analyse & kritik

Zeitung für linke Debatte & Praxis

0

|ak 719 | Lesen |Rezensionen: aufgeblättert

Drei Schwestern

Aufgeblättert: »Drei Schwestern« von Christian Baron

Von Kim Wöller

Du kannst mehr, hält die jüngere Schwester Juli ihrer älteren Schwester Mira immer wieder wie ein Mantra vor. Doch am Ende bleibt es dabei: Mira hält sich mit Putzjobs mehr schlecht als recht über Wasser, heiratet den von Juli gehassten Möbelpacker Ottes und erwartet ein Kind von ihm. Wer Christian Barons frühere Bücher gelesen hat, kennt Mira, Juli und Ella, die dritte der titelgebenden »Drei Schwestern«, bereits. Vor allem in dem autobiografischen »Ein Mann seiner Klasse« haben wir Mira – die eigentliche Protagonistin – als die jung an Krebs verstorbene Mutter des aus Kaiserslautern stammenden Autors kennengelernt. Jetzt schildert Baron das Leben seiner Mutter, die mit 16 eine Fehlgeburt erleidet, genug von Familie, Schule und Kaiserslautern hat, nach Kreuzberg ging und dort im alternativen Milieu Erfahrungen macht.

Doch ihre Schwestern und Ottes holen sie zurück in die Pfalz, wo mit der Partner- und Schwangerschaft das von Alkohol, Armut und Gewalt geprägte Familienleben beginnt, das in ein »Ein Mann seiner Klasse« ausführlich geschildert wird. Mira hat zwar das Potenzial, aus ihren Verhältnissen auszubrechen, doch die Umstände lassen ihr keine Chance. Ihre deutlich ältere Schwester Ella hingegen gelingt es, doch sie ist durch ihren Aufstieg nicht glücklich geworden. Die Scham, Umgangsformen und Konventionen des (Klein)bürgertums nicht von Beginn an verinnerlicht zu haben, setzt ihr zu. So sehr, dass sie sogar ihre Schwestern verleugnet. Mit »Drei Schwestern« ist Christian Baron ein weiteres sehr lesenswertes Buch gelungen.

Christian Baron: Drei Schwestern. Roman. Claasen, Berlin 2025. 350 Seiten, 24 EUR.