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|ak 723 | Kultur

Frieden findet man am Bramfelder See

Agitprop gilt als verstaubt – doch es geht auch anders

Von Pajam Masoumi

Fünf Schauspieler*innen auf einer dunklen Bühne, die Stein, Schere, Papier spielen
Wer darf als Erstes Olivier David spielen? Das knobeln Oscar Hoppe, José Barros Moncada, Nina Carolin, Tash Manzungu und Rune Jürgensen (v.l.) zu Beginn des Stückes auf der Bühne aus. Foto: Oliver Fantitsch

Ein Abend, der mit Standing Ovations endete: Das Stück »Keine Aufstiegsgeschichte« feierte am 5. Februar seine Premiere im Hamburger Ernst Deutsch Theater. Der Regisseur Marco Damghani entwickelte auf Grundlage der Buchvorlage von Olivier David eine Idee davon, wie modernes Theater für die Arbeiter*innenklassen aussehen könnte.

In der ersten Szene des Stücks soll der Hauptfigur Olivier David der hanseatische Kaufmannspreis verliehen werden: ein Preis zu Ehren seines vermeintlichen Aufstiegs. Über der Bühne wird ein großer Schriftzug an die Wand projiziert: »Jeder kann es schaffen!«.

Aufgebaut wie ein Computerspiel wird die Hauptfigur, dargestellt von gleich fünf Schauspieler*innen, durch den turbulenten Tag vor der Preisverleihung begleitet. Dass die Figur von mehreren Darsteller*innen performt wird, ist folgerichtig, denn die Hauptfigur ist keine Ausnahme – sie verkörpert die rund 20 Prozent der armutsgefährdeten Bevölkerung. Die Missionen, die innerhalb des Spiels absolviert werden müssen, stehen auf der To-do-Liste, die Olivier Davids Freundin am Morgen mit ihm erstellt.

Das ständige Getriebensein ist, was durch den Abend trägt.

Nacheinander schlüpfen die fünf Darsteller*innen in Davids Rolle – wer die Mission nicht packt, erntet ein »Game Over« und übergibt an den*die Nächste. Mama besuchen, Geld organisieren, um sich einen Anzug besorgen zu können, irgendwo einen Anzug auftreiben, noch schnell zur Probe des Schauspielstudiengangs und das alles vor der Preisverleihung. Der Gegner ist das Leben selbst. Denn, anders als die Laudatio zu Beginn suggeriert, mag vielleicht der kulturelle Aufstieg gelungen sein, doch das Geld ist immer noch knapp – genau wie die Impulskontrolle. Anders als bei anderen Inszenierungen rund um das Thema Armut, gelingt es diesem Stück, nicht in der Betroffenheit über die Verhältnisse stehen zu bleiben. Im Gegenteil: Das ständige Getriebensein und die Wut darüber ist, was durch den Abend trägt.

Denn die Missionen zu erfüllen ist alles andere als leicht. Das Geld für den Anzug muss bei einem Kumpel abgeholt werden, der es allerdings selbst noch nicht hat. Mama ist, genau wie David selbst, angespannt und latent depressiv, die Kommiliton*innen sind politisch überkorrekte Mittelstandskids, die für bummelige 2000€ pro Person David mit in den Urlaub nehmen wollen. Und beim Abarbeiten der To-do-Liste entstehen, wie beim Gaming, Sidequests: Schnell noch einen Brief in den Briefkasten werfen, in einem Viertel, in dem fast alle Briefkästen ständig gesprengt werden.

Wer sich in diesen Vierteln bewegt, erkennt die Charaktere. Etwa Simon, dessen Eltern Bärbel und Hajo heißen und der dennoch überwiegend in arabischen und türkischen Redewendungen spricht, um »endlich auch mal dazuzugehören«. Oder David und seine Jugendfreunde, die am Bramfelder See einen Vogelkundler vermöbeln – aus Frust und um der alltäglichen Tristesse zu entkommen. Der Bramfelder See im Hamburger »Brennpunkt« Steilshoop taucht gleich mehrfach auf: einmal als Erinnerung, einmal als meditativer Wohlfühlort. Denn die Hauptfigur ist psychisch krank. Bei Panikattacken soll sich Olivier David an einen Ruheort denken – doch erholsame Lagunen und Strände kennt die Hauptfigur nur aus Werbeclips und Katalogen von TUI. Also bleibt nur der Baggersee in Steilo.

Im Mittelpunkt des Stücks steht immer der Klassenwiderspruch: einige, die viel haben, und viele, die wenig haben. Die Inszenierung endet mit einer Dankesrede, in der mit agitatorischem Pathos dargelegt wird, dass es zwar theoretisch stimmt, dass jeder »es schaffen kann« – aber eben nicht alle. Folgerichtig werden beim Applaus dann auch diejenigen auf die Bühne geholt, deren Arbeit das Theater erst möglich machen, die aber selten erwähnt werden: Bühnenbauer*innen, Kostümbildner*innen und Techniker*innen.

Begleitet wird der Abend von Songs des Hamburger Rapper Disarstar, performt von Oscar Hoppe und José Barros Moncada. Wie gut die schauspielerische Leistung der Darsteller*innen ist, lässt sich auch daran erkennen, dass in einem deutschen Theater gerappt wird, und man nicht vor Fremdscham im Sessel versinken will.

Keine Aufstiegsgeschichte, Ernst Deutsch Theater, Vorstellungstermine: 10.3. bis 18.3.26 und 15.4. bis 23.4.26

Pajam Masoumi

ist in der Online-Redaktion bei ak.

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