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|ak 661 | Geschlechter­­verhältnisse

Bleibt uns weg mit eurem Gender-Gaga

Der Bundesgerichtshof macht nicht-binären Trans-Personen das Leben schwer.

Von Bilke Schnibbe

Autorin Joanne K. Rowling, hier beim Vorlesen im Weißen Haus, äußerte sich auf Twitter erneut transfeindlich. Foto: wikimedia

Der Bundesgerichtshof entschied im April 2020, dass es nun nur noch Personen mit »biologischen Uneindeutigkeiten«, also Inter-Personen, gestattet ist, über das Personenstandsrecht ihren Geschlechtseintrag in »divers« zu ändern. Nach der Entscheidung des Gerichts müssen Personen, die sich, ohne solche »Uneindeutigkeit« nachweisen zu können, als divers identifizieren, mithilfe des sogenannten »Transsexuellengesetzes« (TSG) versuchen, eine Änderung ihres Geschlechtseintrages zu erwirken. Das bedeutet wesentlich mehr Aufwand und Schikane für die Betroffenen.

Der Umgang mit Personen, die aus dem binären Geschlechtersystem herausfallen, ist absurd. Nicht-binäre Trans-Personen werden nun über das TSG gezwungen, sich zwei Jahre lang in Zwangstherapie zu begeben. Sie müssen sich offiziell mit der Diagnose »Transsexualismus« belegen lassen, obwohl diese 2022 offiziell abgeschafft wird, weil sie, Überraschung, stigmatisierend ist und nicht dem aktuellen Stand der Forschung entspricht. Sie müssen unter anderem zwei psychiatrische Gutachten vorlegen und sind am Ende auf das Gutdünken uninformierter Bürokrat*innen angewiesen. Menschen wird anscheinend nicht zugetraut, ihren Geschlechtseintrag nicht aus Jux und Dollerei ändern zu wollen. Da wollen Staat und Gesellschaft aber mal lieber ein Auge drauf haben. Da kann ja jeder kommen mit seinem Gender-Gaga.

Das BGH-Urteil spiegelt eine Transfeindlichkeit, die auch sonst in der Gesellschaft zu beobachten ist. Vor Kurzem erst meldete sich J.K. Rowling, Autorin der Harry-Potter-Bücher, mit transfeindlichen Äußerungen zu Wort. Auf Kritik an diesen Äußerungen reagierte sie mit einem Essay, in dem sie erklärte, dass ihr häusliche und sexuelle Gewalt widerfahren und sie deshalb skeptisch gegenüber Transfrauen sei. In Schottland gäbe es eine Gesetzesinitiative, nach der sich Männer einfach so als Frauen ausgeben könnten und das würde Frauen gefährden, so Rowling. Wäre die naheliegendere Schlussfolgerung nicht eigentlich, heterosexuelle Paare und Kleinfamilien zu verbieten, anstatt indirekt zu sagen, dass Transfrauen »eigentlich« Männer sind?

Die eigentliche Frage ist doch: Warum löst die Existenz von Menschen, die sich nicht in das (binäre) Geschlechtersystem einordnen lassen oder gegen selbiges Widerstand leisten, so heftige Reaktionen und Maßregelungen aus? Trans-Personen sind ein täglicher Spiegel dafür, wie irre es eigentlich ist, der einen Gruppe Kinder rosa Schleifen ins Haar zu binden und der anderen zu verbieten zu weinen, wenn sie hinfallen. Die Mehrheitsgesellschaft hat ein obsessives Verhältnis zu Genitalien und Geschlechtlichkeit. Diese Trans-Personen anzudichten ist die Grundlage von Transfeindlichkeit. Das ist der Punkt, an dem sich Rowling und das BGH die Hand reichen.

Verschiedene Initiativen gehen bereits davon aus, dass eine Verfassungsbeschwerde gegen das BGH-Urteil Erfolg haben wird und ein neues Gesetz erlassen werden muss, welches den Zugang nicht-binärer Trans-Personen zu einer Änderung des Geschlechtseintrages reguliert. Es wäre wünschenswert.

Bilke Schnibbe

Bilke Schnibbe ist Redakteur*in bei ak.