Weiße Schlangen in Hamburg
Um endlich Austragungsort olympischer und paralympischer Spiele zu werden, greift die Stadt in die tech-populistische Trickkiste
Von Ulf Treger
An einem dunklen Novemberabend fanden sich im Hamburger Westen etwa 50 Interessierte zu einem von der Stadt konzipierten »Dialog« über die geplante Bewerbung als Austragungsort für olympische und paralympische Spiele ein. Sorgfältig wurde an dem Abend darauf geachtet, dass es nicht zu einem offenen Austausch von Argumenten kam. Obwohl die Anwesenden, mehrheitlich weiß und bürgerlich situiert, der Idee einer Bewerbung wohlgesonnen schienen, überwogen in der Fragerunde die Bedenken und Sorgen: Ob die örtlichen Sportangebote wirklich profitieren würden (und warum es dazu erst die Bewerbung bräuchte), wie die Ausrichtung der Spiele mit der prekären Lage des öffentlich Nahverkehrs zusammenpassen würde, und vor allem: Wie die Stadt verhindern wolle, dass es wieder so bedrohlich würde, wie beim letzten Großereignis, dem G20-Gipfel 2017?
Hamburg unternimmt nicht den ersten Anlauf. 2003 unterlag die Stadt dem nationalen Vorentscheid gegen Leipzig. 2015 verlor die rotgrüne Koalition das von ihr initiierte Referendum, trotz aufwendiger Werbekampagne und einem Strauß vollmundiger Versprechen. Dagegen gehalten hatte NOlympia Hamburg, ein zivilgesellschaftliches Bündnis von Olympia-Kritiker*innen, dem es gelang, die wunden Punkte der Bewerbungsplanung herauszustellen.
Endlich »Host City« sein
Nun probiert Hamburg erneut, »Host City« zu werden. Dafür müsste die Stadt drei Hürden überwinden: Ein erneutes Referendum, das der Hamburger Senat für den 31. Mai 2026 angesetzt hat. Die nationale Vorauswahl, die vom Deutschen Olympischen Sportbund im September getroffen wird, und schließlich die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), das in einem Rutsch die gastgebenden Städte der Olympischen Spiele für 2036, 2040 und 2044 benennen wird.
Im nationalen Vorentscheid muss sich Hamburg gegen drei Konkurrentinnen durchsetzen: Für München wären es nach 1974 die zweiten Spiele. Dort ist ein Referendum bereits im Frühherbst 2025 mit einer Zustimmung für die Bewerbung ausgegangen, ohne dass zu diesem frühen Zeitpunkt ein konkreter Umsetzungs- und Kostenplan vorlag. Für Berlin wäre das nach den Nazi-Spielen 1936 ebenfalls das zweite Mal. Sollte die Entscheidung auf 2036 fallen, würde sich ein äußerst delikates Jubiläum ergeben. Hier streben die Gegner*innen von NOlympia Berlin ein Referendum an. Schließlich die Außenseiterin, die Region Rhein-Ruhr, mit Köln als »Leading City«. Auch hier wird es eine Befragung geben, allerdings pro Kommune. Sollten sich eine oder mehrere Gemeinden gegen eine Bewerbung aussprechen, wird es zu interessanten Ergebnis-Interpretationen kommen.
Hyperloop der Träume
Hamburg steht vor einem Dilemma: Was die Austragung der Spiele kosten wird, kann zum Zeitpunkt der Abstimmung nicht seriös beziffert werden. Damit steht die Pro-Kampagne auf wackeligen Füßen. Wie lässt sich glaubhaft machen, dass es für die austragende Stadt keine Nachteile (etwa Kostensteigerungen bei Mieten und Lebenshaltung) geben wird, wie es auf den »Dialog«-Veranstaltungen behauptet wird? Eng mit den Finanzen verwoben ist der »Host-City-Vertrag«, in dem die Pflichten der austragenden Stadt festgeschrieben werden. Hamburg behauptet, die Stadt könnte diesen fair aushandeln. Doch stattdessen werden die Zwangsläufigkeit der olympischen Erfordernisse und die Ansprüche des IOC den Inhalt diktieren. Die Hansestadt verstrickt sich so in Widersprüche, noch bevor die Kampagne zum Referendum gestartet ist. Etwa wenn der Senat behauptet, dass keine »weißen Elefanten« entstehen würden. Damit sind extrem teure Neubauten von Sportstätten gemeint, die nach den Spielen mangels Bedarf und Wartungsetat zu verwaisten Problemfällen werden. Gleichzeitig ist aber absehbar, dass die aktuellen Kapazitäten an Sportstätten für eine Olympia-Austragung nicht ausreichen, Neubauten also unumgänglich wären.
Was die Austragung der Spiele kosten wird, kann zum Zeitpunkt der Abstimmung nicht seriös beziffert werden.
Mit einem Zuckerstück versucht Hamburg, sich innovativ zu zeigen: Eine Magnetschwebebahn in einer (fast) luftleeren Röhre soll Passagiere in 15 Minuten zu den 100 Kilometer entfernten Segelwettbewerben in Kiel katapultieren. Abgesehen davon, dass es fraglich ist, ob dieser »Hyperloop« in den nächsten 20 Jahren (oder überhaupt jemals) wirtschaftlich betrieben werden kann: Wer den Bau finanzieren soll, welchen Bedarf es über die Spiele hinaus geben wird, ist völlig offen. Sollte aus dieser Fantasie wirklich etwas werden, dann hätte eine solche Röhre gute Chancen, nach den Spielen zu einer »weißen Schlange« zu werden, deren Vakuumröhre sich – funktionslos geworden – entlang der Autobahn nach Kiel erstreckt. Da, wie zu vernehmen ist, selbst die Hamburger Politik nicht an diese Technologie glaubt, ist das eine zynische Form von Tech-Populismus: Mit einer spekulativen Technologie Wahlkampf zu machen und bei der Bewerbung Punkte zu sammeln, um sie dann später mit Bedauern zu beerdigen. Da passt es, dass diese Technologie seit 200 Jahren auf ihre Realisierung wartet und vor zwölf Jahren durch – ausgerechnet – Elon Musk reanimiert wurde – als Beitrag zur damaligen Debatte um die kalifornischen Pläne einer Schnellzugstrecke.
Risikoarme Behauptung
Vielleicht ist die Stadt Hamburg aber genauso wenig an der Durchführung der Spiele interessiert, wie sie an die Realisierung eines Hyperloop glaubt. Viel lieber begnügt sie sich mit der risikoarmen Behauptung, dass sie in der ersten Liga der olympischen Städte mitspielen könnte und dabei richtig innovative Ideen hat. Doch allein die Bewerbung verursacht schon gehörige Kosten, bindet administrative Kräfte und lenkt von wichtigeren gesellschaftlichen Debatten ab, etwa zur Mietenkrise oder für nachhaltigere Sport- und Bildungsangebote. NOlympia Hamburg hat sich in den letzten Wochen neu konstituiert. Das Bündnis startet dieser Tage eine Unterschriftensammlung, um seine Position in den Wahlunterlagen zum Referendum platzieren zu können. Eine breite Unterstützung dieser Kampagne würde helfen, die Kritik an der Bewerbung in den städtischen Diskurs zu tragen und beim Referendum erneut Nein zu sagen.