bolsonaro“, schreibt die Journalistin Eliane Brum. Für seine Gegner gilt Bolsonaro als grobschlächtig, hasserfüllt und vulgär. Seine Anhänger*innen verehren Bolsonaro wiederum für seine direkte und authentische Art und nennen ihn »Mythos«. In der Corona-Krise wird der Personenkult besonders deutlich.

Bolsonaros Anhänger*innen halten »ihrem Präsidenten« mit fast schon religiöser Hingabe die Treue. »Bolsonarismus« nennen viele dieses Phänomen. Inhaltlich vereint es eine gefährliche Melange aus Militarismus, Antikommunismus und religiösem Fanatismus. Die Feinde sind klar bestimmt: die Justiz, der Kongress, die Medien. Als Ende Mai Razzien bei einigen prominenten Unterstützer*innen Bolsonaros durchgeführt wurden, drohte der Präsident unverhohlen dem Obersten Gerichtshof. Regelmäßig beschimpft er Journalist*innen, was nicht selten in Gewalt durch seine Gefolgsleute umschlägt. Nach tätlichen Angriffen auf Reporter*innen erklärten zwei der größten Medienhäuser, ihre Berichterstattung vor dem Präsidentenpalast vorübergehend einzustellen. Mit seinen ständigen Ausfällen schafft es Bolsonaro außerdem sich in Trump-Manier permanent in Szene zu setzen, Themen zu bestimmen und von den Fehlern seiner Regierung abzulenken. Umfragen zeigen zwar, dass die Ablehnung Bolsonaros wächst. Doch seine Zustimmungsrate ist stabil und liegt bei rund 30 Prozent – nicht trotz, sondern wegen der Skandale.

Der 22. Mai war wieder so ein denkwürdiger Tag. An diesem Freitag gab ein Richter das Video einer Kabinettssitzung frei. Ex-Justizminister Sergio Moro hatte Bolsonaro bei seinem Rücktritt vorgeworfen, aus politischen Gründen Einfluss auf die Bundespolizei nehmen zu wollen. Das viel diskutierte Video soll Bolsonaros Schuld beweisen. Und es zeigt noch mehr: Einen tobenden Präsidenten, der die Gouverneure von São Paulo und Rio de Janeiro als »Stück Scheiße« beleidigt, eine Bewaffnung des Volkes fordert und verkündet, dass er nicht warten werde, dass seine Familie »gefickt« wird. Gegen seine Söhne, ebenfalls ultrarechte Politiker, ermittelt die Bundespolizei. Später sollten Journalist*innen 38 Schimpfwörter Bolsonaros in der zweistündigen Sitzung zählen. Die Reaktion auf das Video zeigte, wie gespalten das Land ist. Beide Seiten sahen sich durch die Aufnahmen bestätigt. Kritiker*innen regierten empört auf den Schimpfwort-Marathon und die Drohgebärden des Präsidenten. Seine Fans feierten wiederum die Rede und sahen ihre Annahme bestätigt, dass ein Komplott gegen die Regierung am Laufen sei. Ein prominenter Politiker twitterte gar: »Damit ist Bolsonaro wiedergewählt.«

Wegen der Vorwürfe Moros wurden mittlerweile Ermittlungen gegen Bolsonaro eingeleitet. Und Kritiker*innen betonen, dass der Präsident weitere Straftaten begangen habe. Zum Beispiel als er sich auf Protesten blicken ließ, wo auch für eine Militärintervention demonstriert wurde. Oder als er sich trotz ärztlich verordneter Quarantäne in Menschenmengen mischte und ohne Schutzmaske Selfies mit Fans machte. Die Opposition hat mehrere Anträge auf ein Amtsenthebungsverfahren eingereicht. Doch die Chancen auf Erfolg sind gering. Dafür genießt Bolsonaro zu viel Rückhalt in der Bevölkerung. Außerdem bestehen Kongress taktische Bündnisse, sodass die Opposition Bolsonaro kaum etwas entgegen setzen kann.

Ungewöhnliche Allianz im Widerstand gegen Bolsonaro

Linke hoffen, dass sich das bald ändert – erste Anzeichen dafür gibt es. Am 31. Mai schlossen sich in São Paulo Fans der vier großen Fußballvereine der Stadt – die eigentlich miteinander verfeindet sind – zusammen, um einen rechten Protest zu verhindern. Seit Wochen gehen Unterstützer*innen Bolsonaros auf die Straße. Neben dem Ende der Isolationsmaßnahmen fordern einige auch die Schließung des Obersten des Parlaments und eine Militärintervention.

»Wir haben die Militärdiktatur am eigenen Leib erlebt und wollen nicht dorthin zurück«, sagt der 70-Jährige Chico Malfitani gegenüber ak am Rande des Protests. Malfitani ist Ultra-Veteran des Kultklubs Corinthians. Der Weltpokalsieger aus dem Osten von São Paulo kämpfte bereits während der Militärdiktatur gegen die rechten Generäle – in der Kurve und auf dem Platz. Bekanntestes Gesicht dieser Bewegung war der marxistische Topstürmer Sócrates. An diesem Sonntag hört man Sprechchöre gegen Präsident Jair Bolsonaro, Pyros und Rauchbomben werden gezündet, Banner für die Demokratie werden in die Höhe gehalten. Der Protest endet in einer wilden Straßenschlacht zwischen Fans und Polizei. Viel wird später über den Tag diskutiert.

Am 7. Juni gingen in verschiedenen Städten erneut Fußballfans auf die Straße. Diesmal demonstrierten aber auch soziale Bewegungen und Favela-Gruppen: gegen die Regierung, Rassismus und die alltägliche Polizeigewalt. Weitere Demonstrationen sind geplant. Es scheint als hätte der Zusammenschluss der Fußballfans einen Startschuss des Widerstandes gegen Bolsonaro gesetzt.

Niklas Franzen

Niklas Franzen ist Journalist und lebt in São Paulo.