»Sie spielen Demokratie, wir verlieren Geld«
Tomer Gardis Roman »Liefern« über das globale Prekariat der Essenskurier*innen
Von Guido Speckmann
Filmon ist aus Eritrea nach Israel geflohen und spült nun Teller, Tassen und Schüsseln in einem Café in Tel Aviv, als der*die Leser*in ihn in der ersten Episode von Tomer Gardis neuem Buch »Liefern« kennenlernt. Oder besser: spülte. Denn wegen der Corona-Pandemie müssen viele Gastronomiebetriebe schließen, auch der, in dem Filmon arbeitet. Als Geflüchteter hat man nicht viele Möglichkeiten, Geld zu verdienen – zumal Filmon Frau und Kind, die es nach Berlin verschlagen hat, unterstützen muss. Also beginnt er, Essen auszuliefern, wird Rider. Den Job erhält Filmon vom Vermieter seiner Dreizimmerwohnung (»Typ Schutzgelderpresser«), in der er mit sechs anderen geflüchteten Eritreern wohnt. Der Account für die per App gesteuerte Tätigkeit ist illegal und läuft auf den Namen Dora Goldberg. Filmon aber ist ein Schwarzer Mann und fährt mit der Angst im Nacken von Restaurant zu Kunde. Eine Polizeikontrolle – und sei es nur wegen einer Bagatelle – könnte das Visum für Deutschland gefährden, auf das Filmon hofft. Zehn Jahre wartet er schon. Zehn Jahre, in denen er seine Frau nicht gesehen, nicht berührt hat, in denen er seine Tochter nicht in die Arme schließen konnte.
Auf der Straße hassen sie uns, weil wir zu schnell fahren, zu Hause hassen sie uns, weil wir zu langsam sind.
Die ersten Episoden des aus zahlreichen, auf jahrelangen Recherchen in sechs Städten beruhenden Romans gehören zu den eindrucksvollsten Passagen des Buches. Aus der Sicht Filmons und aus der seiner Frau Daniat schildert Tomer Gardi, wie sie per Videocall ihre Fernbeziehung führen, ergänzt um die Perspektive ihrer Tochter, die den Namen Israel trägt – benannt nach dem Land, das Filmon wie ein Leuchtturm auf seiner Flucht durch die Wüste den Weg wies. Aus Israels Sicht beschreibt Gardi den Rassismus der deutschen Gesellschaft, den Israel bereits im Grundschulalltag kennenlernt, und beiläufig auch den aufkommenden antizionistischen Antisemitismus infolge des Massakers vom 7. Oktober. Überzeugend sind auch die Passagen, die die Gründe für Filmons Flucht aus Eritrea erläutern oder in denen er die Demonstrationen gegen die israelische Regierung in Tel Aviv kommentiert: »Diese verwöhnten, reichen Linken, die können sich das leisten, mitten an einem Arbeitstag. Und wir stecken im Verkehr. Sie spielen Demokratie, wir verlieren Geld.«
Die anderen Episoden spielen in Neu-Delhi, Istanbul, Buenos Aires, Berlin und Kenia. Die Figuren eint eines: Sie sind gezwungen, Jobs anzunehmen, um ihr Leben mehr schlecht als recht fristen zu können – meist als Essenskurier*innen, in einem Fall auf einer Blumenfarm. Darauf aufmerksam zu machen, ist löblich. Zu oft spielen Fragen des materiellen Überlebens in Gegenwartsromanen keine Rolle. Zudem gelingen Gardi treffende Beobachtungen und prägnante Sätze wie: »Auf der Straße hassen sie uns, weil wir zu schnell fahren, zu Hause hassen sie uns, weil wir zu langsam sind. Das ist Berufsrisiko, so wie Rückenschmerzen.« Doch stolpert man mitunter auch über abgegriffene Sätze wie diesen: »Jetzt ging ihr Herz auf.«
Gardi rückt nicht nur die harte soziale und private Realität der Rider in den Fokus, sondern wirft auch Schlaglichter auf die touristische Haartransplantations-Industrie in Istanbul und Austauschprogramme von Akademiker*innen. Da lässt sich darüber hinwegsehen, dass die Komposition des Romans nicht in Gänze überzeugt und manches etwas konstruiert wirkt.
Tomer Gardi: Liefern. Roman. Tropen/Klett-Cotta, Stuttgart 2026. 315 Seiten, 25 EUR.