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|ak 616 | Geschichte

Das falsche Tuch

Über ein – meist gemustertes – Kleidungsstück und sein Fortleben als politisches Symbol

Von Yossi Bartal

Mit ihren einfachen Mustern in Rot-Weiß oder Schwarz-Weiß steht heutzutage die Kufiya, auch als Palituch bekannt, für den Kampf der Palästinenser_innen. Zugleich ist das Tuch, in vielfältigen Abwandlungen und inzwischen massenhaft in China gefertigt, ein – immer wieder tot geglaubtes – modisches Accessoire. In Deutschland wurde und wird an einem Narrativ des Tuchs gewebt, das darauf abzielt, es politisch zu diskreditieren. Tatsächlich jedoch ist die Geschichte der Kufiya eine über die Ironie bei ihrer Entstehung und eine über das Fortleben eines nationalen Symbols.

Der Aufruhr unter Historiker_innen und Politiker_innen auf der ganzen Welt war groß, als der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu vor einigen Monaten den Mufti von Jerusalem zum eigentlichen Verantwortlichen für den Holocaust erklärte. Laut Netanjahu war es der Mufti Amin El-Housseini, der Hitler bei deren einzigem Treffen im Jahr 1941 dazu überredet hat, die Juden zu vernichten. Dass Netanjahu, Sohn eines Historikers, vor einer solchen plumpen Verfälschung der Geschichte nicht zurückschreckt und nebenbei Deutschland teilweise von seiner historischen Schuld freispricht, führte nicht nur zu scharfen Reaktionen von Holocaust-Überlebenden, sondern löste auch eine Welle von Witzen in den sozialen Netzwerken in Israel-Palästina aus. Selbst die Bundesregierung sah sich gezwungen, eine Erklärung abzugeben, in der sie erneut die deutsche Verantwortung für den Genozid an den Jüdinnen und Juden als unumstrittene Tatsache bezeichnete.

Ein Zeichen gegen die westliche Moderne?

Dem Geschichtsrevisionismus Netanjahus nicht ganz unähnlich wird auch in Deutschland seit etwa 15 Jahren eine grob verfälschende Erzählung über besagten Mufti verbreitet. In unzähligen Flugblättern von pro-israelischen Organisationen, aber auch auf Wikipedia, bei Spiegel Online oder bei dem staatlich finanzierten Projekt Netz gegen Nazis wird behauptet, der Mufti habe in Zeiten der großen arabischen Rebellion in Palästina das Tragen der Kufiya als antisemitisches Symbol angeordnet. Wer sich weigerte, das Tuch anzulegen, und weiterhin westliche Hüte getragen habe, sei ermordet oder zumindest gefoltert worden.

Seitdem sei die Kufiya als ein islamistisches Zeichen gegen die westliche Moderne, einschließlich deren Vorposten Israel, und sogar als homophob und sexistisch zu interpretieren. Damit ist die Schlussfolgerung klar: Palituch tragen ist was für Nazis. Und manche von ihnen sehen das heute tatsächlich auch so und beginnen sich die Kufiya anzueignen. Doch ansonsten steckt wenig Wahrheit in dieser Geschichte.

Der Ursprung der Kufiya, gelegentlich auch Hatta genannt, liegt im Nebel. Etymologisch lässt sich das Wort auf die Stadt Kufa zurückführen, die in Zeiten der Abbasiden ein wichtiges Textilzentrum war. Unklar ist die Entstehung der verschiedenen Muster und der unterschiedlichen Weisen, wie das Tuch getragen wird, sowie deren geographische Verbreitung. Die ersten Fotografien aus Palästina und Syrien zeigen daher eine Vielzahl von Tüchern mit unterschiedlichen Mustern und Kleidungsarten. Der Versuch des Osmanischen Reichs im 19. Jahrhundert, das Tragen des Fez – einer Kopfbedeckung aus rotem Filz – in den arabischen Gebieten zu popularisieren, hatte vor allem in städtischen Milieus Erfolg und machte die Kufiya zu einem Merkmal der männlichen Dorfbewohner.

Der amerikanische Historiker und Anthropologe Ted Swedenburg hat wie kein anderer die Geschichte des Tuchs untersucht. Er argumentiert, dass sich die Wandlung der Kufiya zum Nationalsymbol bis in die Zeit des von Großbritannien unterstützten arabischen Aufstands gegen das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg zurückverfolgen lässt, als der frühe arabische Nationalismus versuchte, sich von der osmanischen Kultur und den entsprechenden Kleidungsvorschriften abzugrenzen.

Eine weitere Welle der Politisierung des Tuchs erfolgte kurz danach während des palästinensischen Aufstands Ende der 1930er Jahre, als sich große Teile der arabischen Bewohner_innen des Landes gegen die Kolonialmacht Großbritannien und die von ihr unterstützten jüdischen Ansiedlungsvorhaben zur Wehr setzten. Da die meisten Rebell_innen den armen Dörfern entstammten und auf dem Land agierten, trugen sie selbstverständlich auch die Kufiya. Damals war die verbreitete Version jedoch nicht die heute bekannte schwarz-weiße, sondern das weiß,e musterlose Tuch, das mit dem Iqal, einem schwarzen Kordelring, auf dem Kopf gehalten wurde. Als Zeichnen der Solidarität mit den Rebell_innen und der ländlichen Bevölkerung rief das Aufstandskomitee im Sommer 1938 zum Tragen der Kufiya auf, ein Schritt, dem die städtische Bevölkerung, die bis dahin das türkische Fez bevorzugt hatte, begeistert folgte.

Ob dieser neue Kleidungsstil auch mit Gewalt durchgesetzt wurde, ist eher zu bezweifeln. Zwar gibt es einen Bericht in der britischen Zeitung The Guardian über einen Mann in Haifa, der angeblich wegen des Nicht-Tragens des Tuchs ermordet wurde. Ob das allerdings tatsächlich das Motiv der Täter war, ist unbekannt. Eine Kampagne, bei der Gewalt angewendet worden wäre, um das Tragen des Tuchs zu erzwingen, hat jedenfalls nicht stattgefunden – auch wenn dieses in einigen deutschen Publikationen suggeriert wird.

Ob das Tragen des Tuchs als antizionistisches Symbol verstanden wurde, lässt sich anhand der Beliebtheit der Kufiya unter den jungen zionistischen Kämpfer_innen ermessen. Selbst während des Palästinakriegs im Jahr 1948 trugen nicht wenige israelische Kämpfer_innen das Tuch als Teil ihrer Uniform. Die Motivation, sich das Tuch kulturell anzueignen, entsprang einer Mischung aus orientalistischer Sehnsucht nach dem exotischen Fremden und einer Fantasie, dass das Tuch schon in biblischer Zeit getragen wurde. Daher würde es als Kleidungsstück für die neuen männlichen Hebräer, die zu ihrem Land zurückkehrten, perfekt passen. Die Popularität des Tuches unter Israelis bis in die späteren 1960er Jahre wäre unvorstellbar, wenn es damals als explizit antizionistisches Symbol gedeutet worden wäre.

Ende der 1940er Jahre wurde die Kufiya auch zum Teil der offiziellen Uniformen der jordanischen Armee, die vom britischen Stabsgeneral John Glut geführt wurde. Vollkommen willkürlich entschied der General, den Soldaten aus Ostjordanien das rot-weiße Tuch zu befehlen, während er denen aus Westjordanien die schwarz-weiße Variante verordnete. Es ist wahrscheinlich diese beliebige Entscheidung eines britischen Generals, die dazu geführt hat, dass die schwarz-weiße Kufiya zu einem palästinensischen Merkmal wurde. Nach der Besetzung des Westjordanlands 1967 und der Gründung mehrerer linksgerichteter Widerstandsgruppen wurde das Tuch zu einer symbolischen wie auch praktischen Bekleidung der Guerillakämpfer_innen. Sie trugen die Kufiya um den Hals und auch zur Vermummung.

Die berühmte Flugzeugentführerin Leila Khaled, die die Kufiya zum Kopftuch umfunktionierte, durchbrach damit Ende der 1960er Jahre dessen Geschlechtszuweisung und popularisierte es als kämpferisches feministisches Zeichnen. Als Jassir Arafat vor der Generalversammlung der UNO 1974 zum ersten Mal als Repräsentant der Palästinenser_innen mit dem schwarz-weißen Tuch auf dem Kopf eine Rede hielt, wurde endgültig die schwarz-weiße Kufiya zum palästinensischen Nationalsymbol.

Das leicht provokante Accessoire

Von nun an ging das Tuch auf internationale Tournee: In Westeuropa und in den USA begannen linke Student_innen es zum Che-Guevara-T-Shirt zu tragen. Bald darauf wurde die Kufiya zu einer hippen urbanen Modeerscheinung mit politischem Touch und Oriental Chic. Sie wurde von Anfang der 1980er bis heute immer wieder für out erklärt, nur um einige Jahre später wieder als ein leicht provokantes Accessoire sein Comeback feiern zu können. In den kurdischen Gebieten der Türkei gelang es der Kufiya, die dort als Puschi bekannt ist, in Anlehnung an ihre palästinensische Beliebtheit zu einem Ausdruck von Widerstand und Trotz gegen den staatlichen Apparat zu werden.

Gleichzeitig wurde das Tuch auch in vielen arabischen Ländern zum oppositionellen Symbol, während im postrevolutionären Iran die Kufiya von den regierungstreuen Bissij-Milizien als Zeichnen ihrer antizionistischen Positionierung übernommen wurde. Selbst in Indien oder Japan taucht das Tuch bis heute samt seiner multiplen Versionen immer wieder in alternativen Cafés oder auf linken Demonstrationen auf.

Ungeachtet seiner widersprüchlichen globalen Aneignung gewann das Tuch in den palästinensischen Gebieten während der Ersten Intifada ab 1987 weitere Bedeutung. Die totale Zensur jeglicher palästinensischer Ausdrucksformen durch die israelische Besatzungsmacht – selbst Gemälde, die die palästinensischen Nationalfarben zeigten, wurden verboten – führte zu einer zunehmenden Wiederbelebung folkloristischer Traditionen, wie des Debka-Tanzes und des traditionell bestickten Kleides. Damit wurde auch das Tragen des Tuches zu einer gerne ergriffenen Möglichkeit, die Unzufriedenheit mit der Besatzung kundzutun. Der rasante Politisierungsprozess in den ersten Monaten der Intifada und die damit einhergehende Identifizierung entweder mit den linksgerichteten Parteien PFLP (Volksfront) oder DFLP (Demokratische Front) oder mit der nationalliberalen Fatah-Partei führte zu einer farblichen Trennung: Die rot-weiße Kufiya wurde alsbald zum Erkennungsmerkmal für die Linken, die schwarz-weiße Version hingegen für die Fatah-Anhänger_innen.

Was tragen coole Kids?

Als Anfang der 2000er Jahre in Deutschland die ersten Publikationen auftauchten, in denen jene erfundene Geschichte über das Palituch und den Mufti ausgebreitet wurde, war die Kufiya schon längst als gesamtgesellschaftliches und unreligiöses Symbol der palästinensischen Identität etabliert. Egal ob in Gaza, im Westjordanland, innerhalb Israels oder in den Flüchtlingslagern der angrenzenden Länder – das Tuch wurde von Christ_innen und Muslim_innen, von Frauen und Männern getragen als Ausdruck der Verbundenheit mit dem Land und des Aufbegehrens gegen die Besatzer.

In Deutschland hingegen wurde die Kufiya zum roten Tuch für die neue antideutsche Linke, die eine besondere Art der Geschichtsaufarbeitung betrieb: Zur ideologischen Aufmöbelung ihrer bedingungslosen Solidarität mit dem Staat Israel war ihnen daran gelegen, die Palästinenser_innen als Nachfolger_innen des Nationalsozialismus zu diffamieren und damit die deutsche Schuld wieder zu projizieren. Dabei schien ihnen die Figur des Mufti – entsprechend zugerichtet – für die Dämonisierung der palästinensischen Nationalbewegung gelegen zu kommen. Damit knüpften sie an eine seit Jahrzehnten gängige Praxis der israelischen Rechten an. Zugleich war dieser Diskurs geeignet, die enge Zusammenarbeit zwischen führenden Zionist_innen und Nazideutschland vergessen zu machen.

Die (anti)deutsche Kampagne gegen das Palituch mit Parolen wie »Ist dir kalt oder hast du was gegen Juden« oder »Coole Kids tragen kein Palituch« richtete sich interessanterweise nicht so sehr an die Menschen, die das Tuch als Symbol der Solidarität mit den Palästinenser_innen trugen, sondern eher an unbedarfte Jugendliche, die über die politische Bedeutung ihres Tuches aufgeklärt werden sollten. In diesem Sinn bekämpften sie den entpolitisierten Verkauf der Kufiyas durch H&M, bei amerikanischen Hipsters oder israelischen Top-Designer_innen und beharrten auf seiner inhärenten politischen Botschaft gegen solche unsensiblen Formen der kulturellen Aneignung. So wird bis heute spanischen Tourist_innen oder deutschen Dorfkids der Eintritt zu selbsterklärten linken Bars und Clubs in Berlin, Leipzig oder Hamburg verwehrt, falls sie mit dem »Selbstmörderschal« erscheinen. So dumm und verlogen diese Türpolitik auch ist – sie rettet die Kufiya und ihre Bedeutung als Zeichen des Widerstands gegen Besatzung und Ausbeutung.

Yossi Bartal

geboren und aufgewachsen in Jerusalem, genießt seit zehn Jahren das Leben in Berlin und beobachtet, manchmal mit Humor und oft mit Erstaunen, die aberwitzigen Debatten der deutschen Linken über sein Heimatland.