A. ist gestorben
Von Frédéric Valin
Bis zum Beginn der Pandemie – vielleicht erinnern sich noch manche – arbeitete ich auf einer Wohngruppe für Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung am Stadtrand von Berlin. A. war einer der Bewohner*innen, ich habe in dieser Kolumne bisweilen von ihm erzählt. Auch Johannes aus dem Buch »Ein Haus voller Wände« hat sich viele seiner Züge und Erlebnisse geborgt.
Seine letzten Jahre waren geprägt von ständigem Kampf gegen Institutionen, die ihm nicht gerecht werden wollten. Die Isolation zu Beginn der Pandemie haben ihm – der Menschen so liebte und den Austausch auch so brauchte – sehr zugesetzt, und der grelle Engel, der fortwährend in ihm herumzuflattern schien, schlief gar nicht mehr. A. war ein Mensch ohne Argwohn, ohne Hinterlist, ohne die geringste Hecke in sich, hinter der er sich versteckt hätte: Er war noch nicht einmal in der Lage, andere zu necken, weil ja selbst in solchen Späßen ein Gran überlegener Aggressivität liegt, und das hatte er schlicht nicht in sich. Alles, worum es ihm zu gehen schien, war, Liebe zu geben und zu bekommen: Er, der kaum mehr als 150 Worte beherrschte, kommunizierte fast die ganze Zeit. Er liebte es, gemeinsam Bücher zu gucken, und freute sich, wenn er auf ein Detail hingewiesen wurde, und wies dann auch selber auf ein Detail hin. Es war nicht die Freude, etwas gelernt zu haben oder etwas zu wissen oder etwas durchschaut zu haben, es war die Freude, etwas gemeinsam zu machen.
A. war eine völlig offene Seele, allerdings fordernd bisweilen. Immer wieder packte ihn die Unruhe, und weil er keine Möglichkeit hatte, mit diesem Sturm in sich umzugehen, übertrug er sie auf alle anderen. Er wusste nicht, was Distanz ist. Wenn er eine Frage hatte, und die Frage schien ihm drängend und wichtig, konnte er nicht warten, mehr noch, er musste mit seinem ganzen schmalen Körper ganz nah an die mögliche Antwort heran; er stellte sich dann genau vor einen, so dass die Nasenspitzen kaum einen Mückenstich voneinander entfernt waren. Es war, also wollte er in mich hineinhüpfen. Das konnte anstrengend sein, ja, gerade weil es immer so viel anderes zu tun gab. Es war doppelt anstrengend, weil man ja merkte, wie er versuchte zu begreifen, was vor sich ging, und es ihm einfach nicht gelang. Und es auch keinen Weg gab, ihm da zu helfen.
Nachdem ich gekündigt hatte blieb ich mit dem Vater in Kontakt. Das war auch nötig, weil A. in der Isolation seelisch derart litt, dass er – der eh immer schon zart war – bis auf die Knochen abmagerte, kaum mehr Essen bei sich behalten konnte, überhaupt stark geschwächt war. Der Vater hat viel versucht, um seinem Sohn durch diese Zeit helfen, und ich konnte ihn dabei hin und wieder unterstützen, weswegen ich die ganze Tortur, die A. anschließend über sich ergehen ließ, recht nah miterlebte: immer stärkere Unruhe, Einweisung in die Psychiatrie, die mit ihm aber weiß Gott nichts anfangen konnten, Rückkehr in ein komplett leergeräumtes Zimmer, immer wieder Versuche der Institution ihn loszuwerden, ihn irgendwo zwangsunterzubringen. Mehrere Lungenentzündungen, Ekzeme, kaputte Füße; viele, viele Schmerzen und sehr viel Einsamkeit.
Und doch hat er auf den Fotos, die mir der Vater zeigte, sehr oft gelacht. Nicht bitter, nicht zynisch, sondern ganz offen und – ja – auch hilflos. Ich weiß ganz sicher, dass die Erde ihm leicht sein wird, diesem tapferen, lieben, wilden Kerl, der er war. Möge er jetzt eine Ruhe finden, die ihm im Leben oft nicht vergönnt war.