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Progressive Phantastik

Das Magazin Queer*Welten erschafft utopische Ideen von einer besseren Gesellschaft

Von Sarah Fartuun Heinze

Das Cover der zweiten Queer*Welten-Ausgabe ist ein Gemälde des Künstlers Jack Sleepwalker. Foto: Queer*Welten

Wenn wir die Welt verändern wollen, bedarf es erst einer Vorstellung von dieser Veränderung. Immer, wenn ich auf den Ursprung des Wortes »Utopie« stoße, das aus dem (Alt-)Griechischen stammt und »Nicht-Ort« bedeutet, komme ich zu dem Schluss, dass es treffender eigentlich »Noch-nicht-Ort« heißen müsste: Denn Utopien sind ja auch immer gedankliche Möglichkeitsräume.

Umso fataler, dass dem literarischen Genre der Progressiven Phantastik ein Stigma anhaftet: Keine richtige Literatur, muss nicht in den Feuilletons besprochen werden. Platz da! Welt verbessern ist ein ernstes Business, keine Zeit für Verschnaufen und Genießen. Dabei ist Progessive Phantastik ein Literaturgenre, in dem Autor*innen fiktionale Möglichkeitsräume erschaffen, in denen wir als Leser*innen in Welten eintauchen dürfen, die sich nicht nur von der uns vertrauten unterscheiden, sondern in denen wirklich greifbar wird, wie Gesellschaften auch sein könnten: progressiver, in vielerlei Hinsicht.

Es ist eben auch angenehm, mal dem ganzen Kram zu entkommen, mit dem man sonst immer konfrontiert ist.

Queer*Welten, das erste deutschsprachige queer-feministische Science-Fiction- und Fantasy-Magazin widmet sich seit mittlerweile schon drei Ausgaben diesem utopischen Genre. Ich habe die drei Herausgeberinnen Judith Vogt, Lena Richter und Kathrin Dodenhoeft getroffen und mit ihnen über Progressive Phantastik, Utopien und das gesellschaftsverändernde Potential von Eskapismus gesprochen.

Die »Anderen« erzählen lassen

Judith Vogt, Lena Richter und Kathrin Dodenhoeft haben Queer*Welten ins Leben gerufen, um Autor*innen, die sonst schwer eine Bühne für ihre Perspektiven finden, eine solche zu bieten und direkt noch ein Publikum mitzuliefern. Queer*Welten erscheint im Ach je-Verlag, einem der vielen Kleinverlage, die neben den großen Konzernschiffen die deutsche Verlagslandschaft ausmachen und bereichern. Deswegen laden die Herausgeber*innen Autor*innen unterschiedlichster Positioniertheiten dazu ein, Geschichten, Gedichte, Comics einzusenden. Was das für Geschichten sind, machen sie auf der Queer*Welten-Homepage deutlich: »Wir wollen Geschichten, die Patriarchat, Heteronormativität und White Supremacy entlarven und zerschlagen oder gleich ganz ohne auskommen!« Das Magazin ist ein »Best-Practice«-Beispiel für Progressive Phantastik.

Judith Vogt ist nicht nur Queer*Welten-Herausgeberin, sie ist auch Autorin. Gemeinsam mit ihrem Mann Christian hat sie »Wasteland«, den ersten deutschen Science-Fiction-Roman in gendergerechter Sprache, verfasst. Der Begriff Progressive Phantastik stammt auch von dem Fantasy-Autoren James A. Sullivan, sagt sie. Gemeinsam mit ihm hat Judith Vogt im August dieses Jahres eine Artikel-gewordene Kampfansage mit dem Titel »Lasst uns Progressive Phantastik schreiben!« verfasst. Vogt beschäftigt sich vorrangig mit der Frage, wie man fantastische Geschichten so aufbauen kann, dass sie die sich sowieso immer verändernde Welt auf fortschrittliche, progressive Weise weiterdenken und erschaffen.

Queer*Welten-Herausgeberin und Autorin Lena Richter beschreibt einen der Gründe, das einmal im Quartal erscheinende Magazin ins Leben zu rufen, näher: »Ganz oft kommt dieser Vorwurf: Ja, Phantastik, Fantasy, das will ich ja nur lesen, um mich zu entspannen, das soll nicht politisch sein! Was soll denn das jetzt, dass hier ein schwuler Hauptcharakter drin ist? Das ist doch für die Geschichte gar nicht nötig! Immer diese Sprüche. Und wenn es dann mal Bücher gibt, die queere Figuren drin haben oder einen feministischen Ansatz, dann sieht man das meistens gar nicht, weil es gar nicht vermarktet wird. Und da haben wir gedacht, es wäre gut, wenn es etwas gibt, wo das ganz explizit draufsteht und wo wir die Texte auch finden können, die Leute schreiben und bei großen Phantastikverlagen gar nicht einreichen oder die Erfahrung gemacht haben, dass die nicht genommen werden, weil sie zu progressiv oder zu politisch sind.«

Kathrin Dodenhoeft ist nicht nur Queer*Welten-Herausgeberin, sondern auch Lektorin bei Piper. In einem früheren Leben war sie in der Leitung bei einem Kleinverlag: Feder & Schwert. Wie auch andere Kleinverlage gibt es Feder & Schwert nicht mehr. Um das, ebenso wie die Entscheidung Queer*Welten bei dem Kleinverlag Ach je zu verlegen, zu verstehen, bedarf es einer näheren Betrachtung der deutschen Verlagslandschaft. Zum Glück ist Kathrin Dodenhoeft da Expertin: »In einem Kleinverlag ist es natürlich viel einfacher, weil in einem kleinen Verlag hat man einfach Freiheiten, die man in dem Großverlag nicht hat. Da entscheidet halt einfach der Verleger, was er machen möchte, und so wird das dann gemacht.« So entschieden sich die Queer*Welten-Herausgeber*innen also für einen Kleinverlag. Auch weil sie hier sehr viel mehr Freiheiten haben, über Inhalt und Gestaltung zu entscheiden. In einem Großverlag wäre das Magazin mit seinen Kurzgeschichten gar nicht erst untergekommen, sagt Kathrin Dodenhoeft. Das Format sei in Deutschland nicht sehr verbreitet. Andererseits hätte sich ein großer Verlag für die vermeintlich kleine Zielgruppe von Queer*welten kaum interessiert.

Aber warum ist Queer*Welten, warum Progressive Phantastik mehr als schnöder Eskapismus und durchaus relevant für gesellschaftspolitische Diskurse? »In der Phantastik haben wir die Möglichkeit, Dinge wirklich neu zu entwerfen oder zu denken«, sagt Lena Richter. Fiktive Gesellschaften zum Beispiel, in denen es kein patriarchales, heteronormatives Gesellschaftsbild gibt. Was würde das für die Leben der dort lebenden Menschen bedeuten? Was für Geschichten fänden in diesen Welten statt? Und welche Konflikte gäbe es trotzdem? »Welche Vielfalt gibt es, die sich unter irgendwelche Einschränkungen und Anfeindungen unterordnen muss?«, führt Richter weiter aus. Im Eskapismus, so Judith Vogt, steckt neben diesem Ausblick auf utopische Visionen auch eine Leichtigkeit. Eine Chance. »Wir müssen uns gar nicht ausdenken, wie gesellschaftliche Probleme gelöst werden und wie man da hinkommt, sondern wir können einfach von einem Status quo ausgehen, der so ist.«

Wie sieht das gute Leben aus?

Anstatt sich damit zu geißeln, Texte zu schwierigen gesellschaftlichen Transformationsprozessen zu wälzen, bietet Progressive Phantastik Geschichten, die man einfach mal fluffig durchlesen kann. Es sei eben auch angenehm, mal dem ganzen Kram zu entkommen, mit dem man sonst schon immer konfrontiert ist, fügt Judith Vogt. Für sie ist Progressive Phantastik auch ein Ort um auszuruhen. Man sei beim Lesen davor gefeit, immer aufs Neue mit Strukturen, in denen Frauen hilflos sind, körperlich dominiert werden und Gewalt erfahren müssen, konfrontiert zu werden. »Und das wünsch‘ ich mir natürlich auch vor allen Dingen für Leute, die Opfer von Rassismus sind, von Ableismus. Dass einfach auch Konflikte darin auftauchen, die nicht mehr sind: Die hellhäutigen Menschen kämpfen gegen die dunkelhäutigen Dunkelelfen, Orks, was auch immer, sondern dass es Perspektiven und Repräsentationen gibt, die Ausflüge vom Rassismus erlauben. Vom Ableismus.« Höchste Zeit also allen, die es hören wollen und soll(t)en, zu sagen: Lasst uns Progressive Phantastik lesen! Oder schreiben: Ich habe gehört Queer*Welten freut sich immer über Einsendungen.

Sarah Fartuun Heinze

Sarah Fartuun Heinze arbeitet als freiberufliche Künstlerin an der Schnittstelle von Theater, Games, Musik und Empowerment. Sie wurde 1989 in Marka (Somalia) geboren, ist Schwäbin, lebt in Cottbus und spielt gern: Eines ihrer Lieblingsspiele ist »Zelda: Ocarina of Time«, vermutlich weil da, wie so oft, der Schlüssel zu den meisten Rätseln die Musik ist.