»Wie stark wir waren«
Der Film »Immortals« erzählt Geschichte und Nachwirkungen des Massenaufstands der irakischen Jugend von 2019
Interview: Caspar Shaller
Das Jahr 2019 war eines der Aufstände – auch der Irak gehörte damals zu jenen Ländern, in denen Menschen rebellierten. Diese Bewegung nannte sich Tishreen. Der Dokumentarfilm »Immortals« folgt den Aktivist*innen Milo und Khalili. Milo und die Regisseurin Maja Tschumi erzählen im Interview, worum es den Protestierenden ging und wie sie zusammengearbeitet haben, um die Geschichte von Tishreen zu erzählen.
Wogegen protestierten die Menschen 2019 während der Tishreen-Bewegung und was machte sie so besonders?
Milo: Das war der erste Protest, bei dem die junge Generation zusammenkam; ohne Anführer, jenseits religiöser oder ethnischer Trennlinien, Frauen und Männer. Die zentrale Forderung war der Sturz der korrupten Regierung, aber die Bewegung brachte Studierende, Arbeitslose, und Menschen zusammen, die gegen Stromausfälle oder verschmutztes Wasser protestierten. Sie nahmen sich Redefreiheit – die existiert im Irak zwar auf dem Papier, aber nicht in der Realität. Die Regierung bekam Angst. Sie hatte diese Generation noch nie erlebt, wie stark wir waren, auch ohne Waffen. Wir waren friedlich – weshalb sie uns nicht zum Schweigen bringen konnten, bis sie das Feuer eröffneten und nach unserem Wissen etwa tausend Menschen töteten und Zehntausende verletzten. Wer heute über Tishreen spricht, wird verhaftet.
Maja, wie bist du auf Tishreen aufmerksam geworden?
Maja: Während eines Rosa-Luxemburg-Workshops im November 2019, als es rund um die Welt antikapitalistische Proteste gab, berichtete ein irakischer Teilnehmer von Tishreen. Obwohl ich die Aufstände in anderen Ländern aufmerksam verfolgt hatte, hatte ich bis dahin nichts über den Irak gehört. Ich reiste zunächst nach Kurdistan und dann nach Bagdad, wo ich mindestens 40 Aktivist*innen traf. Das Projekt begann wirklich, als ich Khalili kennenlernte, Aktivist und Filmemacher, der mir eine Festplatte mit siebzig Stunden Filmmaterial übergab. Er sagte, nach all der Gewalt, die er erlebt hatte, und angesichts der schwierigen politischen Lage wäre er nicht stark genug, selbst etwas damit zu machen, aber er wollte, dass die Welt sieht, was geschehen war.
Wie hast du deine Rolle als Außenstehende verstanden?
Maja: Von Anfang an habe ich mich gefragt: Was ist meine Perspektive als Außenstehende in einem Land, das so tief durch imperiale Gewalt geprägt ist? Ich verstehe meine Rolle als die einer Übersetzerin: Ich habe Zugang zu europäischen Förder- und Vertriebsnetzwerken, die Aktivist*innen nicht. Es gibt auch eine praktische Realität: Ein erfahrener irakischer Filmemacher etwa, der früher für die BBC gearbeitet hatte, versuchte, eine Dokumentation über Tishreen zu drehen, und verhandelte mit dem nationalen Fernsehen, doch bevor sie ausgestrahlt werden konnte, bedrohten Milizen seine Familie und das Projekt ging unter. Sogar relativ privilegierte Iraker können diese Geschichte nicht frei erzählen. Das Argument, dass Außenstehende nicht beteiligt sein sollten, ignoriert diese Ungerechtigkeit. Den Iraker*innen, mit denen ich sprach, kam es darauf an, dass wir dieselbe Ethik teilen.

Milo und Maja Tschumi
Milo hat einen Bachelor-Abschluss in Soziologie von der Universität Bagdad. Während ihres Studiums arbeitete sie als Sozialarbeiterin und Fotografin und engagierte sich in verschiedenen zivilgesellschaftlichen Projekten. Maja Tschumi lebt und arbeitet in Zürich und Berlin und schloss 2023 ein Masterstudium in Filmregie an der Kunsthochschule für Medien in Köln ab. 2022 veröffentlichte sie ihren ersten Spielfilm »Rotzloch«. Fotos: privat
Milo: Wir haben 2019 versucht, die Welt zu informieren, alle haben gepostet, was vor sich ging – aber niemand hat es aufgegriffen. Irgendwann hat die Regierung das Internet abgeschaltet. Die irakischen Fernsehsender brachten internationale Nachrichten und schwiegen gleichzeitig vollständig darüber, was auf ihren eigenen Straßen geschah, obwohl man draußen Schüsse und Krankenwagen hören konnte.
Maja: Wenn man heute auf Instagram oder Facebook nach Tishreen sucht, findet man fast nichts. Während der Proteste wurden täglich Tausende Beiträge und Videos hochgeladen. Was jetzt auftaucht, ist fast nur Regierungspropaganda. Aber BBC Arabic hat unseren Film gekauft und ihn in der gesamten arabischen Welt ausgestrahlt, auch im Irak.
Der Film ist visuell sehr schön und weicht oft von einem klassischen journalistischen Dokumentarfilm ab. Was hat diese ästhetischen Entscheidungen inspiriert?
Maja: Wenn man dem Irak gerecht werden will, einem Land, das seit vierzig Jahren im Krieg ist, aber auch einem Land, in dem Menschen 2019 ernsthaft versucht haben, etwas aufzubauen, dann muss man diesen Versuch widerspiegeln. Wir kennen aus dem Arabischen Frühling, vor allem aus Syrien, eine visuelle Sprache von wackligen Kameras, Dringlichkeit, Zerstörung. Aber schöne Bilder sind auch politisch. Was mich am meisten bewegte, war der Mut der Menschen, die mit so wenig für so viel kämpften. Die Wahl fiel darauf, einer oder zwei Personen so nah zu kommen, dass das Publikum beginnt, sich für ihr Leben zu interessieren. Und durch diese Anteilnahme zu spüren, was systematische Gewalt wirklich kostet.
»Schöne Bilder sind auch politisch.«
Maja Tschumi
Der Film enthält auch nachgestellte Szenen. Warum?
Maja: Es gab Momente, in denen ich merkte, dass mein Material einfach nicht einfing, was ich in meinen Gesprächen mit den Menschen erlebte. Ich habe von iranischen Filmemachern gelernt, dass Wahrheit manchmal bedeutet, Dinge sichtbar zu machen, die nicht direkt gefilmt werden können. Das zentrale Problem war, dass Milos wichtigste Antagonisten – ihre Familie – nicht vor der Kamera erscheinen konnten. Wir einigten uns darauf, dass das Teil der Filmstruktur sein könnte: Ihre Abwesenheit, die Leerstelle, würde die Macht der Familie sichtbar machen, ohne Milo zu gefährden. Also spielten Milo und ihr Freund in Arvin Szenen aus der Erinnerung nach.
Was hat dich, Milo, dazu bewogen, Maja zu vertrauen?
Milo: Wir waren die einzigen Frauen im Team. Am Anfang war ich unsicher, ob Maja bestimmte Realitäten des Lebens von Frauen im Irak wirklich verstand. Der Moment, in dem das Vertrauen vollständig wurde, war, als Maja sich für mich einsetzte, als die Männer mich aus dem Film haben wollten, weil sie glaubten, die Zusammenarbeit mit einer kurzhaarigen, starken Frau würde sie in Gefahr bringen.
Wie haben arabische und irakische Zuschauer*innen auf den Film reagiert?
Maja: Der Film mobilisierte die Erinnerungen von Menschen, die ähnliche Bewegungen erlebt hatten. Bei der Weltpremiere waren viele Menschen aus Ägypten anwesend, die alle sagten, sie hätten ähnliche Dynamiken in Ägypten erlebt. Eine Frau aus dem Libanon sagte dasselbe.
Milo: Bei Iraker*innen, die außerhalb des Irak leben, war die Reaktion sehr emotional. Sie spürten, dass der Film die Wahrheit über das Geschehene zeigt, ohne Propaganda. Von den Iraker*innen, die tatsächlich bei den Protesten dabei waren, fanden manche, der Film hätte mehr von der Gewalt auf dem Tahrir-Platz zeigen sollen. Als ich erklärte, dass der Film in erster Linie für ein westliches Publikum gemacht ist und dass ein Film, der voll ist mit Aufnahmen davon, wie Menschen vor laufender Kamera sterben, dort nicht gesehen werden würde, zeigten die meisten Verständnis.
Milo, wie ist deine Situation heute?
Milo: Ich habe den Irak verlassen. Seit etwas mehr als drei Jahren bin ich in Deutschland. Ich versuche, mich zu integrieren und als Aktivistin weiterzumachen, ohne mich in direkte Gefahr zu bringen. Ich kann immer noch keine öffentlichen Stellungnahmen abgeben oder unter meinem echten Namen öffentlich auftreten. Es gibt keinen wirklich sicheren Ort, nur eine sichere Community. Aber ich bin nicht mehr in unmittelbarer Gefahr, und ich bin frei.
Immortals – Bagdads Jugend erhebt ihre Stimme. Schweiz/Irak 2024, 94 Minuten. Regie: Maja Tschumi. Der Film läuft seit Ende Mai im Kino.