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»Langer Marsch« für Frauen in Bangladesch

In dem südasiatischen Land protestieren immer mehr Menschen gegen sexualisierte Gewalt

Von Helene Buchholz

Demonstrantinnen und Demonstranten mit Flaggen, auf einem Plakat steht "A Woman's place is in the Kitchen", kitchen ist durchgestrichen und stattdessen steht revolution
Revolution statt Küche: Demo im Oktober in Dhaka. Foto: Privat

Schon Anfang des Jahres, kurz vor den weltweiten Corona-Lockdowns, waren auf Campus-Gebäuden in Bagladesch Sätze zu lesen wie: »Women fight back« oder »Wherever I go, however I dress, no means no and yes means yes«. Obwohl Frauenrechte in Bangladesch noch deutlich schwächer sind als in Deutschland, beschränken sich große Teile der feministischen Bewegung nicht auf grundlegende Forderungen; die Diskurse ähneln denen, die man auch aus dem eigenen (linken) Umfeld in Deutschland kennt: Slutshaming und victim blaming ist ein Thema, rape culture, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und Rassismus bei sexualisierter Gewalt.

Ökonomisch ist Bangladesch maßgeblich von der Textilbranche abhängig. Nähfabriken stemmen einen großen Teil der lokalen Wirtschaft. Allein durch sie erlebt das Land seit einigen Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung, trotzdem gehört es weiterhin zu den ärmsten Ländern Asiens.

Mehr als 90 Prozent der Arbeiter*innen in diesem Sektor sind Frauen. Viele von ihnen verlassen ihre Familien, um in einem Industriegebiet in einer Massenunterkunft zu leben und sechs bis sieben Tage die Woche, ohne Urlaub, zu schuften und ihre Angehörigen zu ernähren. Tausende von ihnen sind seit Beginn der Corona-Pandemie arbeitslos – und kämpfen ums Überleben. Seit Monaten gibt es deshalb Proteste. Aktivist*innen der Näher*innengewerkschaft GWTUC*, der Bangladesh Students‘ Union (BSU) und von Auraj, einer kleinen anarchistischen Theorie-Gruppe, berichten übereinstimmend: Soziale Unruhen häufen sich, und der Staat schlägt mit aller Kraft zurück.

Politisches Machtinstrument

Auch Gruppenvergewaltigungen haben sich in den vergangenen Wochen und Monaten gehäuft, denn häufig werde eine solche Tat als politisches Machtinstrument benutzt, so die einhellige Meinung. Die Genoss*innen berichten, dass es häufig Anhänger der Regierungspartei seien, die Frauen missbrauchen und öffentlich demütigen. Oft richten sich die Übergriffe gegen Frauen, die zu einer ethnischen Minderheit gehören, oder die sich nicht »angemessen« kleiden. Teilweise werden die Taten gefilmt und im Internet verbreitet.

Seit ein paar Wochen gibt es auch dagegen kraftvolle Proteste. Immer mehr Menschen gehen regelmäßig auf die Straße – bei weitem nicht nur Frauen.

Mitte Oktober kam es dann zu einem folgenschweren Zwischenfall: Einige Hundert Demonstrant*innen hatten sich von der Hauptstadt Dhaka zu einem »Long March« in den Süden des Landes aufgemacht. Streckenweise hatten sie Busse genommen, aber immer wieder Halt gemacht, um Demonstrationen in verschiedenen Städten abzuhalten. Ihr Ziel war Noakhali, eine Stadt ca. 200 km südlich von Dhaka, wo einige Tage zuvor eine Frau gefoltert, ausgezogen und dabei gefilmt worden war.

Bangladeschs Präsident, Abdul Hamid, unterzeichnete ein Gesetz, das die Todesstrafe für Vergewaltiger erlaubt.

In Feni, einer Stadt zwischen Dhaka und Noakhali, wurden die Demonstrierenden dann von Schlägertrupps angegriffen. Die Aktivist*innen versuchten sich in ihre Busse zu retten, aber die Angreifer zerschlugen mit Schlagstöcken und Ziegelsteinen die Fenster und verletzten dabei rund 50 Demonstrant*innen, teilweise schwer. Einige von ihnen mussten unter anderem wegen tiefer Schnitt- und Platzwunden noch Tage später im Krankenhaus behandelt werden. Der Long March war beendet.

Fast zur gleichen Zeit unterzeichnete Bangladeschs Präsident, Abdul Hamid, ein Gesetz, das die Todesstrafe für Vergewaltiger erlaubt. Nicht nur Menschenrechtler von internationalen Organisationen kritisieren diesen Vorstoß: Auch die Demonstrationen hören deshalb nicht auf. Viele Demonstrant*innen lehnen die Todesstrafe grundsätzlich ab, und außerdem glauben sie auch nicht daran, dass durch diese Maßnahme die Gewalt gegen Frauen aufhören wird. Ihre Forderungen richten sich an die gesamte Gesellschaft und nicht in erster Linie an die Autoritäten. Sie fordern zwar unter anderem die Kriminalisierung von Vergewaltigung in der Ehe – was in Bangladesch nach wie vor legal ist. Aber es geht um die Rape Culture im Allgemeinen: Sie fordern eine umfassende sexuelle Aufklärung, eine Hotline für Opfer von sexualisierter Gewalt und die vollumfängliche Gleichstellung von Männern und Frauen, basierend auf der entsprechenden Menschenrechtskonvention. Außerdem wollen sie Ansprechpartner*innen für Opfer von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz in Fabriken, ein Ende von Hasskommentaren gegen Frauen im Internet, und sie fordern, Frauen für Übergriffe nicht selbst verantwortlich zu machen, weil sie nachts raus gehen oder sich angeblich zu freizügig kleiden.

Stiller Konsens der feministischen Bewegung

Nur was LGBTIQ-Rechte angeht, hält sich die Bewegung zurück: Zu gefährlich, sagt Sadaat Mahmood von der Bangladesh Students‘ Union. 2016 seien zwei schwule Aktivisten vom Islamischen Staat umgebracht worden, da seien viele von ihnen untergetaucht oder hätten das Land verlassen. In der feministischen Bewegung gebe es aber einen stillen Konsens: LGBTIQ seien durchaus akzeptiert, ihre Rechte werden aber nicht öffentlich thematisiert oder eingefordert. Die Angst vor Mord und Folter sei zu groß. Erst vor kurzem ist ein Mann auf offener Straße verbrannt worden, weil er religiöse Regeln verletzt haben soll. In einem Zeitungsartikel steht, er sei psychisch krank gewesen. Auch Schwule werden in breiten Teilen der Gesellschaft als krank angesehen.

Graffito einer roten Hand, die Ketten durchbricht
Graffito in der Nähe des Campus der Hauptstadt-Uni. Foto: Helene Buchholz

Auf der Plattform globalmayday.net gibt es nun einen internationalen Soli-Aufruf: Wer die feministische Bewegung in Bangladesch unterstützen möchte, kann dort Bilder mit Botschaften an die Aktivist*innen hochladen. Die Bilder gehen direkt an die Strukturen in Bangladesch und werden dort bei kommenden Demonstrationen im November präsentiert, um die breite Unterstützung auch in Bangladesch öffentlich zu machen.

Sadaat und seine Genoss*innen wollen sich nicht unterkriegen lassen. Innerhalb der vergangenen Wochen ist allein er schon verhaftet, verprügelt und bei dem Angriff in Feni verletzt worden. Trotzdem positioniert er sich weiter öffentlich, gibt sogar Interviews zum Thema im Fernsehen und organisiert Demonstrationen. Sie alle sollten sich unserer Solidarität gewiss sein können.

Helene Buchholz

arbeitet eigentlich beim Radio. In ihrer Freizeit reist sie gerne und ist politisch aktiv. Hin und wieder schreibt sie Texte für kleine linke Zeitungen.