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Manic Pixie Dream Krake

Warum der Oscar-Gewinn von »My Octopus Teacher« ein Ärgernis ist

Von Kayleigh Donaldson

Vor einem Taucher schwimmt ein Oktopus
Hier lebt ein Mann seine Midlife-Crisis mit einem Oktopus aus. Foto: Netflix

Bei der diesjährigen Oscar-Verleihung wurde der Netflix-Hit »My Octopus Teacher« (»Mein Lehrer, der Krake«) in der Kategorie »Bester Dokumentarfilm« vom Überraschungskandidaten zum Favoriten und nahm am Ende den Oscar mit nach Hause. Wie hat der Film das geschafft?

»My Octopus Teacher« folgt dem südafrikanischen Filmemacher Craig Foster, der grob gesagt beschließt, seine Familie im Stich zu lassen, um auf der Kaphalbinsel seine Midlife-Crisis mit einer Krake auszuleben. Foster verbringt 85 Minuten damit, dem Publikum die Geschichte zu erzählen, wie er eine tiefe Bindung zu diesem Geschöpf aufbaut, die zu einer unglaublichen Freundschaft und vielleicht sogar einer Art Liebe wird. Nein, er hat keinen Sex mit dem Oktopus, aber er beschreibt ihre Beziehung in sehr romantischen Worten.

Viele Zuschauer*innen schien die Beziehung dieses Mannes zur Natur zu berühren. Ich persönlich mag den Film wirklich gar nicht.

»My Octopus Teacher« verkauft die Geschichte einer Begegnung von Mensch und Natur, in der Gemeinsamkeiten offenbar werden. Ein Mensch findet durch die Magie eines einfachen Oktopus zu sich selbst, während das Tier… nun ja, eigentlich wissen wir nicht wirklich, was es davon hat. Hier geht es um einen Homo Sapiens, der sich davor drückt, sein eigenes Kind großzuziehen oder seiner Frau zur Seite zu stehen, weil er zu sehr damit beschäftigt ist, seinen emotionalen Nonsense auf ein Tier zu projizieren. Das Ergebnis ist ein oberflächlicher Film, der eine Menge problematischer Vorstellungen über die Natur und ihre Kreaturen wiederkäut.

Ein Mensch findet durch die Magie eines einfachen Oktopus zu sich selbst, während das Tier… nun ja, eigentlich wissen wir nicht wirklich, was es davon hat.

In einem Essay für die London Review of Books merkt Amia Srinivasan an, dass der Oktopus wahrscheinlich »am nächsten an die Vorstellung davon herankommt, wie es sein könnte, intelligentem außerirdischen Leben zu begegnen«. Diese Tiere sind dem Menschen in jeder erdenklichen Weise so völlig unähnlich, dass sie schwerer zu vermenschlichen sind als, sagen wir, eine Katze oder das majestätische Pferd auf der Wiese nebenan. Foster schafft es trotzdem, der Krake, der er auf seinen Tauchgängen begegnet, seine disneyesken Erwartungen an die Beziehung, nach der er sich sehnt, aufzuladen. Foster unternimmt die gewagtesten Verrenkungen, um aus dem Geschöpf seine weibliche Gefährtin zu machen. Nicht nur muss das Tier vermenschlicht werden: Es braucht ein spezifisches Geschlecht, um seine Fantasie von der ultimativen Bindung zu befriedigen. Foster ist erpicht darauf zu glauben, dass diese Krake, deren Leben er immer wieder bis hin zum Verlust eines Armes abfuckt, dankbar für seine Anwesenheit ist, dass sie ihn so sehr braucht, wie er von ihrer eingebildeten Liebe abhängig ist.

Auf diese Weise wird der Krake die unglaubliche Komplexität ihrer Spezies verwehrt, die Stunden Dokumentarfilmmaterial füllen könnten. Wir wollen unbedingt glauben, dass Tiere unsere Liebe spüren und erwidern können, denn das ist offenbar unsere Grundidee davon, wie Mensch und Wildnis kommunizieren. Ich will nicht die Möglichkeit, eine Bindung zu einem Tier aufzubauen, in Zweifel ziehen. Jede*r Haustierbesitzer*in kann von den Wundern und Freuden der Beziehung zu ihrem Hund, ihrer Katze oder ihrem Vogel berichten. Doch Fosters Projektionen auf die Krake ergeben keinen Sinn.

Fosters Midlife-Crisis, seine Beinahe-Abwendung von seiner Familie ist etwas, das es wert gewesen wäre, untersucht zu werden. Hier hätte ein großartiger Dokumentarfilm entstehen können, der die emotionale Welt eines Mannes erforscht, der einer Meereskreatur, die kein Interesse an ihm hat, eine menschenähnliche Identität andichtet, um seine eigenen Probleme zu bearbeiten. Die Krake als Manic Pixie Dream Girl.

Doch es scheint, dass der simple emotionale Köder von »My Octopus Teacher« das ist, was viele von einer Naturdokumentation erwarten. Es ist leichter, uns vorzustellen, dass ein Oktopus einen Menschen lieben kann, als uns mit dem Gedanken anzufreunden, dass er uns nicht einmal begegnen sollte, um unseren Respekt zu verdienen.

Kayleigh Donaldson

ist Feature-Autorin für den Politik- und Kulturblog Pajiba und betreibt den Podcast The Hollywood Read.

Die längere englische Originalfassung erschien am 26. April unter dem Titel »Why Critics Are Outraged Over ›My Octopus Teacher‹s Oscar Win« auf Pajiba.com. Übersetzung und Kürzung: Kornelia Kugler