Asozial
Von Jacinta Nandi
Meine Freundin Wiebke lästert gerade über eine Nachbarin von ihr, die ziemlich überfordert ist im Alltag, und Wiebke oft um Hilfe beim Babysitting bittet. Ich will Wiebke dazu bringen, solidarischer zu sein, bin aber gleichzeitig erleichtert, wenn ich ehrlich bin, dass diese Nachbarin nicht bei mir im Haus lebt. Nachdem Wiebke sich ausgetobt hat beim Thema Babysitting, fängt sie an, die Erziehungsmethoden ihrer Nachbarin zu kritisieren. Und hier bin ich ein bisschen strenger mit Wiebke, denn hier finde ich, dass sie wirklich unfair wird.
»Sorry, aber dem Kind im Bett Abendbrot zu geben – und wenn ich Abendbrot sage, meine ich Nutellabrot, natürlich – und dabei YouTube gucken? Im Bett?! Niemals eine Gute Nacht-Geschichte, nicht mal als Hörbuch. Das ist so asozial!«, sagt Wiebke missbilligend und schüttelt traurig den Kopf.
Meine Freundin Wiebke ist woke, Wiebke ist sozialistisch, Wiebke ist bewusst, dass es Unterdrückung und Diskriminierung gibt und dass die Welt unfair ist. Ihr ist auch bewusst, und sie hört übrigens nie auf, darüber zu labern, dass sie privilegiert ist.
Aber Wiebke ist auch Deutsche, und deswegen hasst sie Asoziale.
»Ach, Wiebke. Ist doch so fascho, wenn man asozial sagt«, sage ich, nonchalant, aber streng.
Wiebke nickt verständnisvoll. »Ich weiß«, sagt sie. »Das ist eigentlich ein Nazibegriff. Asozial. Ich weiß. Ich verstehe das. Aber trotzdem. Im Bett essen und YouTube gucken? Das ist assi! Es gibt dafür einfach keinen anderen Begriff.«
»Asozial zu sagen ist nicht deswegen fascho, weil die Nazis es gesagt haben«, sage ich ihr, jetzt total sanft. Manchmal tut es mir regelrecht leid, dass woke Deutsche, egal wie woke sie sind, immer noch auf Anfängerlevel spielen müssen, weil ihre Deutschness immer ihre Wokeness übertrumpft. »Die Nazis haben es gesagt, weil es als Konzept fascho ist.«
Asozial zu sagen ist nicht deswegen fascho, weil die Nazis es gesagt haben. Die Nazis haben es gesagt, weil es als Konzept fascho ist.
Wiebke guckt mich an, als ob ich was total Originelles und Bahnbrechendes gesagt hätte. Eigentlich, denke ich, ist es ein bisschen unfair, mit woken Deutschen über Social-Justice-Themen zu diskutieren, es ist wie Hangman spielen mit einem Erstklässler, man kann nur gewinnen, sie können nur verlieren, die Ausgangsposition ist total unfair. Wiebke hat Wokeness gelernt, sie hat sich ihr Leben lang nach Wokeness gesehnt – aber ihre Seele ist deutsch, und sie hat kein Bauchgefühl dafür.
Als asozial bezeichnet werden: Menschen, die in der U-Bahn Döner essen, Fußballfans, die im ICE rumpöbeln, Teenager, die laute TikToks in der Tram abspielen. Menschen, die ihren Müll nicht trennen. Eltern, die ihre Kinder im Restaurant laut herumspringen lassen. Menschen, die furzen. Teenager, die sich zu lange im Sonnenstudio bräunen. Obdachlose, die auf die Straße kacken. Eine Mama, die ihrem Kind nie was vorliest. Kinder, die ihre Zähne nicht putzen. Jemand, der um Mitternacht die Waschmaschine anmacht.
Ich will nicht sagen, dass es kein asoziales Verhalten gibt. Es gibt asoziales Verhalten. Aber der Grund dafür, dass der Begriff fascho ist, ist, dass die Verhaltensmuster, die uns stören, die nicht in unsere gesellschaftlichen Normen passen, und die dem gesellschaftlichen Zusammenleben manchmal auch schaden, viel wahrscheinlicher als asozial bezeichnet werden, wenn die Menschen, die dieses Verhalten an den Tag legen, keine Macht haben. Eine Gruppe Omas mit Sekt im ICE stört, aber asozial sind die Alkoholiker mit Jägermeister und ohne Fahrkarte. Je mehr Macht jemand hat, desto weniger darf sein rücksichtsloses Verhalten kritisiert werden. Männer wie Trump und Merz, die wirklich vandalistisch versuchen, unsere Welt, unsere Gesellschaften, mit ihrem rücksichtlosen Verhalten zu zerstören, werden nie asozial genannt.
Die Wahrheit ist: Die asozial genannten Menschen sind nie so asozial wie die Gesellschaft.
Eigentlich sollte eine Gesellschaft stark genug sein, um Menschen, die aus verschiedenen Gründen »versagen«, aufzufangen. Eigentlich würde niemand auf die Straße kacken, wenn es genügend Wohnungen und überall öffentliche, kostenlose Klos gäbe. Eigentlich weißt du überhaupt nicht, warum sich Menschen, die du gerade verachtest, so verhalten, ob jemand, der neben dir sitzt und furzt, psychische Probleme hat oder eine körperliche Behinderung. Du weißt nicht, ob eine Mutter, die ihr Kind laut herumtoben lässt beim Italiener, gerade verlassen worden ist.
Eigentlich, Wiebke, gab es in der Geschichte immer Eltern, die nicht vorgelesen haben – manche waren Analphabeten, manche Legastheniker, manche waren einfach zu müde von der Arbeit. Eigentlich ist das Asozialste, was ich mir vorstellen kann, von individuellen Menschen, die ich kaum kenne, perfektes Verhalten zu erwarten, um der Gesellschaft keine »Last« zu sein. Eigentlich gibt es keine asozialen Menschen – es gibt nur eine Welt, ein Land, eine Gesellschaft, die besser werden kann. Und muss.