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Abo| |ak 729 | Lesen |Rezensionen: aufgeblättert

Bedingungen der Liebe

Aufgeblättert: »Die zweitgrößte Liebe« von Ruth-Maria Thomas

Von Nane Pleger

Aber ich weiß auch nicht, wovon ich leben soll, morgen, das ist doch ein Unterschied zwischen uns«, schreibt die literarische Figur Doris in ihrem Abschiedsbrief an Ernst, der ihr nicht nur Liebe, sondern auch materielle Sicherheit gegeben hat, in Irmgard Keuns Buch von 1932 »Das kunstseidene Mädchen«. 94 Jahre später aktualisiert Ruth-Maria Thomas mit ihrem zweiten Roman diese Geschichte und erzählt von der Beziehung zwischen Michelle und Henry in unserer Gegenwart: »Er brauchte sie, damit es funkelte. Und sie brauchte ihn, um ungestört funkeln zu können.« Sie, aus der Lausitz, in ökonomisch prekären, und er, aus Hamburg, in finanziell sicheren Verhältnissen aufgewachsen, lernen sich vor dem Hotel, in dem sie arbeitet und er mit Kolleg*innen trinkt, kennen. Sie haben Sex, verlieben sich, ziehen zusammen, in Henrys Eigentumswohnung. Mit Henry muss Michelle keine materiellen Sorgen haben, sie kann »funkeln«. Doch welchen Preis zahlen die beiden für diese Beziehung? Der Roman erzählt davon, dass Liebe nicht in einem luftleeren Raum entsteht und sich entwickelt, sondern von den ökonomischen, politischen und sozialen Bedingungen beeinflusst ist. Davon, dass Beziehungen immer auch emotionale, soziale und eben finanzielle Abhängigkeit bedeuten. Es ist ein literarischer Versuch, die »große, einzig wahre« Liebe zu dekonstruieren – wie es der Titel »Die zweitgrößte Liebe« nahelegt. Ein interessanter, sozialkritischer Text inmitten des viel verkauften Genres Liebesroman.

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