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Bücher in Gefahr

Mehr Porto, eine Pleite und nicht mehr sichtbare Titel: Verlage und Buchhandlungen haben es schwer

Von Jörg Sundermeier

In vielen Gegenden gibt es das nicht mehr: Eine gut sortierte Buchhandlung Foto: Wikimedia

Um diesen Artikel zu schreiben, schaute ich zunächst, was ich in älteren Texten zum Thema geschrieben habe – und sah, dass ich bereits seit Jahren in diversen Artikeln den Zustand der Buchbranche beschreibe und oft auch beklage. Das nervt, ja, mich auch. Doch das Problem bleibt: Egal wie groß die Verlage sind, egal wie ausbeuterisch – man wird von allen, wenn nicht öffentlich, so doch hinter vorgehaltener Hand viele Klagen hören. Denn der Raum für das Produzieren von (komplexen) Texten ist zusehends eingeschränkt worden. Das soll hier erst geschildert werden, dann werden die Konsequenzen aufgezeigt.

Also: Die Buchbranche war im deutschsprachigen Raum schon vor Jahren angeschlagen, damals hatten Buchhandlungsriesen zunächst viele unabhängige Buchhandlungen verdrängt und waren plötzlich selbst ins Trudeln geraten. Daraufhin wurden Filialen geschlossen. Die verdrängten Buchläden wurden selbstverständlich nicht wieder eröffnet. Daher gibt es heute in vielen Gegenden keine Buchhandlungen mehr. Dergleichen trifft auch andere Branchen, das Bild von der Verödung der Innenstädte und Dörfer ist ja bekannt. Ebenso wurden Bibliotheken geschlossen. Der öffentliche Raum, in dem das Lesen ermöglicht wird, verkleinerte sich – das Lesen selbst findet ohnehin oft im Privaten statt.

Außerdem bedrohen Amazon und andere Buchversender das ganze Handelssystem, auch, da sie sich nicht nur über Traditionen im Buchhandel hinwegsetzen (das muss ja nicht immer falsch sein), sondern auch über bestehende Gesetze. Wie aber kann fairer Handel betrieben werden, wenn ein paar Giganten gesetzliche Beschränkungen umgehen oder missachten und zudem ihre Mitarbeiter*innen ausbeuten, kaum Steuern zahlen und anschließend dafür belohnt werden, indem man ihnen großzügige Investitionshilfen gewährt?

Damit hört es nicht auf: Die Umsätze gehen im Buchmarkt zurück, auch schwindet – sofern man Statistiken glauben mag – der Anteil derjenigen, die mindestens ein Buch pro Jahr kaufen. Das war bereits vor fünf Jahren die Ausgangslage (die sich verschärft hat).

2019 kam es dicke für den Buchhandel

Im vergangenen Jahr kam es besonders dicke: Das Porto für »Büchersendungen« wurde um bis zu 60 Prozent heraufgesetzt – und das, obschon die Post zum Teil noch ein staatliches Unternehmen ist. Laut tageszeitung (taz) zahlt Amazon bei DHL für die Verschickung eines Päckchens so viel wie andere für den Versand eines schmalen Buches.

Die Bibliodiversität versucht, Minderheiten und unbekannte Denkweisen sichtbar zu machen.

Schlimmer noch war, dass die Zwischenhändler – diejenigen, die die meisten Buchhandlungen über Nacht beliefern und bei manchen Verlagen bis zu 90 Prozent des Umsatzes ausmachen – ihre Sortimentstiefe stark eingeschränkt haben. Der Anbieter Koch, Neff und Volckmar (KNV) ist Anfang letzten Jahres in Konkurs gegangen, aus dem er zwar von der Logistikfirma Zeitfracht gerettet wurde, doch das Angebot ist nun eingeschränkter. Der Bankrott hat außerdem vielen Verlagen wirtschaftlich sehr geschadet, manch ein unabhängiger Verlag musste auf bis zu 65.000 Euro verzichten. Der konkurrierende Anbieter Libri hat seinen Titelbestand um 250.000 Titel gekürzt.

Diese Bücher tauchen bei vielen Onlineanbietern nicht mehr auf, und in allen Verlagen klingeln nun die Telefone, da verunsicherte Buchhändlerinnen und Buchhändler fragen, ob denn dieses oder jenes Buch noch lieferbar sei – oder überhaupt je erschienen ist. Zwar sind alle im deutschsprachigen Raum lieferbaren Titel im – Tusch! – »Verzeichnis lieferbarer Bücher« verzeichnet, doch viele Buchhandlungen arbeiten nicht mehr mit diesem, manchmal aus Kostengründen (weil sie es sich nicht leisten können), zuweilen aus Geiz (weil sie es sich nicht leisten wollen, das ist in manchen Buchhausketten der Fall, doch auch in gut funktionierenden kleinen Buchhandlungen), oft sogar nur aus Unkenntnis.

Nun kann man lachen und sagen: So what? Wen interessiert’s, wenn ein Band Lyrik aus Georgien im Buchladen fehlt? Was stört’s mich, wenn juristische Grundlagentexte im Internet aufzustöbern sind (wenn auch ohne Kommentar)? Amazon und andere bieten ja viel, das Internet lässt mich alles finden, kauf ich halt direkt bei den Autor*innen oder den Verlagen. Was scheren mich die Buchhandlungen? Das kann man sagen. Doch woher weiß ich, was es gibt, wenn ich nur sehe, was mir vorgeschlagen wird?

Kurz: Die Bibliodiversität ist in Gefahr. Was das bedeutet, kann man bereits in Lateinamerika, Afrika und den USA gut sehen. In der Schweiz, wo die Buchpreisbindung (per Volksabstimmung) abgeschafft wurde, ebenso gut: In vielen Ortschaften gibt es dort keine Buchhandlungen mehr. Und die Zahl der öffentlichen Bibliotheken nimmt ab. Sie und Buchhandlungen machen aber – im Idealfall – viele Bücher sichtbar, die man nicht gesucht hat, die man vielleicht jedoch gern hätte finden wollen. Sie wecken Neugier.

Bibliodiversität gegen die Monokultur des Denkens

In Lateinamerika haben unabhängige Verlage und Buchhandlungen darauf reagiert und den Begriff »Bibliodiversität« etabliert, der sich weltweit durchgesetzt hat. Angelehnt an das bereits bekannte Wort Biodiversität beschreibt der Ausdruck einen Kosmos, in der sich weitverbreitete und sehr kleine Sprachen austauschen, in der Lyrik neben Romanen bestehen kann, das erzählende Sachbuch neben dem Fachbuch, der Geschichtswälzer neben der linken Ökonomiekritik. 

Ein Kosmos, in dem alles – für alle! – erschwinglich bleiben soll, und in dem Bibliotheken, Buchhandlungen, Verlage und nicht zuletzt die Autor*innen überleben können. Die Bibliodiversität stellt ein Konzept von fairem Handel gegen den Freihandel und ein Konzept von fairer Rede jenem von freier Rede (deren Funktionsweise uns Trump oder Höcke täglich vorführen) entgegen. Und sie versucht, Minderheiten und bislang wenig bekannte Denkweisen sichtbar zu machen.

Susan Hawthorne, eine feministische Autorin und Verlegerin aus Australien, die das Manifest »Bibliodiversität« verfasst hat, meint »dass genau das eines der großen Probleme der multinationalen Verlagskonzerne ist: Sie haben sich auf eine Monokultur des Denkens zubewegt. In gewisser Weise verlassen sie sich sogar auf die neuen Ideen kleinerer Verlage. Das ist wie in der natürlichen Umwelt, wo man sich der wilden Sorten bemächtigt und sie ins agrarwirtschaftliche System einbringt, das so am Laufen gehalten wird. Das Problem ist: Die Monokulturen dominieren und marginalisieren den Output – und nach einer Weile hört sich alles gleich an.«

Nun schreibe ich dies in einer linken Publikation, die Krisen kennt und dennoch erscheint, da sie es noch immer schafft, genug Unterstützer*innen zu finden und genug Verrückte, die ganz selbstausbeuterisch einen Teil ihrer (Frei-)Zeit in das Projekt investieren. Ist dies hier also preaching to the converted? Ich fürchte nicht.

Im Kapitalismus ist dem Menschen sein Arsch näher als sein Kopf, und wir alle können zurzeit den Kapitalismus leider nicht verlassen. Autor*innen, Bibliothekar*innen, Buchhändler*innen, Verleger*innen und nicht zuletzt Leser*innen sind daher angewiesen auf Solidarität – Solidarität untereinander. Der einen aber sind die Bücher (und die Zeitschriften) zu teuer, dem andere zu theoretisch, manchem sind sie zu dick, mancher zu lästig, jenem sind sie zu schwer zu beschaffen, andere wollen jetzt-sofort-oder-nie lesen, viele sind genervt, weil Texte widersprechen (sich in sich selbst oder aber der Leserinnenmeinung), andere befinden sie wiederum als zu einfach gestrickt. Das Internet bietet – oft kostenlos – viele diverse Texte, doch werden dort zumeist die kurzen Texte den langen vorgezogen, die »Infos« dem Longread.

Das schwere Einfache

Auch das beschädigt die Bibliodiversität. Denn es braucht Texte zu Selbstvergewisserung des Individuums wie der Linken, es braucht auch und gerade lange Texte, Texte, die miteinander in Bezug stehen, es braucht Kritik, dafür wiederum wird kritisches Denken benötigt.

Diese Texte müssen allerdings geschrieben werden, müssen diskutiert, redigiert und publiziert werden, müssen vor allem – etwa durch gute, bestenfalls linke Buchhandlungen und Bibliotheken – angepriesen werden, damit sie in einer breiteren Öffentlichkeit wirken können. Dafür braucht es Solidarität. Das bedeutet, dass Verlage gestärkt werden sollten, Buchhandlungen, Bibliotheken und an erster Stelle die Autor*innen selbst, denen ermöglicht werden muss, für ihr Schreiben bezahlt zu werden. Und dass ihnen Kritik geboten wird, da diese ihre Texte verbessert. Das klingt so einfach, ist es jedoch nie gewesen. Wir, die wir zu Arbeits- und Konsummonaden degradiert worden sind, suchen nach dem günstigsten Weg. Wir wollen durchkommen, wollen unseren Scheiß erledigen, me, myself & I first. Wie bereits Ronald M. Schernikau feststellte, ist das Einfach schwer: Solidarität kostet. Die Kosten sollten wir nicht scheuen. Denn habe ich kein Geld: So kann ich in der Bibliothek darum bitten, die Texte zu besorgen. Ich habe Geld: Ich kaufe Zeitschriften. Ich habe zu viel Geld: Ich spendiere den Bibliotheken Bücher oder verschenke sie an Freund*innen. Das ist nicht leicht. Aber das Schwere ist oft trotzdem auch einfach zu schaffen.

Jörg Sundermeier

ist Journalist und leitet mit Kristine Listau den Verbrecher-Verlag in Berlin.