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Queere Leute auf TikTok: Checkt sie aus!

Die Video-App ist vor allem unter jungen Queers beliebt. Was bedeutet sie für die Community, und was macht ihren Reiz aus?

Von Kuku Schrapnell

TikTok, Queers, Kuku Schrapnell.

Facebook, YouTube und Instagram sind wahrscheinlich die drei bekanntesten Social Media Plattformen. Das ist wenig überraschend, schließlich sind es auch die drei größten, wenn wir die verschiedenen Messenger-Dienste nicht mitzählen. Direkt auf Platz vier steht dann auch schon TikTok. Gut, in Deutschland wären noch LinkedIn und Xing größer, aber wer will sich schon an Deutschland orientieren, und Social Media für den Beruf ist wirklich eine der langweiligsten Seiten des Neoliberalismus. Also wollen wir an dieser Stelle in die schöne, bunte Videowelt von TikTok eintauchen. Es geht hier aber nicht um die Fusion von TikTok mit musical.ly und das damit einhergehende Rebranding, um nicht mehr als Pädo-App zu gelten. Es geht auch nicht um den fehlenden Daten- und Jugendschutz oder um die Zusammenarbeit mit autoritären Regierungen und die Umsetzung ihrer Zensurvorgaben. Erst recht geht es nicht darum, dass Menschen, die als zu dick, zu behindert oder zu queer wahrgenommen werden von den Algorithmen in ihrer Reichweite eingeschränkt werden, angeblich um sie vor Mobbing zu schützen.

Ganz im Gegenteil soll es an dieser Stelle um die lgbtiq-Community auf TikTok gehen. Denn trotz der schon angesprochenen Zensur ist die queere Community in den englischsprachigen Bereichen von TikTok nicht nur stark vertreten und politisch fit, sondern vor allem unglaublich witzig. Findet sich auf anderen Plattformen irgendwo eine bunt schillernde Ecke für die Perversen mit Spendensammlungen, Empowerment-Videos und Kritik an politischen und kulturellen Entwicklungen, hat sich auf TikTok ein Ort für die Seele der Szene entwickelt, wie die Washington Post schreibt.

TikTok ist vor allem ein Medium für Jugendliche und junge Erwachsene, die weniger die politische Agenda etablierter NGOs formulieren, sondern ziemlich ungefiltert versuchen, mit eigenen Erlebnissen umzugehen oder sich zwischen all den Möglichkeiten von Geschlecht und Sexualität zurechtzufinden. Neben Geschichten über Mobbing oder Berichte über lgbtiq-feindliche Angehörige, die häufig große Solidaritätswellen und Unterstützung nach sich ziehen, geht es oft darum, mit Humor auf die Missstände der Welt zu reagieren.

Den Nutzer*innen kommt dabei die spezifische Funktionsweise von TikTok zugute, das ursprünglich als Lip-Sync-App entwickelt wurde. Das heißt, es bietet nicht nur eine riesige Auswahl an Musik, die verwendet werden kann, um das eigene Video zu unterlegen, es erlaubt auch, die Tonspur anderer User*innen zu nutzen und dazu eigenen Content herzustellen. Reclaiming ist schon lange eine Tradition in der queeren Community, aber es ist ein völlig neues Level, wenn eine trans Frau zu dem Rant eines Trump-Supporters twerkt. Oder wenn aus Billy Marchiafavas sehr heterosexuellem Song »Bad Boy« mit einem kleinen Voice-over ein »Gay Boy« wird. Das wurde nicht nur schnell einer der beliebtesten Sounds auf der App, sondern zog natürlich auch gekränkte Männer an, die kurzerhand aus dem »Gay Boy« einen »Straight Boy« machten. Dass dieser Sound damit die Vorlage für noch großartigere Witze innerhalb der Community war, lässt sich leicht vorstellen.

Der TikTok-Erfolg von Menschen aus dem lgbtiq-Spektrum geht sogar so weit, dass es gerade eine ernsthafte Debatte um »queer baiting« gibt. Das heißt, dass Menschen anfangen, sich als Mitglieder des lgbtiq-Spektrums auszugeben, um dadurch mehr Follower*innen zu gewinnen. Auch die Fetischisierung von trans Personen wird offen thematisiert und kritisiert, seit bekannt wurde, dass ein erfolgreicher Influencer gezielt minderjährige trans Jungen anschrieb. Und damit wären wir dann doch beim Thema mangelnder Jugendschutz. Denn wir reden immer noch zu einem großen Teil von Teenagern, die die App nutzen und vollgepumpt mit körpereigenen oder gekauften Hormonen ihre Sexualität, Geschlechtlichkeit und andere spannende Teile des Lebens entdecken. Das passiert mit mal mehr, mal weniger Medienkompetenz. Da wären die Nutzer*innen zu schützen, und zwar nicht mit der generellen Einschränkung ihrer Reichweite, weil sie #lgbt unter ihre Videos schreiben. Statt Verboten bräuchte es Leitfäden und Aufklärung für die jüngeren User*innen sowie bessere Möglichkeiten, die eigene Privatsphäre zu kontrollieren.

Kuku Schrapnell

Kuku Schrapnell ist Leipziger Trümmertunte und im Herzen Generation Z.