Linke Vorreiterin
Aufgeblättert: »Ich will dich sehen, mit deinem Verbrechergesicht« von Michelle Steinbeck & Marina Galli
Von Nelli Tügel
Zweierlei ist doch immer wieder erstaunlich für jene, die sich mit der Geschichte der Arbeiter*innenbewegung beschäftigen. Fast alles war schon einmal da, wurde bereits debattiert, Gedanken, die uns mitunter frisch und originell erscheinen, sind uralt. Und: Viele unwahrscheinlich beeindruckende und in ihrer Zeit einflussreiche Figuren dieser Bewegung sind in Vergessenheit geraten. Eine von ihnen ist – zumindest im deutschsprachigen Raum – Anna Kuliscioff. Briefe der Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Krim in eine jüdische Familie geborenen Sozialistin, Feministin und Armenärztin sind nun auf Deutsch erschienen. Kuliscioff, die mit bürgerlichem Namen Anna Rosenstein hieß, war im zaristischen Russland in radikalen Kreisen aktiv, lebte und studierte in der Schweiz und war dort politisch umtriebig und baute in Italien maßgeblich die Arbeiter*innenbewegung mit auf. Erschütternd wirkten, schreibt Michelle Steinbeck in ihrem Vorwort, Kuliscioffs Forderungen für Gleichstellung und Arbeitsrecht: »Begrenzung des Arbeitstags auf acht Stunden, Mutterschutz, gleicher Lohn für gleiche Arbeit … Die feministischen Parolen von heute sind also aus dem vorletzten Jahrhundert.« Steinbeck und Marina Galli haben die Briefe Kuliscioffs an ihre beiden Lebensgefährten Andrea Costa und Filippo Turati sowie an ihre Freundin, die Modeschöpferin Rosa Genoni, ausgewählt, sorgfältig ediert und übersetzt. Altmodisch ist dabei höchstens das Genre des Briefes, vieles andere tatsächlich: hochaktuell.
Michelle Steinbeck & Marina Galli: Ich will dich sehen, mit deinem Verbrechergesicht. Liebesbriefe einer Revolutionärin. Paranoia City Verlag, Zürich 2026. 280 Seiten, 24 EUR.