»Einheit! Einheit!«
1936 bildete sich in Frankreich die Volksfront-Regierung, um die faschistische Reaktion abzuwehren
Von Volkmar Wölk
Mythen sind Teil des kollektiven Gedächtnisses. Mythen sind langlebig. Mythen sind kein Abbild der Realität, sondern die Widerspiegelung einer imaginierten Realität. Mythen können über einen langen Zeitraum aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden und plötzlich wieder auftauchen, wenn sie gebraucht werden, wenn sie nützlich und nutzbar erscheinen.
Georges Sorel, der Theoretiker des revolutionären Syndikalismus, wusste um die Macht politischer Mythen. Für ihn stand fest, der Mythos sei ein mächtiges System von Bildern, das Menschen emotional zusammenschweißt und zu gemeinsamem, revolutionärem Handeln treibt. Er spreche nicht den Verstand an, sondern die Instinkte, die Fantasie und Emotionen der Massen. Sein »mobilisierender Mythos« musste als soziale Kraft die Fähigkeit zur Freisetzung kollektiver Energie besitzen.
In der politischen Linken hat der Begriff »Volksfront« über Ländergrenzen hinweg diese Kraft. »Volksfront« ist dabei nicht die ominöse Volksgemeinschaft, nicht das einheitliche Agieren eines Staatsvolkes, sondern das gemeinsame Handeln der Vertreter*innen der kleinen Leute, des »gemeinen Volkes«. Das Wort ist Ausdruck der alten linken Sehnsucht nach Überwindung der ideologischen, strategischen und organisatorischen Spaltungen der Parteien der Linken, nach dem gemeinsamen Handeln, das die notwendige Stärke erzeugt, »uns von dem Elend zu erlösen«.
Gleich drei solcher Volksfront-Erfahrungen gibt es in der Geschichte der Linken. Die letzte ist die »Unidar Popular« unter Salvador Allende in Chile, die am 11. September 1973 durch einen von den USA unterstützten Militärputsch blutig niedergeschlagen wurde. Die Hymne »¡El pueblo unido jamás será vencido!« (»Das vereinte Volk wird nie besiegt werden«) von Quilapayun blieb nur ein Lied. Mehr nicht. Das Volk war nicht vereint, der Militärputsch hatte durchaus seine Massenbasis in der Bevölkerung.
Die spanische Volksfront, der Frente Popular, entstand als Wahlbündnis im Februar 1936. Wie auch in der chilenischen Volkfront sammelten sich in ihr nicht nur die Kommunistische und die Sozialistische Partei, sondern auch andere linksorientierte Kräfte wie die antistalinistische POUM oder die katalanischen Links-Nationalisten. In diesem Fall endete der Versuch einer linken Einheitsfront mit der Niederlage in einem jahrelangen Bürgerkrieg. (Siehe Seite 33) Die Internationalen Brigaden, die mit Zehntausenden Freiwilligen der Volksfront zu Hilfe eilten, wurden zum Mythos im Mythos.
Nachwirkungen des Mythos
Im Unterschied zu diesen beiden Volksfronten endete die vor 90 Jahren entstandene Volksfront-Regierung in Frankreich nicht durch ein faschistisches Blutbad. Der Mythos wirkt trotzdem. Er wirkt so stark, dass auch das Wahlbündnis aus La France Insoumise (LFI), Sozialisten, Grünen und Kommunisten mit einem gemeinsamen Programm für die letzten Parlamentswahlen, das auf Initiative der LFI entstanden war, sich den Namen Nouveau Front Populaire (Neue Volksfront) gab. Der erwartete Wahlsieg des extrem rechten Rassemblement National wurde damit verhindert, die Volksfront stärkste Kraft im Parlament. Das Bündnis hielt nur kurz. Die Sozialisten sabotierten es. Heute, vor den Präsidentschaftswahlen 2027, fällt der Name Volksfront erneut. Dieses Mal in Zusammenhang mit der Suche nach einem linken Präsidentschaftskandidaten unter Ausschluss des LFI.
Doch natürlich nutzt auch das LFI den Mythos Volksfront. Beim Wahlkampfauftakt der Partei am 7. Juni in Saint-Denis, wo die französischen Könige zur Ruhe gebettet sind, erklärte der Schriftsteller und Historiker Éric Vuillard vor 26.000 Teilnehmenden: »Nach der Französischen Revolution, der Pariser Commune und der Volksfront, ist der Ort, an dem Geschichte geschrieben wird, heute hier.« 150 Jahre nach der Französischen Revolution, »am 6. Februar 1934, hetzten faschistische Schläger die verwirrten Teile der Bevölkerung auf. Doch das Volk stellte sich dem Gewaltstreich sofort in den Weg. Überall in Frankreich erhob sich das Volk in den Vierteln der einfachen Leute.« Die Botschaft ist klar. Und sie ist zentral für den Diskurs des LFI: Wir stehen in der Tradition der Französischen Revolution, wir sind die geistigen Erben der Volksfront, wir sind das Bollwerk gegen den erneut drohenden Faschismus.
Kampf um die Deutungshoheit
Was ist an jenem 6. Februar 1934, den Éric Vuillard beschwört, passiert? Die Antwort darauf unterscheidet sich bis heute je nach dem politischen Standort der Antwortenden. Der Kampf um die Deutungshoheit geht weiter. Noch 2024 erschien ein 750 Seiten starker Band des konservativen Historikers Olivier Dard, eines der besten Kenner der Zwischenkriegszeit und der damaligen extremen Rechten, mit keinem geringeren Anspruch, als die Geschichte des Februar 1934 »jenseits der Mythen« zu schreiben. Unbestritten ist, dass es ohne die Ereignisse vom 6. Februar 1934 wohl nicht zur Bildung der Volksfront in Frankreich gekommen wäre.
An jenem 6. Februar 1934 marschierten Zehntausende Demonstrierende durch Paris, mobilisiert durch Croix de Feu, Action française, diverse andere Organisationen der extremen Rechten sowie durch Veteranenverbände von Teilnehmern des Ersten Weltkrieges. Auslöser war ein gewaltiger Korruptionsskandal um Alexandre Stavisky, einen Finanzier und Betrüger ukrainisch-jüdischer Herkunft. Die Situation eskalierte im Laufe des Marsches zunehmend. Es kam zu schweren Straßenschlachten; die Menge versuchte, das Parlament zu stürmen. Am Ende des Tages wurden 15 Tote und über 2.000 Verletzte gezählt.
Die Spontaneität der Massen war es, die an diesem Tag die Blockadehaltung der Parteiführungen durchbrach.
Stavisky war kurz zuvor in der Schweiz erschossen aufgefunden worden. Die Polizei behandelte den Tod als Selbstmord. Die politische Rechte jedoch ging davon aus, dass er im Auftrag hochrangiger Politiker zum Schweigen gebracht worden sei, da er ein enges Beziehungsgeflecht zu den regierenden linksliberalen Radikalsozialisten hatte. Staviskys Herkunft führte zudem dazu, dass aus dem Skandal und seinem Tod eine der größten antisemitischen Schlammschlachten der Zwischenkriegszeit erwuchs. Aus ihm wurde die Personifizierung der »jüdischen Weltverschwörung« konstruiert.
Die Historikerin Ludivine Bantigny erläutert, dass die Ereignisse vom 6. Februar 1934, die von links als faschistischer Putschversuch gedeutet wurden, keineswegs wie selbstverständlich in einer antifaschistischen Einheitsfront mündeten: »Zunächst einmal lässt sich die Linke nicht auf politische Parteien reduzieren. Dazu gehören auch Gewerkschaften, Vereine, Solidaritätsgruppen der Arbeiter und der Bevölkerung sowie die Liga für Menschenrechte… Und dann vereint sich das linke Volk in einer sehr starken Selbstorganisation. Denn die Volksfront bildete sich zunächst an der Basis: Lokale Komitees und Kollektive forderten die Parteien zur Einheit auf. Denn die gewerkschaftlichen und politischen Organisationen standen einander sehr feindselig gegenüber.«
Auch in Frankreich, so Ludovine Bantigny, sei die Sozialfaschismusthese der Kommunisten ein wesentlicher Hemmschuh gewesen. »Seit 1928 verfolgte die Komintern die sogenannte ›Klasse-gegen-Klasse‹-Strategie. Kommunisten und Sozialisten verhielten sich wie verfeindete Brüder, wobei die Ersteren die Letzteren als ›Sozialverräter‹ und sogar als ›Sozialfaschisten‹ bezeichneten.« Die direkte Folge dieser Doktrin war die Aussage von Maurice Thorez, dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei, am selben Tag im Parlament: »Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen der bürgerlichen Demokratie und dem Faschismus. Es sind zwei Formen der Diktatur des Kapitals. Der Faschismus wird aus der bürgerlichen Demokratie geboren. Zwischen Cholera und Pest wählt man nicht.« Wozu ein Bündnis zur Rettung der Republik, wenn man die Demokratie ohnehin für wertlos hält?
Der Strategiewechsel des PCF von der Sozialfaschismusthese zur Volksfront war keineswegs ausschließlich der Erkenntnis geschuldet, dass der Faschismus eine reale, physische Bedrohung für die gesamte Arbeiterbewegung darstellte. Es war vielmehr wesentlich der Druck durch die Basis, der zu dieser Kehrtwende führte. Für den 12. Februar 1934 hatten die Gewerkschaften zu einem Generalstreik mit Massenaktionen gegen die drohende faschistische Gefahr aufgerufen. Zunächst die sozialistische CGT, später dann auch die kommunistische CGTU. Allein in Paris gingen riesige Massen – die Schätzungen reichen von mehr als 100.000 bis zu 400.000 Menschen – auf die Straße. Kommunisten und Sozialisten mit jeweils eigenen Demonstrationen. Als diese sich begegneten, vereinten sie sich spontan unter dem Ruf »Einheit! Einheit!«
Umfassende Sozialreformen
Die Spontaneität der Massen war es, die an diesem Tag die Blockadehaltung der Parteiführungen durchbrach. Der riesige Erfolg des Generalstreiks, der in ganz Frankreich das Arbeitsleben zum Stillstand brachte, erzwang die Zusammenarbeit, die im Sommer des Jahres zur Bildung des Front Populaire führte, der sich neben den linken Parteien auch die Gewerkschaften, antifaschistische Verbände und Organisationen wie die Liga für Menschenrechte anschlossen. Insgesamt entstand ein Netzwerk von rund 100 Gruppierungen. Im Oktober schlossen sich auch die Linksliberalen an. Der Historiker Jean Vigreux urteilt deshalb, der Front Populaire sei »ein einzigartiges politisches Projekt« gewesen, »denn er war gleichzeitig ein antifaschistischer Gegenschlag und eine beispiellose soziale und emanzipatorische Bewegung«.
Nach einem Wahlsieg der Linken kam es dann 1936 zur Bildung einer Volksfrontregierung unter dem sozialistischen Ministerpräsidenten Léon Blum. Da Blum Jude war, kam es umgehend zu einer intensiven antisemitischen Kampagne gegen ihn. Charles Maurras, der Führer der starken, extrem rechten Action française schrieb, Blum sei ein »Mann, den man in den Rücken schießen sollte«. Der klassische Antisemitismus verband sich mit der Angst der Bourgeoisie vor dem Sozialismus.
Am 4. Juni 1936 wurde die Volksfrontregierung gebildet. Eingeleitet und begleitet wurde sie durch eine riesige Welle von Massenstreiks und Fabrikbesetzungen. Beides führte zu den nachhaltigsten und tiefgreifendsten Sozialreformen in der französischen Geschichte: Erstmals gab es einen bezahlten Urlaub (für zwei Wochen), die 40-Stunden-Woche wurde eingeführt, flächendeckende Lohnerhöhungen von bis zu 15 Prozent wurden verordnet, Tarifverträge wurden ebenso gesetzlich verankert wie Betriebsräte, das Streikrecht wurde gestärkt, die Rüstungsindustrie verstaatlicht. Und obwohl Frauen in Frankreich damals noch nicht einmal das Wahlrecht besaßen, berief Léon Blum drei Frauen als Staatssekretärinnen in sein Kabinett. Es war eindeutig eine Zeit, in der das Wort »Reform« noch keinen bedrohlichen Klang für die Betroffenen hatte.
Mythen spielen in der Vergangenheit. Oft beschwören sie ein »goldenes« oder heroisches Geschehen. Manchmal stören dabei die Fakten. Die Volksfrontregierung scheiterte. Sie scheiterte auch an ihren eigenen Widersprüchen. Sie scheiterte vor allem am erbitterten Widerstand des Großkapitals, der Konservativen und der faschistischen Kräfte. Die Parole »Plutôt Hitler que Blum« (Lieber Hitler als Blum) wurde populär. Blum musste gehen, die Volksfrontregierung zerbrach 1938. Hitler kam tatsächlich. Durch Krieg.