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Abschiebung in die Katastrophe

Seit der Taliban-Machtübernahme unterliegen Frauen in Afghanistan immer härteren Einschränkungen

Von Sabi Dell und Hila Latifi

Eine Person mit Verschleierung und ein Kind sitzen vor dem Eingang einer Notaufnahme.
Viele Afghan*innen sind aufgrund von Naturkatastrophen, Armut und Hunger in Not – besonders Frauen bringt das unter der Taliban-Herrschaft zunehmend in patriarchale Abhängigkeiten. Foto: Pierre Prakash, EU-ECHO/ Flickr, CC BY-ND 2.0

Deutschland schafft neue Fakten in der Abschiebepolitik gegenüber Afghanistan. Mit dem jüngsten Abschiebeflug Ende Juli wurde erstmals ein Mann abgeschoben, der weder als sogenannter »Gefährder« eingestuft noch wegen einer Straftat verurteilt worden war. Dieser Schritt kommt nicht überraschend. Die Verschärfung der Abschiebepraxis ist bereits im Koalitionsvertrag angelegt und wurde in den vergangenen Monaten politisch vorbereitet. Die Gespräche mit den Taliban, die bereits 2024 unter der Bundesregierung von Olaf Scholz aufgenommen wurden, werden vom Kabinett Merz nun fortgeführt und intensiviert. Offiziell ist weiterhin lediglich von einem »technischen Austausch« mit jenem Regime die Rede, das Deutschland als Regierung nicht anerkennt.

Diese Wortwahl verdeutlicht, wie politische Entscheidungen rhetorisch umgedeutet und entpolitisiert werden. Aus einer Frage der Außen- und Menschenrechtspolitik wird eine scheinbar neutrale Verwaltungsangelegenheit. Im Mittelpunkt steht nicht die Frage, inwiefern Deutschland mit dieser Zusammenarbeit faktisch eine autoritäre islamistische Herrschaft anerkennt und welche politische Realität den von Abschiebung betroffenen Menschen dadurch zugemutet wird. Stattdessen geht es darum, wie Abschiebungen möglichst effizient organisiert werden können.

In welches Afghanistan wird abgeschoben?

Die Situation der Frauen zeigt besonders deutlich, was sich in Afghanistan unter der erneuten Herrschaft der Taliban seit 2021 verändert hat. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass neue Eingriffe in die Rechte von Frauen und Mädchen bekannt werden. Mädchen wird der Zugang zu weiterführender Bildung verwehrt, Frauen werden aus Universitäten und weiten Teilen des Arbeitslebens ausgeschlossen, ihre Bewegungsfreiheit wird eingeschränkt. Gleichzeitig greifen die Taliban zunehmend ins Ehe- und Familienrecht ein und stärken die Autorität männlicher Familienmitglieder. Mit mehreren in diesem Sommer erlassenen rechtlichen Änderungen haben die Taliban den Schutz von Frauen vor häuslicher Gewalt weiter ausgehöhlt. Gewalt gegen Frauen und Mädchen durch Männer wird bis hin zu schweren Verletzungen geduldet.


Ohne Abos, keine ak

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Doch ohne dich geht’s nicht.

Im Rahmen ihres politischen Projekts verbinden die Taliban eine fundamentalistische Auslegung religiöser Normen mit einer patriarchalen Gesellschaftsordnung, in der Frauen primär über familiäre Zugehörigkeit und männliche Autorität definiert werden. Die Kontrolle über Frauen und ihre gesellschaftliche Stellung dient nicht nur der Einschränkung individueller Freiheiten, sondern der institutionellen Verankerung einer Ordnung, in der die Abhängigkeit von Frauen nicht mehr nur durch materielle und soziale Bedingungen wie Lohn- und Reproduktionsarbeit bedingt ist, sondern politisch und rechtlich legitimiert wird. Damit zielt die Herrschaftsordnung der Taliban darauf ab, jene gesellschaftlichen Widersprüche und Handlungsspielräume zu beseitigen, in denen Menschen Ansprüche formulieren und bestehende Abhängigkeiten herausfordern können.

Dies trifft auf eine Gesellschaft, in der Millionen Menschen ums Überleben kämpfen. Die humanitäre Lage in Afghanistan ist seit dem Abzug internationaler Truppen und der erneuten Machtübernahme der Taliban bereits äußerst prekär. Doch derzeit verschärfen sich mehrere Krisen gleichzeitig. Während Hunger und Armut herrschen, brechen Erwerbsgrundlagen sowie internationale Unterstützung zunehmend weg. Gleichzeitig werden Millionen Afghan*innen aus Pakistan und dem Iran zur Rückkehr gezwungen in ein Land, dessen staatliche und humanitäre Strukturen bereits kaum ausreichen, um die dort lebende Bevölkerung zu versorgen. Kämpfe und Grenzschließungen zwischen Pakistan und Afghanistan sowie die Auswirkungen des Krieges im Nahen Osten erschweren die Versorgung zusätzlich. Wichtige Lieferwege werden blockiert oder müssen umgeleitet werden. Die Konsequenzen: Rund 17,4 Millionen Menschen benötigen dringend Nahrungsmittelhilfe. 13,8 Millionen sind von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. Für 2026 wird erwartet, dass 4,9 Millionen Frauen und Kinder wegen Unter- und Mangelernährung behandelt werden müssen.

Wo Menschen kein Einkommen oder gesellschaftliche Absicherung haben, wird die Familie zur Überlebensinstitution und gleichzeitig zu dem Ort, an dem materielle Verhältnisse, patriarchale Gewalt und politische Herrschaft ineinandergreifen.

Gerade unter diesen Bedingungen erhält die politische Entrechtung von Frauen eine zusätzliche Bedeutung und Tragweite. Wo Menschen keinen Zugang zu Einkommen und gesellschaftlicher Absicherung haben, wird die Familie zur Überlebensinstitution und gleichzeitig zu dem Ort, an dem materielle Verhältnisse, patriarchale Gewalt und politische Herrschaft ineinandergreifen. Bestehende Schutzmechanismen gegen Kinderehen werden abgebaut, in einer Gesellschaft, in der Familien unter existenziellem Druck ihre Töchter früh verheiraten und sie in Abhängigkeits- und Gewaltverhältnisse überführen. Das Mädchen wird damit als Kind in eine patriarchale Ökonomie eingeordnet, in der seine Kindheit und körperliche Unversehrtheit der Verfügung männlicher Autorität unterliegen. Unter der Herrschaft der Taliban wird das Private nicht nur von gesellschaftlichen Machtverhältnissen durchzogen, sondern auf eine zugespitzte Weise organisiert – es wird zum Instrument ihrer Herrschaft.

Unsichtbar gemacht, aber nicht machtlos

Wer glaubt, afghanische Frauen seien durch die Herrschaft der Taliban zu stummen Opfern geworden, täuscht sich. Diese Vorstellung folgt einem paternalistischen Blick, der Frauen in nichtwestlichen Gesellschaften häufig nur zwischen Unterwerfung und Befreiung wahrnimmt und ihre eigene politische Praxis unsichtbar macht. Dies verkennt ihre fortbestehende Handlungsmacht.

Plattformen wie Zan Times dokumentieren die Erfahrungen afghanischer Frauen und schaffen eine Gegenöffentlichkeit zu einer Herrschaft, die Frauen aus der Öffentlichkeit entfernen will. Frauen protestieren trotz der Gefahr von Verhaftung und Gewalt. Anfang Juni 2026 wurden in Herat mindestens 30 Frauen festgenommen, weil ihnen Verstöße gegen die Kleidungsvorschriften der Taliban vorgeworfen wurden. Am 9. Juni versammelten sich daraufhin Menschen im Gebiet Jibreil, in dem überwiegend die ethnische Minderheit der Hazara lebt, um gegen die Verhaftungen zu protestieren. Gerade Hazara, die als ethnische und religiöse Minderheit besonderen Formen der Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt sind, leisten Widerstand. Ihr Widerstand zeigt die Widersprüche einer Herrschaft, die versucht, Frauen und Minderheiten aus der Gesellschaft zu verdrängen, und sie zugleich niemals vollständig unsichtbar machen kann. Es verweist auf eine Grenze der Herrschaft selbst.

Die Taliban können Institutionen schließen, Rechte abschaffen und durch die Kontrolle von Familie und öffentlichem Leben versuchen, gesellschaftliche Handlungsspielräume einzuschränken. Sie können jedoch nicht vollständig darüber verfügen, wie Frauen und Angehörige marginalisierter Gruppen ihre eigene Lage verstehen und welche politischen Ansprüche sie daraus entwickeln. Dass sie trotz der Gefahr von schwerwiegenden Konsequenzen für ihr Leben für ihre Rechte eintreten, verdient höchsten Respekt. Zugleich darf dieser Widerstand nicht darüber hinwegtäuschen, unter welchen Bedingungen er stattfindet. Trotzdem behandelt die deutsche Abschiebepolitik Afghanistan zunehmend als ein Land, in das Menschen zurückkehren können sollen.

Die Grenzen des politisch Vertretbaren

Die Verschärfung der deutschen Abschiebepolitik gegenüber Afghanistan beruht nicht auf einer naiven Einschätzung der dortigen Verhältnisse. Dass die Lage in Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban weiterhin von Entrechtung, Gewalt und systematischer Unterdrückung geprägt ist, ist evident. Dennoch werden Abschiebungen ausgeweitet, vor dem Hintergrund einer politischen Entwicklung, in der Fluchtmigration zunehmend als Bedrohung verhandelt wird und rechte und rassistische Narrative den Rahmen des Sag- und Machbaren bestimmen. Entscheidend ist also, welchen Stellenwert die tatsächliche Zumutbarkeit von Abschiebungen vor dem Hintergrund dieser politischen Entwicklung noch hat.

In der Logik staatlicher Abschiebepolitik erscheinen Menschen nicht als Personen mit eigenen Biografien, deren Handlungen und Fluchtbewegungen in konkrete historische, politische und materielle Zusammenhänge eingebunden sind, sondern als Gegenstand staatlicher Verwaltung: als »Ausreisepflichtige« oder »Rückkehrer«. Ihre individuellen Lebensumstände und ihre menschliche Würde treten hinter staatliche Ordnungs- und Souveränitätsinteressen zurück. Welche Gefährdungen als hinreichend schwerwiegend gelten und wessen Schutzbedürftigkeit überhaupt politisches Gewicht erhält, ist dabei nicht für alle Menschen gleich. Dass Menschen je nach Herkunft, zugeschriebener Zugehörigkeit und Aufenthaltsstatus unterschiedlich bewertet und behandelt werden, verweist auf ihre zutiefst rassistische Struktur.

Fluchtmigration ist keine Ausnahme in einer ansonsten geordneten Welt, sondern eine Folge gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse, die von Ungleichheit, Konflikten und Gewalt geprägt sind. Wird sie dennoch auf ein steuerbares Problem reduziert, werden Abschiebungen zur vermeintlichen Lösung und zugleich zum Beweis staatlicher Handlungsfähigkeit. Dann verliert die Frage an Bedeutung, welchen menschenunwürdigen und unzumutbaren Verhältnissen Menschen ausgesetzt werden sollen, die aufgrund rassistischer Zuschreibungen als abschiebbar gelten. Sie sollen schlicht aus der Gesellschaft verschwinden.

Sabi Dell

ist freie*r Autor*in.

Hila Latifi

schreibt über Afghanistan, Feminismus und gesellschaftliche Machtverhältnisse.

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