Der Teufel lebt in Katalonien
50 Jahre nach Francos Tod ist das Interesse an katalanischer Literatur erneut groß – drei Autorinnen, die in der einst verbotenen Sprache schreiben, wurden nun ins Deutsche übersetzt
Von Isabella Caldart
Kaum eine andere Sprache in Europa ist so ein Politikum wie das Katalanische. Ob in öffentlichen Diskussionen oder an Universitäten Spanisch oder Katalanisch verwendet wird oder welchen Rechtsstatus die Sprache überhaupt innehat, all dies wird in Spanien mitunter kontrovers diskutiert. Die politische Dimension der Entscheidung für die eine oder andere Sprache hängt dabei auch von der Zeit ab, in der sie getroffen wird. Momentan ist die katalanische Unabhängigkeitsbewegung schwach, nachdem sie rund um das Unabhängigkeitsreferendum am 1. Oktober 2017, das seitens Kataloniens illegal ausgeführt wurde und das der spanische Staat mit Gewalt zu verhindern versuchte, einen neuen Höhepunkt erreicht hatte. 2018 sollen am katalanischen Nationalfeiertag rund eine Million Demonstrierende für die Unabhängigkeit auf die Straße gegangen sein. Die Pandemie sowie der überraschende ökonomische Aufschwung Spaniens nahmen der Bewegung dann allerdings den Wind aus den Segeln. Vorerst.
Trotzdem bleibt bei bilingualen Menschen die Frage, welche Sprache sie verwenden, relevant, gerade in der Literatur. Man kann das Katalanische nicht von seiner politischen Geschichte und jahrhundertealten literarischen Tradition trennen; auch 50 Jahre nach dem Tod Francisco Francos am 20. November 1975 und dem daran anschließendem Ende der Diktatur, während der Katalanisch verboten war, spielt es eine Rolle, ob sich Autor*innen für Spanisch oder Katalanisch entscheiden.
Interesse in Wellen
Derzeit gibt es international einen kleinen Boom an Übersetzungen aus dem Katalanischen, ausgelöst durch die Autorinnen Irene Solà und Eva Baltasar. In Deutschland selbst kommt das Interesse an Literatur aus Katalonien in Wellen. Einen großen Aufschwung erfuhr es, als die Region 2007 als erstes nicht eigenständiges Land der Welt Ehrengast der Frankfurter Buchmesse war. Aktuell gibt es erneut einen kleinen Hype um katalanische Literatur. So wurden kürzlich die Klassiker von Montserrat Roig (1946-1991) neu oder erstmals im Kunstmann Verlag übersetzt, der Wallstein Verlag hat mit Pol Guasch (*1997) eine spannende Entdeckung gemacht. Diesen Herbst erscheinen gleich drei Übersetzungen von katalanischen Autorinnen: Eva Baltasar, Irene Solà und Anna Ballbona.
Ballbona führt in »Ich bin nicht da« (2020 im Original veröffentlicht) in die Peripherie. Ihre Protagonistin Mila wächst in den 1980er Jahren in einem Vorort von Barcelona zwischen Friedhof, Industriegebiet und Autobahn auf. Die Entfernung zur Großstadt äußert sich nicht nur räumlich, sondern auch in der archaisch anmutenden Lebensweise: Vor allem ihr Vater verhält sich wie aus der Zeit gefallen, stellt sich jeglichem zivilisatorischen und technologischen Fortschritt vehement entgegen, in der Familie scheint die Uhr in einer unbestimmten Vor-Franco-Zeit stehengeblieben zu sein. Kein Wunder, dass das Mädchen mit der bäuerlichen Familie und ihren Wurzeln hadert: Sie ist überzeugt davon, adoptiert zu sein, und diese Ungewissheit verursacht eine Art existentieller Fremdheit in ihr.
Baltasar und Solà beweisen frische Radikalität, sind drastisch, körperlich, teils abstoßend, und verleihen dadurch ihrem feministischen Ton eine entsprechende Vehemenz.
Während es Mila als Erwachsene nach Barcelona verschlägt (wenn auch in ein Randviertel), geht die Protagonistin in »Mammut« (2022) von Eva Baltasar den entgegengesetzten Weg. Die Autorin erzählt darin von einer Frau, die beschließt, schwanger zu werden, und die, getarnt als Party zu ihrem 24. Geburtstag, eine »Zeugungsfeier« organisiert. Ihre lesbische Erzählerin hat eher geringe Ambitionen, Mutter zu sein – der Wunsch nach Schwangerschaft ist ein sehr körperlicher, sie möchte das Gefühl haben, Leben in sich zu erschaffen. Als das schiefläuft und sie sich auch mit der konventionellen Arbeitswelt immer weniger identifiziert, trifft sie eine radikale Entscheidung: Sie verlässt Barcelona und zieht in eine einsame Berghütte, um dort in fast vollständiger Isolation zu leben.
In den Bergen muss die Städterin alles neu lernen: Holz hacken, Brot backen, ohne Bad zurechtkommen. In der Abgeschiedenheit findet sie neue Kraft. »Einsamkeit macht nicht intelligent, aber findig, sie bringt dich dazu, dich für das Leben zu entscheiden«, erkennt sie. »Mammut« ist ein unmittelbarer, teils brutaler Roman über eine Frau, deren Lebenshunger sich auf sehr physische Weise äußert. Er gehört zu einer lose zusammenhängenden Trilogie Baltasars über Mutterschaft, queere Beziehungen und gesellschaftliche Erwartungen an Frauen, mit der sie international große Erfolge feiert. Das zweite Buch dieser Reihe war für den International Booker nominiert, und alle drei wurden ins Englische übertragen.
Auch Irene Solà ist eine international mehrfach prämierte Autorin. Ihr Roman »Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis« (2023) ist der ungewöhnlichste der hier besprochenen. Er wirkt wie eine schriftliche Version des Chaos von einem Hieronymus-Bosch-Gemälde. Den Rahmen bildet ein Tag, an dem mehrere Jahrhunderte zurückreichende Frauengenerationen zeitgleich auftreten. Alle sind gebrandmarkt von der Matriarchin Joana, die einst versucht hatte, dem Teufel ein Schnippchen zu schlagen; die Konsequenzen dieser Entscheidung bekommen ihre Nachfahrinnen zu spüren.
Leben und Zeit sind scheinbar aufgehoben. Ob die Frauen nun tot sind oder nicht, ob vor der Tür das ausklingende Mittelalter, teuflische Abgründe oder der Spanische Bürgerkrieg lauern, wird eher nur angedeutet. Solàs Roman ist derbe; es wird zwischen und mit dämonischen Erscheinungen kopuliert, gefurzt und gestorben, gleichzeitig aber auch gemeinsam gekocht. Die Autorin beruft sich dabei auf zahlreiche katalanische Mythen und Sagen, die sie geschickt einflechtet und teilweise feministisch framt.
Während Ballbona etwas brav bleibt, der Blick ihrer Protagonistin ruhig und nach innen gerichtet, beweisen Baltasar und Solà eine frische Radikalität, sind drastisch, körperlich, teils abstoßend, und verleihen dadurch ihrem feministischen Ton eine entsprechende Vehemenz. Gerade weil diese beiden Autorinnen etwas wagen, haben sie zum aktuellen Aufschwung katalanischer Literatur beigetragen.
Nur vermeintlich unpolitisch
Die drei Romane haben einige Gemeinsamkeiten. Auffällig ist etwa die Abwesenheit von technologischen Errungenschaften. Auch das Setting der Romane ist ähnlich; überhaupt lässt sich in der katalanischen Literatur seit einigen Jahren eine starke Tendenz zur Natur ausmachen. Bei Ballbona ist es zwar ein Vorort, kein einsamer Landstrich, trotzdem lebt Milas Familie abgeschieden von der restlichen Gemeinschaft. Solà wählte schon für ihren Vorgänger »Singe ich, tanzen die Berge« (2019) die Pyrenäen als Handlungsort, in »Finsternis« ist die Handlung fast ausschließlich auf ein abgeschottetes Anwesen beschränkt. Fast zwangsläufig — bedingt durch die Einsamkeit und die Natur — gibt es auch einen gewissen Hang zum Mystizismus. Wo es bei Ballbona bei Andeutungen bleibt, etwa wenn der Heiler, den die Eltern statt eines Arztes aufsuchen, Mila eine »Gabe« attestiert, tanzen bei Solà die Dämonen durch das Haus.
Bemerkenswert ist, dass alle drei Romane nicht dezidiert politisch sind, vielmehr fast gänzlich einen Bezug auf aktuelle oder historische Vorfälle oder Parteien vermeiden. Bei Solà immerhin wird Franco namentlich kurz erwähnt und Verräter antifaschistischer Gruppen, die »davonlaufen wie Feiglinge und ihre Pflichten im Krieg gegen den Faschismus vergessen«, gesucht. 50 Jahre danach scheint die Diktatur in den jüngeren Generationen (Baltasar und Ballbona sind wenige Jahre nach Francos Tod geboren, Solà 1990) nicht mehr relevant, zu groß der Abstand. Blickt man in die aktuelle katalanische Literatur, wirken auch die holprigen 1980er Jahre, die Zeit des Übergangs in die Demokratie (Transición genannt), wie ein Teil einer weit zurückliegenden Vergangenheit.
Ebenfalls mit keinem Wort thematisiert wird die katalanische Unabhängigkeitsbewegung. Das Interessante ist, dass die Romane trotz der Abwesenheit offensichtlicher politischer Geschehnisse noch lange nicht unpolitisch wirken. In ihrer Darstellung von entschieden unabhängigen Frauen, weiblich konnotierten Themen und der Verweigerung vor allem bei Baltasar und Solà, sich konventioneller Inhalte zu bedienen, wählen sie eine feministische Erzählweise. Sich bezüglich bestimmter Themen nicht explizit zu positionieren (höchstens implizit, indem wie bei Solà katalanische Folklore eine große Rolle spielt), macht ihre Literatur nicht unpolitisch, sondern vielmehr: verbindend und zeitlos.
Anna Ballbona: Ich bin nicht da, übersetzt von Kirsten Brandt. Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 2025. 272 Seiten, 25 EUR.
Eva Baltasar: Mammut, übersetzt von Petra Zickmann. Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2025. 112 Seiten, 20 EUR.
Irene Solà: Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis, übersetzt von Petra Zickmann. S. Fischer Verlag, Berlin 2025. 256 Seiten, 24 EUR.