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Leïla Slimani beendet mit »Trag das Feuer weiter« ihre monumentale Familiensaga, in der sie auch die Geschichte Marokkos seit dem Zweiten Weltkrieg erzählt

Von Daniel Stähr

Man sieht eine Frau mit Locken, die von unten schräg nach oben blickt und dabei lächelt.
Die Schriftstellerin Leïla Slimani, hier auf der Frankfurter Buchmesse 2017. Foto: Heike Huslage-Koch/Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Während sie mit einer Frau schläft, bemerkt die erfolgreiche Pariser Autorin Mia Daoud im November 2021, dass sie ihren Geschmacks- und Geruchssinn verloren hat; später gesellen sich Gedächtnisstörungen zu ihren Symptomen. Lange wird sie von ihren Ärzten nicht ernst genommen, bekommt statt medizinischer Hilfe eine depressive Verstimmung attestiert, und erst als sich im Frühjahr 2023 ein befreundeter Neurologe des Falls annimmt, diagnostiziert dieser die Nachwirkungen einer Corona-Infektion. Sein Rat an Mia, wie sie ihr Gedächtnis zurückzuerlangen kann, lautet in Anlehnung an Marcel Proust: »Finden Sie Ihre Madeleine.« Und so kehrt Mia zurück in ihr Heimatland Marokko, auf die Farm ihrer längst verstorbenen Großeltern, um sich zu erinnern.

Das ist die Ausgangssituation von »Trag das Feuer weiter«, dem finalen Roman von Leïla Slimanis Trilogie, die lose an ihrer eigenen Familiengeschichte orientiert ist, um die Geschichte Marokkos seit dem Zweiten Weltkrieg zu erzählen. Wie in den vorangegangenen Teilen auch, stehen die verschiedenen Generationen sinnbildlich für die historischen Phasen, die ihre Heimat durchlief. Im ersten Teil (»Das Land der Anderen«, 2022) verliebt sich die Elsässerin Mathilde während des Kriegs in den marokkanischen Soldaten Amine, der an der Seite der Alliierten steht. Später geht sie mit ihm in seine Heimatstadt Meknès, wo sie gemeinsam einen erfolgreichen Landwirtschaftsbetrieb aufbauen, während Marokko um seine Unabhängigkeit kämpft. Im zweiten Teil (»Schaut, wie wir tanzen«, 2024) spiegelt die Geschichte von Mias Eltern Aïcha und Mehdi die Hoffnungen und schlussendliche Enttäuschung wider, die mit der Unabhängigkeit in den 1960er- und 1970er Jahren verbunden war.

Intergenerationale Heimatlosigkeit

Im Finale der Reihe steht nun die dritte Generation der Familie im Vordergrund: die Schwestern Inés und Mia. Beide verlassen Marokko, um in Paris zu studieren, Inés Medizin, Mia Wirtschaft, doch anders als ihre Mutter, die in Straßburg studierte, kehren sie nicht mehr in ihr Geburtsland zurück. Dies ist das zentrale Motiv von »Trag das Feuer weiter«, das vor allem die Zeit zwischen den 1980er und 2000er Jahren erzählt: die Heimatlosigkeit einer gebildeten Schicht, deren Angehörige weder im immer religiöser werdenden Marokko noch in Frankreich, für das sie immer »die Araber« bleiben, ein Zuhause finden.

Die Trilogie ist vor allem marokkanische Geschichte aus den Augen einer Elite, die Slimanis eigenem Status entspricht. 

Diese Veränderung im Verhältnis der unterschiedlichen Generationen zum eigenen Heimatland zu erzählen, ohne dabei ihre Figuren zu reinen Stellvertreter*innen werden zu lassen, ist die größte Leistung Slimanis. Da ist die weiße Mathilde, die besser Arabisch spricht als ihre Enkelinnen und die nicht versteht, wieso diese nicht in Marokko bleiben. Oder der einstige Kommunist Mehdi, der von der großen Welt träumte, das Land aber nie verließ, später zum Pragmatiker wurde und als Bankdirektor an der Korruption der Monarchie scheitert. Oder Mias Onkel Selim, der in den 1970er Jahren nach New York geht und dort ein erfolgreicher Fotograf wird, nach den Anschlägen vom 11. September aber beide Orte verliert, die er als Heimat betrachtet. 

Slimani erzählt diese opulente, vielfältige Geschichte, die auch von Mias lesbischem Erwachen, weiblicher Solidarität sowie den volkswirtschaftlichen Gründen für Marokkos Scheitern durch die neoliberalen Sparmaßnahmen der 1990er Jahre handelt, in der für sie charakteristischen Art. Sie geht hart mit ihren Figuren ins Gericht, verdeutlicht aber zugleich die tiefe Zuneigung, die sie für sie empfindet, ohne in kitschige Klischees zu verfallen. Was das Buch außerdem auszeichnet, ist die grandiose Übersetzung von Amelie Thoma, die für die zahlreichen Figuren und unterschiedlichen Zeiten jeweils einen eigenen, authentischen Ton trifft.

Eine Geschichte von Eliten

Woran allerdings auch »Trag das Feuer weiter« scheitert – bei aller Nuanciertheit, wenn es um Themen wie patriarchale Unterdrückung, Queerness oder den Verlust des Heimatsgefühls geht –, ist Slimanis Auseinandersetzung mit Armut. Relativ zu Beginn des Romans schreibt sie, um die zynische Haltung der Tourist*innen und ausländischen Geschäftsleute, die ins Land kommen, zu charakterisieren: »Die Europäer sagen manchmal so etwas wie: ›Marokko ist wunderschön, aber es ist einfach zu arm.‹« Provokant könnte man diese Kritik zurückspielen. Armut verkommt bei ihr zur bloßen Kulisse, wird zu etwas degradiert, von dem sich die Figuren abgrenzen oder das überwunden werden muss, das aber nie als reine materielle Realität geschildert wird. 

Da ist der arme Junge, den Mia als Kind auf einem Markt kennenlernt und den sie fragt, ob er zur Schule gehe, der mit seinen »endlos langen Wimpern und dem gelben Teint« als Antwort nur müde lächelt, wodurch Mia erstmals versteht, dass es Elend gibt. Da ist Mias Vater Mehdi, der in Armut aufwächst, sich aber durch Fleiß, Intelligenz und Talent als Ökonom bis in die höchsten Regierungskreise hocharbeitet und den Kontakt zu seinen Eltern und Geschwistern vollständig abbricht. Und da ist Mias Großvater Amine, der sogar die Armut der Natur überwindet, als er einem kargen, unwirtlichen Land mit harter Arbeit und modernen landwirtschaftlichen Methoden seine Fruchtbarkeit abtrotzt und so in den 1950er Jahren die Orangen- und Mandelfarm errichtet, auf der der Wohlstand der Familie beruht. 

An keiner Figur wird Slimanis Haltung zu Armut aber deutlicher als an Fatima, der Haushaltshilfe von Mias Eltern. Fatima lebt seit über 20 Jahren bei den Daouds, zieht die Kinder groß und ist selbstverständlich Teil ihres Alltags. Erst nach 350 Seiten erfahren wir, dass Fatima ein eigenes Leben in den Bidonvilles, den Elendsvierteln Rabats, hat und sich dort ebenfalls von ihren Verwandten entfernt, weil sie einen Klassenaufstieg im Kleinen geschafft hat.

So ist »Trag das Feuer weiter«, wie die gesamte Trilogie, vor allem eine marokkanische Geschichte aus den Augen einer kulturellen und finanziellen Elite, die Slimanis eigenem Status entspricht. Ihre Figuren sind sich ihrer Privilegien zwar bewusst, doch der Roman erzählt zwangsweise nur die Zerrissenheit von Menschen, die überhaupt eine Wahlmöglichkeit haben. Ist man sich dieser Einschränkung bewusst, gelingt Leïla Slimani eine beeindruckende Chronik, die exemplarisch für viele Länder auf der Welt steht, die noch immer damit kämpfen, sich von den Fesseln der europäischen Kolonialzeit zu befreien. 

Daniel Stähr

wurde 1990 in Mecklenburg-Vorpommern geboren, ist freier Autor und Ökonom; er arbeitet an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Kultur. Im März erscheint sein neues Buch »Die neuen Propheten. Wie Ökonomen unsere Zukunft verspielen« im S. Fischer Verlag.

Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter. Penguin, München 2026. 448 Seiten, 25 EUR.

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