Eine Politik des Todes
Wie Neoliberalismus und Austeritätspolitik die Drogenkartelle in Mexiko zu unverzichtbaren Akteuren im Staat machten
Von Anne Haas
Hola Mamita, was für schöne Augen.« Ein uniformierter Mann mit einer AK-47 über der Schulter und verspiegelter Sonnenbrille lehnt sich zum Fenster der Fahrerin ins Auto. Er fragt, wohin die Reise geht. Es sieht aus wie eine der üblichen Militärkontrollen an der Pazifikautobahn von Chiapas, der wichtigsten Migrationsroute im Süden Mexikos. Es werden Fotos von unseren Ausweispapieren gemacht. Komisch, dass der Soldat Turnschuhe trägt und sein Kollege eine Jeanshose. Auffällig auch, dass die am Straßenrand geparkten Pick-Ups mit fest installierter Schießvorrichtung für Maschinengewehre keine Aufschrift von Nationalgarde oder Militär tragen. Klare Indizien: Hier bewacht die organisierte Kriminalität, wer das von ihnen kontrollierte Territorium durchkreuzt. Unser Auto wird durchgewunken.
Fünfhundert Meter weiter, in Sichtweite des passierten Postens, folgt die »echte« Kontrolle: Militär und Migrationsbehörde in einheitlicher Uniform prüfen erneut die Papiere.
Ist die Rede von der Macht der Mafia oder Drogenkartelle, werden Staaten häufig als schwach beschrieben. Als seien sie nicht in der Lage, sich gegen die Kriminalität zu verteidigen. Diese Erzählung ist falsch: Es handelt sich – wie sich auf der Küstenstraße von Chiapas zeigt – um eine sich bedingende Koexistenz in einem radikal unsozialen internationalen Wirtschaftssystem. Wie es dazu kommen konnte, lässt sich am Beispiel Mexikos und dem Geschäft mit Opioiden nachzeichnen.
Nachfrage aus den USA
Der Beginn des mexikanischen Rauschmittelgeschäfts ist eine direkte Folge rassistischer Einwanderungsgesetzgebung der USA des 19. Jahrhunderts. Chines*innen, denen aufgrund des »Chinese Exclusion Act« die Einreise in die USA verwehrt war, erreichten somit vermehrt die nördliche Pazifikküste Mexikos – und mit ihnen die Samen des Schlafmohns.
Während der beiden Weltkriege stieg in den USA der Bedarf an Morphium und Heroin als Schmerzmittel, was Anbau und Verarbeitung in Mexiko vorantrieb. Früh entstanden in den Bundesstaaten Sinaloa, Durango und Chihuahua lokale Netzwerke produzierender Bauernfamilien, Unternehmerstrukturen und politischer Funktionär*innen, die sich gegenseitig schützten. Denn auch Mexiko hatte 1925 das internationale Opiumabkommen zu dessen Verbot unterzeichnet. Das Militär wurde in die entlegenen Regionen geschickt, um Mohnpflanzungen zu zerstören.
Doch die Maßnahmen blieben halbherzig. Stattdessen wuchs der illegale Markt, wovon auch lokale Amtsträger*innen profitierten. Es etablierte sich ein »pax mafiosa«, der den kontrollierten illegalen Handel duldete und deckte, auch als US-Präsident Nixon in den 1960er Jahren begann, die bis dato offene Grenze zwischen USA und Mexiko abzuriegeln.
Ähnlich halbherzig, wenngleich wesentlich brutaler, führte Mexikos damaliger Präsident Felipe Calderón auch den sogenannten Krieg gegen die Drogen ab 2006. Das rein militärische Vorgehen kostete über 400.000 Menschen das Leben, zu einer Zerschlagung der Kartelle führte es nicht. Stattdessen führte es zu weiteren Spaltungen und einer Diversifizierung der kriminellen Organisationen. Wie auch unter der aktuellen Regierung Sheinbaum wurden Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung im Politikapparat sowie zur Kontrolle des internationalen Finanzmarktes seinerzeit nicht eingesetzt.
Entsprechend kann auch hier nicht von einem Staatsversagen die Rede sein, betont die transfeministische Philosophin Sayak Valencia aus dem nordmexikanischen Tijuana. Vielmehr handele es sich inmitten der eskalierenden Gewalt um eine Restrukturierung der kriminellen Macht innerhalb des Staates. Die regierenden Eliten und Sicherheitskräfte Mexikos zielten nicht darauf ab, die Kartelle abzuschaffen, sondern deren mittlerweile bedeutenden Einfluss zu limitieren und zum eigenen Vorteil zu nutzen, so Valencia. Sie zeichnet die Verknüpfung von Wirtschaft, Politik und Mafia als logische Entwicklung eines entfesselten »Gore-Kapitalismus« (angelehnt am gleichnamigen Horrorfilm-Genre). Da sich dieser Kampf in Form brutaler Feminizide auch und besonders auf den Körpern von FLINTA* abspielt, entwickelte sie zuletzt das Konzept des Nekro-Patriarchats, als eine Ausformung dieses Wirtschaftssystems, in dem eine soziale Gesellschaft keine Rolle mehr spielt.
Das eigentliche Staatsversagen fand und findet somit auf einer ganz anderen Ebene statt. Vielen Erzählungen über Drogenkartelle haftet eine soziale Romantisierung im Stile Robin Hoods an. Dass die organisierte Kriminalität diese schmeichelnde Rolle überhaupt erst einnehmen konnte, hängt mit früheren globalen Entwicklungen zusammen, die den heutigen in einigen Aspekten ähneln. Es lohnt also ein Blick auf die 1980er und 90er Jahre, als sich die narco-politische Allianz in Mexiko verfestigte.
Ein Problem, zwei Antworten
Es ist die Zeit der internationalen Schuldenkrise, der streng konditionierten Kredite von IWF und Weltbank und des Einzugs des Neoliberalismus in ganz Lateinamerika. Die damalige autoritäre Regierungspartei PRI entschied sich angesichts der Krise für eine rigide Austeritätspolitik, was besonders im ländlichen Raum eine massive Verarmung zur Folge hatte. Als Antwort darauf betraten in einigen Bundesstaaten sozial-revolutionär orientierte Guerillabewegungen die öffentliche politische Bühne. Die bekannteste unter ihnen ist die EZLN, die heute durch ihre zivile Autonomieregierung ein stabilisierender Faktor in der Region ist.
Andernorts übernahm die Mafia – bis dahin vorwiegend auf das Drogengeschäft konzentriert – ebenfalls neue gesellschaftliche Rollen. Sie füllten die Lücke, die der Staat durch die Sozialkürzungen hinterließ, und boten in prekären Zonen Beschäftigung. Tatsächlich ist besonders das Kartell Sinaloa dafür bekannt, Schulen und Infrastruktur auszubauen und ganze Gemeindefeste zu finanzieren. Ihr Motiv dahinter ist freilich weniger sozial als strategisch.
Es sind zwei sehr unterschiedliche Antworten auf dasselbe Problem. Die zapatistische Bewegung der EZLN schreibt sich heute wörtlich »den Kampf um das Leben« auf die Fahnen. Demgegenüber stehen die Kartelle nicht nur sinnbildlich für eine Politik des Todes.
Der Gedanke, durch soziale Maßnahmen die Nachfrage nach Opioiden einzudämmen, reicht nicht mehr aus.
Während die verschiedenen mexikanischen Regierungen der letzten Jahrzehnte also nicht gewillt schienen, die Macht der Kartelle nachhaltig zu brechen, haben die immer gewaltvolleren Auseinandersetzungen mit rivalisierenden Gruppen und dem Militär dazu geführt, dass sich der ungeschriebene Ehrenkodex der Mafia in den letzten Jahren aufgelöst hat. Die Zeiten von Robin Hood sind vorbei. Der Gewalt sind – im Vergleich zu den 1990er Jahren – keine Grenzen mehr gesetzt, wenn es um Rache, die Verteidigung der plaza, des kontrollierten Gebietes, oder Gewinnmaximierung geht.
Seit die Grenze zu den USA unter der neuen Trump-Regierung stärker kontrolliert ist, findet der Drogenverkauf an Endkonsument*innen verstärkt auch auf mexikanischem Boden statt. In Grenzstädten wie Mexicali und Ciudad Juaréz beispielsweise werden Käufer*innen aktiv in die Fentanyl-Abhängigkeit gebracht, indem das billigere synthetische Opioid anderen pflanzlichen Substanzen beigemischt wird. Zunehmende gesundheitliche Schäden und unfreiwillige Überdosierungen sind die Folge. Auch in Deutschland wurde diese gefährliche Praxis bereits vom BKA dokumentiert. Der Gedanke, durch soziale Maßnahmen die Nachfrage einzudämmen, reicht nicht mehr aus, wenn die mörderische Geschäftskreativität der Mafia diese Nachfrage selbst generiert.
Paradox der »harten Hand«
Neben zahlreichen anderen Geschäftszweigen haben kleinere kriminelle Gruppierungen in den Randbezirken derweil erkannt, dass auch Schutzgelderpressung ein lukratives Geschäft ist. Besonders die Unterschicht ist in so vielen Bereichen ihres Lebens von den Machenschaften der Mafia betroffen: auf der Arbeit und dem Markt, auf dem Weg dahin, im Stadtteil, in den Schulen.
Die Bevölkerung ist paralysiert, denn sie erfährt, dass niemand sie schützt. Vor dieser unbearbeiteten Angst warnt die südamerikanische Sicherheitsexpertin Lucia Dammert eindringlich. Sie sieht in ihr den Grund, weshalb in breiten Teilen der lateinamerikanischen Bevölkerung die Sehnsucht nach einer Politik der »harten Hand« wächst, trotz des Wissens, dass diese das Problem nicht in seinem Ursprung löse. Es sind besonders neokonservative, autoritaristische Parteien, die das Thema Sicherheit im Wahlkampf dankbar aufgreifen, wie sich zuletzt in Chile zeigte. Was paradox ist, zeigt sich doch gerade am Beispiel Mexikos, dass das Wachsen der Mafia eng verknüpft ist mit einer antisozialen und autoritären Politik, welche die Lebensrealität der Unter- und Mittelschicht unbeachtet lässt oder gar leugnet.
Zurück in Chiapas: Die informellen Straßenkontrollen wurden Anfang 2025 von einer neuen militarisierten Sonderpolizeieinheit medienwirksam geräumt, Waffen beschlagnahmt, Männer verhaftet. »Null Korruption und eine neue Ära der Sicherheit«, ist das Motto der neuen Landesregierung. Ein Jahr später erlebe ich ein Déjà-vu an exakt derselben Stelle. Auf den wieder installierten Kontrollposten des Kartells folgt jener der Nationalgarde. Einziger Unterschied: Neben ihnen finden sich nun auch Einheiten der neuen Sonderpolizei. Wenn sie wollten, könnten sie den Kartellmitgliedern winken. Wenn sie den Befehl erhielten, könnten sie sie auch festnehmen. Nichts von beidem passiert.