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|ak 658 | Geschichte

Der vergessene Aufstand

Die Märzrevolution von 1920 und die Rote Ruhrarmee

Von Klaus Ronneberger

Auch in Dortmund bewaffneten sich Arbeiter, um den rechten Putschisten entgegenzutreten. Foto: Wikimedia

Die Erinnerung an eine der bedeutsamsten militanten Aktionen der deutschen Arbeiterbewegung nach dem Ersten Weltkrieg ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Im Gegensatz zur Räterepublik in München (1919) findet dieser Aufstand publizistisch kaum mehr Beachtung, obwohl er für die weitere Entwicklung der Weimarer Republik von erheblicher Bedeutung ist.

Die Rote Ruhrarmee entsteht im Abwehrkampf gegen den sogenannten Kapp-Putsch, der die parlamentarische Republik beseitigen will. Nachdem der Versailler Vertrag am 10. Januar 1920 in Kraft getreten ist, versucht ein Teil der Reichswehr die Regierung zu stürzen, denn laut Vertrag muss die Heeres- und Marinestärke auf insgesamt 115.000 Mann reduziert werden. Zum damaligen Zeitpunkt umfasst die Reichswehr einschließlich der Freiwilligenverbände noch über 250.000 Mann. Im Zuge der vorgesehenen Heeresverminderung ordnet am 29. Februar 1920 der sozialdemokratische Reichswehrminister Gustav Noske die Auflösung der Marinebrigaden II und III an. Diese beiden kampfkräftigen Freikorps zählen zu den Kerntruppen der Verschwörung. Politischer Führer des Putsches ist der ostpreußische Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp, die militärische Leitung übernimmt der General Walter von Lüttwitz, rangältester Offizier der Reichswehr. Die Aufrührer wollen losschlagen, solange noch größere konterrevolutionäre Truppeneinheiten unter Waffen stehen. Am 13. März marschiert die Marinebrigade Ehrhardt nach Berlin und besetzt das Regierungsviertel. Angesichts der passiven Haltung der Reichswehrtruppen flieht die Regierung nach Stuttgart.

Zwölf Millionen im Streik

Doch die Arbeiterparteien und die Gewerkschaften rufen umgehend zum Generalstreik auf. Bereits am 15. März stehen mehr als zwölf Millionen Werktätige an der Streikfront, die weitgehend die industrielle Produktion sowie das Verkehrs- und Nachrichtenwesen lahmlegen. Die Federführung beim Generalstreik liegt nicht bei den Sozialdemokrat*innen, die damals mit anderen bürgerlichen Parteien die Regierung stellen, sondern beim Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB). Über das Ziel des Generalstreiks gibt es zwischen »Reformisten« und »Radikalen« erhebliche Differenzen: Während die SPD lediglich die verfassungsgemäße Regierung wieder ins Amt bringen will, strebt die linke USPD über den Streik hinaus die Bildung einer zukünftigen sozialistischen Regierung an. Nach kurzem Zögern unterstützt auch die KPD den Aufruf zur Aktionseinheit im Kampf gegen die drohende Militärdiktatur.

Unter dem Druck des Widerstands bricht der Kapp-Putsch am 17. März 1920 zusammen.

In verschiedenen Regionen der Republik bilden sich Einheitsfrontorgane, die in Form von Aktionsausschüssen, Vollzugsräten und Kampfeinheiten die putschenden Truppen zurückzudrängen versuchen. Zum Zentrum der bewaffneten Auseinandersetzungen entwickelt sich das Ruhrgebiet. Hier formiert sich eine schlagkräftige Armee aus milizartigen Arbeiterabteilungen, die auf ihrem Höhepunkt bis zu 80.000 Mann zählt. Die Rote Ruhrarmee stellt den militärischen Arm einer weit über den Anhang der KPD hinausreichende proletarischen Massenbewegung dar. Unter den Kämpfern befinden sich auch im Revier lebende polnische Bergarbeiter und ehemalige russische Kriegsgefangene.

Der militärische Hauptstoß der Arbeitereinheiten zielt vor allem in Richtung Westen des Reviers (Duisburg, Düsseldorf, Essen, Mühlheim). Besonders in Essen finden heftige militärische Auseinandersetzungen statt. Dort gelingt es der Roten Ruhrarmee schließlich, die Kapitulation der reaktionären Kräfte zu erzwingen. Daraufhin ziehen sich Reichswehrtruppen und Freikorpseinheiten aus Düsseldorf und Mühlheim zurück, um nicht abgeschnitten zu werden. Nach einer Woche, teilweise von blutigen Straßenkämpfen begleitet, ist fast die gesamte Region unter der Kontrolle der Roten Ruhrarmee.

Organisatorisch sind die Arbeitermilizen in Kompanien und Bataillone gegliedert, deren Führer aus den eigenen Reihen gewählt werden. Bis zur Einstellung der Kämpfe bleibt die Rote Ruhrarmee ohne ein zentrales militärisches Führungsorgan. Dem Zentralrat in Essen gelingt es nicht, seine Autorität im ganzen Ruhrgebiet durchsetzen, denn die »gemäßigte« Hagener Zentrale agiert ebenso eigenständig wie der von Anarchosyndikalisten beherrschte Mülheimer Vollzugsrat. Generell sind die östlichen und südlichen Teile des Reviers, wo wirtschaftlich die metallverarbeitende Industrie und politisch die USPD dominiert, weniger radikal als die Bergbaugebiete des »wilden Westens«.

Die Mehrheit der Arbeiter­for­ma­tio­nen ist nach lokalen Gesichtspunkten aufgebaut. Jeder Ort stellt seine eigenen Einheiten, die von dem betreffenden Aktions- oder Vollzugsausschuss Verpflegung und Bezahlung erhalten. Teils werden Unternehmer dazu gezwungen, die Löhne für kämpfende Arbeiter weiter zu bezahlen, teils bewilligen die Stadtverwaltungen finanzielle Mittel. Die waffentechnische Versorgung der Roten Ruhrarmee erfolgt weitgehend aus den eroberten Depots der Reichswehr, der Sicherheitspolizei und von den bürgerlich-nationalistischen Einwohnerwehren. Häufig werden Kraftfahrzeuge, Vieh und Lebensmittel bei privaten Eigentümern in Stadt und Land requiriert. Jenseits der Besetzung von Rathäusern und Gefängnissen sowie der Einführung einer Art von Pressezensur finden in den wenigen Wochen des Ruhrkampfes keine größeren strukturellen Eingriffe in das gesellschaftliche Leben statt.

Weißer Terror

Unter dem Druck des militanten Widerstands bricht der Kapp-Putsch am 17. März 1920 zusammen. Die SPD ruft daraufhin zum Abbruch des Generalstreiks auf, findet jedoch zunächst wenig Widerhall. Die Gewerkschaften verlangen nach Garantien gegen die Wiederholung eines Militärputsches. Nachdem die Regierungsparteien die Erfüllung einiger Forderungen garantiert haben (Entwaffnung und Bestrafung aller Putschtruppen sowie Bildung von Ortswehren aus den Reihen der organisierten Arbeiterschaft), stimmen auch die Führungen der USPD und der Gewerkschaften für die Beendigung der Widerstandsaktionen. Am 24. März wird dann das Bielefelder Abkommen ausgehandelt, das nach Niederlegung der Waffen eine weitgehende Amnestie für die Ruhr-Kämpfer vorsieht. Im Vertrauen auf diesen Deal beginnt ein wachsender Teil der Arbeitermilizen sich aufzulösen.

Doch bereits ab dem 22. März rücken Reichswehreinheiten und Freikorps in die äußeren Regionen des Reviers vor. Sie ignorieren das Bielefelder Abkommen und marschieren wenig später in den Kernraum des Ruhrgebiets ein. Angesichts der fehlenden Unterstützung von außen und der Auflösungserscheinungen innerhalb der eigenen Reihen, bietet am 29. März der Essener Zentralrat einen Waffenstillstand an, der eine Auflösung der Arbeitermilizen bis zum 2. April vorsieht. Ungeachtet dieses Angebots gehen die vorrückenden Regierungstruppen, die kaum noch auf Widerstand stoßen, mit äußerster Brutalität vor. Nach verschiedenen Schätzungen fallen bis zu 2.000 Menschen, darunter auch Frauen und Jugendliche, dem »weißen Terror« zum Opfer. Während viele Kämpfer der Roten Ruhrarmee zu jahrelangen Haftstrafen verurteilt werden, gehen die Putschisten weitgehend straffrei aus.

Der Zusammenbruch des Ruhraufstands hat ähnliche langfristige Folgen wie 1871 die Niederschlagung der Pariser Commune. In den folgenden Jahren kommt es zwar noch zu mehren Erhebungen der radikalen Linken, aber die geballte Kraft von großen revolutionären Massenaktionen ist in Deutschland endgültig gebrochen.

Klaus Ronneberger

ist freier Publizist aus Frankfurt mit dem Arbeitsschwerpunkt urbane Phänome.