Sich einladen lassen
Von Jacinta Nandi
Tee und Kekse, zwei ausländische Alleinerziehende und eine deutsche Alleinerziehende reden, wir haben alle erwachsene Kinder, und die ausländische Alleinerziehende sagt: »Ich muss meinem Sohn immer Geld geben, wenn er auf Dates geht. Wir alleinerziehenden Mamas stemmen einfach alles, sogar bei dem sexistischen Brauch, dass Männer für Frauen zahlen – dafür kriege ich die Rechnung!«
Sie lacht, und man merkt, dass sie total stolz ist, auf ihren hübschen Sohn, der auf viele Dates geht. Ich sage: »Meld ihn doch für eine Kreditkarte an, er ist jetzt 18, er soll endlich mal erwachsen werden!«
Und die deutsche Alleinerziehende, eine Frau – und ich kann das nicht genug betonen – die ich sehr mag und schätze, sagt, total verwirrt und ziemlich missbilligend: »HÄÄÄÄÄÄH?«
Wir gucken sie an, ich bin integrierter als meine ausländische Freundin, und glaube zu wissen, was jetzt kommt. Ich mache eine höfliche Grimasse. Aber meine ausländische Freundin sagt ganz locker: »Ja, so ein Glück, dass du eine Tochter hast! Du sparst damit voll viel Geld! Es ist so teuer, einen Sohn zu haben, der daten will!«
Die Deutsche sagt wieder: »HÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄH? Warum tust du so was? WARUM GIBST DU IHM GELD FÜR DATES? Ich verstehe es überhaupt nicht!«
Sie sagt dieses HÄH so laut und so missbilligend, dass die Umlaute durch die Luft springen und uns Ausländerinnen ins Gesicht boxen, wie kleine Pingpongbälle.
Die andere Ausländerin zuckt mit den Schultern und sagt: »Ich will schon, dass er erfolgreich datet. Ich sage ihm immer, er muss mir zeigen, wie hübsch das Mädchen ist. Wenn sie sehr hübsch ist, gebe ich ihm mehr Geld.«
Ich lache, denn ich denke, dass das ein Witz sein soll, aber meine deutsche Freundin sagt jetzt HÄÄÄÄÄÄÄÄH so laut, dass wir in einem Bällebad von Umlauten ertrinken.
»Jacinta!«, ruft sie. »Wie kannst du das als Feministin okay finden? Warum sollen Männer für Dates zahlen?«
»Ist einfach Brauch«, sage ich halbherzig. »Bei den meisten Menschen zumindest, außer bei Deutschen.« »Warum soll irgendjemand für Dates zahlen?«, fragt sie weiter. »Was ist mit den Waldspaziergängen passiert?«
Ich flüstere: »Es ist draußen sehr kalt momentan« und zittere bei dem Gedanken, in einem Wald spazieren gehen zu müssen.
»Und man zahlt für die hübschen Mädchen, als ob sie Waren wären?«, schnaubt meine Freundin. »Ihr seid Ghislaine Maxwells und erzieht eure Söhne zu kleinen Epsteins!«
Ich kaue an meiner Lippe und fühle mich schlecht. Hat meine Freundin recht?
»Wenn ich einen Sohn hätte«, sagt meine Freundin, »würde ich ihm nie Geld geben, um zu daten! Und meine Tochter geht nie auf solche Dates, die viel Geld kosten! Ich will nicht, dass meine Tochter sich als hilflos und kindisch, als passiv und weiblich begreift. Sie soll sich einen Partner suchen, der sie als Partnerin sieht und als jemand, der natürlich für sich selbst zahlen kann!« Sie schüttelt den Kopf. »Jacinta. Ich bin enttäuscht von dir.«
Es schaudert mir ein bisschen. In der vergangenen Woche hat man nur Epstein-Horror-Geschichten gelesen, oder, um sich mal abzulenken, Artikel über toxic-boy-moms, die ihren männlichen Nachwuchs emotional missbrauchen (oder zu nah mit ihm tanzen). Ich bin erschüttert von den Geschichten, den Details zu Epstein, und die Idee, dass ich Frauen als Ware sehe, kotzt mich an, ich habe Angst, dass da etwas dran ist. Ich merke, wie mein Bauch hart wird, und in meiner Kehle tatsächlich ein bisschen Kotze hochsteigt.
Das Ding ist: Vielleicht ist dieser Brauch, dass der Mann für Dates zahlt, tatsächlich mit der Idee verbunden, dass die Frau eine Ware ist. Frauen und Mädchen werden gekauft, verkauft, getauscht, gehandelt, Frauenkörper werden als Produkte und als Ware gesehen. Die Männer bezahlen dafür.
Was ich jedoch komisch finde, ist, dass es so viele Sachen gibt, für die Männer nicht bezahlen – und niemand juckt’s.
Ist das nicht Geld, das die Männer von uns geklaut haben? Um wie Kinder weiterzuleben?
50 Prozent der Unterhaltspflichtigen in Deutschland (von denen 90 Prozent Männer sind) zahlen keinen Unterhalt. Ist das nicht kindisch von denen? Ist das nicht unerwachsen, unsouverän? Männer verdienen 23 Prozent mehr als Frauen – ist das nicht Geld, was eigentlich uns gehört? Den Geigenunterricht, den Fußballverein, das Karatekostüm – dieses Geld, was die Männer nicht ausgeben, was ist das für Geld? Ist das nicht Geld, das sie von uns geklaut haben? Um wie Kinder weiterzuleben? Auf Kosten ihrer Ex-Partnerinnen.
Meine deutsche Freundin musste neulich trotz ihres guten Jobs Geld von ihrer eigenen Mama ausleihen, um die Zahnspange ihrer Tochter zu bezahlen. Mit über fünfzig. Ist das kindisch von ihr? Wahrscheinlich. In einer idealen Welt würden sich Alleinerziehende solche Summen natürlich von ihrer Arbeit leisten können. Aber ich fände es auch okay, wenn unerwartete Extrakosten beim Unterhalt berücksichtigt werden würden oder wenn das einfach mal der Kindsvater übernimmt.
Ich will nicht, dass andere Frauen auf Dates denken, dass sie sich einladen lassen sollen oder müssen oder dass sich andere Alleinerziehende jetzt unter Druck gesetzt fühlen, ein Sparschwein für zukünftige Dates ihrer Söhne aufzustellen. Aber warum ist es kindisch, wenn eine Frau mal eingeladen wird – auf einen Kaffee, ein Eis oder sogar ein Abendessen –, aber gleichzeitig okay, dass die Männer so viel weniger für ihre Kinder zahlen? Wenn man sieht, dass eine Alleinerziehende im Kino oder Schwimmbad oft mehr bezahlt als eine ganze Familie, warum denkt man dann nicht an die kindischen, unsouveränen Männer, die wirklich keine Partner sind, die sich nicht auf Augenhöhe begeben, die nie erwachsen wurden? Ich würde es gerne wirklich verstehen!