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Die Fernseh-Zombies

»Wetten dass..?« und »TV total« sind zurück, und es ist so schlimm wie befürchtet

Von Johannes Tesfai

Ein alter Röhrenfernseher steht ausgeschaltet draußen auf einer Wiese, davor blumen
Gehört die alte Flimmerkiste endgültig entsorgt? Schade wäre es nicht. Foto: Ruocaled/Flickr, CC BY-SA 2.0

Anfang November war es soweit: In deutschen Haushalten wurden Laptops und Smartphones ausgeschaltet und Menschen machten nach Jahren wieder mal den Fernseher an, und zwar erstaunlich viele. Wohlwollend könnte man sagen: Die Dinosaurier deutscher TV Unterhaltung sind zurück. Doch wer die neuen Folgen von »Wetten, dass..?« und »TV total« bis zum Schluss geguckt hat, wird feststellen: eher erleben wir ein Zombie-Comeback. Beide Formate stehen für zwei aufeinanderfolgende Generationen von TV-Konsum. Die Show mit den peinlichen Wetten ist nicht nur wegen des notorischen Baggers bekannt, mit dem immer irgendjemand ein Kunststück auf der Bühne vollbringen will. Sie ist auch die Sendung für zotige alte Männer, in der gesellschaftliche Ressentiments und Machtverhältnisse im Herrenwitz konserviert werden. Treffend stand in der Frankfurter Rundschau zur Neuauflage des Abendformats, dass der Moderator Thomas Gottschalk »Bastion einer längst vergangenen Zeit« sei, »in der sich niemand laut an der Hegemonie des weißen Mannes störte«. Dieser ideologische Soundtrack trägt den*die Zuschauer*in durch mehrere Stunden immer gleicher Witze und Abläufe.

Gag-Steinzeit

»TV total« ist mit seinem neuen Moderator Sebastian Pufpaff ebenfalls erstaunlich altbacken. Das Studio sieht fast genauso aus wie vor dem Aus der Sendung mit Stefan Raab. Im Tisch des Moderators befindet sich immer noch die Knopfleiste, mit der Schnipsel aus anderen TV-Sendungen abgespielt werden können. Selbst die ergraute Band hat es wieder ins Studio geschafft. Wenn die Kamera durch eben dieses Studio fährt und man in das Publikum schaut, blickt man vor allem in Gesichter Ende 30, die während ihrer Schulzeit fast jeden Abend die Witze von Raab gesehen haben. Und das ist es auch, was das heutige Format will: Gags aus der Tiefkühltruhe der 1990er auftauen. Eine Sendung für junggebliebene Karrieretypen, die ihre Stammtischmanier in ein liberales Gewand packen. Jeder noch so flache Gag wird so oft wiederholt, bis wirklich jede*r im Studio einmal gelacht hat. Pufpaff könnte ebenso gut der gehässige Abteilungsleiter in einer Werbeagentur sein und zu diesem Mindset gehört auch eine gewisse Altherrenmanier, wie wir sie schon von Gottschalk kennen. So ist es nicht verwunderlich, dass die sexistische Kommentierung zweier FDP-Bundestagsabgeordneter Pufpaff und dem Format einen veritablen Skandal beschert haben.

Die beiden Abendsendungen aus der Steinzeit haben aber nicht nur ihre fast gleichzeitige Rückkehr gemeinsam. Zumindest »TV total« ist nicht ohne das andere Format lebensfähig. Zwar ist die Late-Night-Show vom Konzept her schon auf die Pannen anderer Fernsehsendungen angewiesen, aber besonders die Hass-Liebe zu Schlager- und Showformaten des ZDF sorgen für die immer gleichen Hauruck-Aktionen, in denen der »TV total«-Moderator versucht, in den Backstagebereich zu kommen. Ein Kalauer reiht sich an den anderen, und beim Zuschauen weiß man gar nicht, ob man am Ende, am Anfang oder mittendrin in der Sendung ist.

Das soll nicht heißen, dass die Witze durch eine andere Machart lustiger würden. Das deutsche Kabarett mit seiner gespielten Doppelbödigkeit versteht sich oft auch nur als Abgrenzung zu den Armen, die angeblich im Privatfernsehen die leichte Unterhaltung suchen. Auch an den bürgerlichen Lachsalven ist vieles nicht witzig, sondern eine volle Packung rechte Ideologie wie bei den Sprüchen von Lisa Eckhardt.

Bis auf ein paar Instagram-Clips merkt man beiden Shows an, dass das Internet für die Macher*innen noch eine Spielwiese von Nerds ist. Und eben nicht der Ort von Unterhaltung, Information und sozialen Kontakten, der es schon vor vielen Jahre wurde. Aber die Wunderkiste online hat ja bekanntlich zwei Seiten: Zwar ist es das ominöse Netzwerk, in dem sich rechte Trolle, Verschwörungsmythen und faschistische Chatgruppen finden lassen, gleichzeitig schafft es das, was Bertolt Brecht mal in seiner Radiotheorie beschrieben hat. Jede*r kann da als Sender*in und Empfänger*in auftreten und in seinen besten Momenten ist das Internet damit auch immer ein Korrektiv für Meinungen und Geschmäcker, die von Akteur*innen mit einer hohen öffentlichen Deutungskraft propagiert werden. Es wird damit zum Ort von Gegenöffentlichkeit, Kritik, aber auch von politischen und ästhetischen Experimenten wie Kommunikation und Unterhaltung anders funktionieren könnten. Pufpaffs und Gottschalks Abendunterhaltung merkt man an, dass ihre Konzepte ohne dieses Korrektiv existieren können, ja sogar müssen. Denn das Kalauertum erträgt keine Widerworte.

Krisenbedürfnis

Die Rückkehr der Fernseh-Zombies ist kein Beweis dafür, dass die Sendungen durch ihre gute Machart besonders zeitlos sind. Im Gegenteil: 2021 ist es genau dieses unerbittlich Alte, Angestaubte, was sie sendenswert macht. Jetzt, im zweiten Corona-Winter, sind die Comebacks ein Angebot, eine Zeitreise in unbeschwerliche Tage anzutreten. Beide Formate sind 2014 beziehungsweise 2015 eingestellt worden. In den Jahren lief die Eurokrise aus, gleichzeitig war das der Start eines starken gesellschaftlichen Rechtsrucks. Ihr Ende fiel zusammen mit einem öffentlichen Bewusstsein, das Krisen ins sattgeglaubte Mitteleuropa vordringen können. Mit der Pandemie wird diese Erfahrung auf die Spitze getrieben. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die deutsche Kulturindustrie nun Idylle und Konservatismus im Angebot hat.

»Wetten dass..? « und »TV total« sind der spießige Vorgarten in der CDU- und Grüne-wählenden Vorstadt. Dort treffen sich Stammtisch-Rentner*innen und Marketingmitarbeiter*innen, um bei den erlernten, aber kaum noch ausgesprochenen Ressentiments einen entspannten Abend zu haben. Das ist auch viel unkomplizierter als Corona-Tote, überlastete Krankenhäuser oder rechter Terror. Und natürlich findet das im linearen Fernsehen statt, wo Einspruch nur vom Programmdirektor kommt.

Ein Trost bleibt. Vielleicht sind in einigen Jahren überall in Deutschland Glasfaserkabel verlegt, und das Internet damit so schnell wie sonst wo auf der Welt. Und hoffentlich sind »Wetten dass..?« und »TV total« dann nur einige selten geklickte YouTube-Clips.

Johannes Tesfai

ist ak-Redakteur.