Das Einmaleins des Ölmarktes
Wie mächtig ist die OPEC, wer bestimmt das Angebot, und welche Rolle spielt der US-Dollar?
Von Stephan Kaufmann
Seit der Blockade der Straße von Hormus durch den Iran und dem Krieg in Nahost sinkt auch die Ölproduktion von Kuwait, Irak, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VEA). Anfang April spricht man von der größten Angebotsunterbrechung in der Geschichte des Ölmarkts. Doch warum ist der Stoff immer noch so wichtig, wer regelt das Angebot und wie entsteht überhaupt der Preis für Öl?
Die Blockade
Warum ist ein armes Land wie der Iran überhaupt in der Lage, den globalen Ölmarkt zu stören? Das liegt an zwei Besonderheiten. Erstens lagern im nahöstlichen Boden große Teile der weltweiten Ölreserven, die über die Straße von Hormus auf die Weltmärkte gelangen. Durch dieses Nadelöhr fließen in normalen Zeiten täglich über 20 Millionen Fass Öl. An ihrer engsten Stelle ist die Straße von Hormus nur 39 Kilometer breit, was ihre Blockade für den Iran vereinfacht. Zweitens ist das dafür erforderliche Militärgerät auch für ein armes Land wie den Iran erschwinglich: Seeminen, die von kleinen Booten gelegt werden können; Drohnen und Raketen, deren Produktion billig und deren Abfangen für die Gegner teuer ist. Aufgrund der iranischen Drohung sind Versicherungen häufig nicht mehr bereit, Tanker zu versichern, die die Passage andernfalls vielleicht wagen würden.
Die Nachfrage
Warum wird überhaupt noch so viel Öl benötigt? Tatsächlich ist die Energieintensität im Westen deutlich gesunken. Die US-Wirtschaftsleistung hat sich seit 1978 verdreifacht – doch der Ölverbrauch liegt heute in etwa auf dem gleichen Niveau wie damals. Im vergangenen Jahr verbrauchten europäische Unternehmen im Durchschnitt ein Fünftel weniger Energie pro Produktionseinheit als noch im Zeitraum 2016 bis 2019, errechnet die niederländische Großbank ING. Die geringere Ölintensität des kapitalistischen Wachstums im Westen liegt an effizienteren Produktionsverfahren; an der Elektrifizierung; an dem größeren Gewicht von Dienstleistungen und dem geringeren Gewicht der Industrie an der gesamten Wirtschaftsleistung; und daran, dass viel energieintensive Produktion in den Globalen Süden abgewandert ist, wo Umweltauflagen weniger streng und Energie billiger ist. So erlebt zum Beispiel »der europäische Chemiesektor derzeit eine allmähliche Verlagerung von weniger energieintensiven Massenchemikalien hin zu höherwertigen Spezialprodukten«, erklärt ING.
China, Indien, Südostasien und Afrika durchlaufen gerade die energieintensivste Phase ihrer Entwicklung.
Doch es gibt gegenläufige Bewegungen, die die globale Ölnachfrage stabilisieren. Erstens: Während in reichen Ländern der Trend hin zur Deindustrialisierung und Dienstleistungsgesellschaft geht, durchlaufen China, Indien, Südostasien und Afrika gerade die energieintensivste Phase ihrer Entwicklung. Dazu kommt zweitens der Reboundeffekt: Zwar wird pro Produktionseinheit im Westen weniger Öl verbraucht, gleichzeitig aber wächst die Produktion absolut. Und drittens ist Erdöl in manchen Bereichen schlecht zu ersetzen: beim Schwerlastverkehr, bei Schifffahrt, Luftfahrt und Militär und vor allem in der Petrochemie, also bei der Herstellung von Kunststoffen, Düngemitteln, Medikamenten oder Verpackungen. Hier ist der Ölverbrauch strukturell wachsend. Bis 2030 wird jedes sechste Barrel weltweit für Kunststoffe und Kunstfasern verbraucht.
Das Angebot
Wer produziert, wer exportiert das Öl? Die USA waren im vergangenen Jahr mit rund 14 Millionen Barrel pro Tag der weltgrößte Rohölproduzent – das entspricht einem Anteil von 16 Prozent an der globalen Förderung. Russland und Saudi-Arabien folgen auf Platz zwei und drei mit je über 9,5 Millionen Barrel täglich. Die zwölf OPEC-Mitglieder kommen zusammen auf rund 35 Prozent der weltweiten Rohölförderung. OPEC+-Mitglieder (also OPEC plus Partner wie Russland und Brasilien) produzieren zusammen etwa 60 Prozent des weltweiten Angebots.
Die USA sind zwar größter Produzent und seit 2019 Netto-Exporteur von Öl, das heißt, sie exportieren mehr, als sie importieren. Sie verbrauchen aber selbst auch viel Öl. Die Top-5-Exporteure sind daher Saudi-Arabien (Export 6,6 Millionen Fass), Russland (5 Millionen), USA (4,1 Millionen), Irak und Kanada (jeweils 3,5 Millionen). Gemeinsam liefern sie über die Hälfte der weltweiten Rohölausfuhren. Iran steht unter den Exporteuren an zehnter Stelle (1,3 Millionen Fass). Größter Ölimporteur ist China mit elf Millionen Barrel vor Europa (9,3 Millionen), Indien und den USA, deren Öleinfuhren vor allem aus Kanada kommen. Als großer Ölproduzent und -verbraucher profitieren die USA von einem steigenden Ölpreis, er bedeutet für große Teile der US-Wirtschaft aber auch höhere Kosten.
Ein besonderer Markt
Wie entsteht überhaupt der Ölpreis? Er entsteht nicht am Bohrloch und nicht durch Kostenkalkulationen in den Hauptstädten der großen Förderländer. Sondern an Terminbörsen wie der NYMEX in New York oder der ICE in London, also in den Ländern der großen Ölnachfrager. Dort werden täglich Millionen von Ölkontrakten gehandelt. Der Marktpreis ist der Preis, auf den sich Käufer und Verkäufer einigen. Hier existieren zwei Benchmarks: Nordsee-Öl (Brent) sowie West Texas Intermediate (WTI) für US-Leichtöl. Jede andere Ölsorte weltweit (russisches Urals, arabisches Light, nigerianisches Bonny Light…) orientiert sich an diesen beiden Preisen nach dem Muster »Brent minus X Dollar« oder »Brent plus Y Dollar« – je nach Qualität und Transportweg. Man kann also sagen: Angebot und Nachfrage bestimmen den Ölpreis. Doch verbirgt dies die Besonderheit des Marktes für Öl wie auch für andere Rohstoffe.
Auffällig sind zunächst die starken Schwankungen: Rohstoffe können sich in kurzer Zeit drastisch verteuern oder verbilligen. Die Preise von Industriegütern hingegen sind meist relativ stabil. Das liegt daran, dass sie sich anders berechnen. So kauft ein Konzern wie Volkswagen Produktionsmittel und Arbeitskräfte ein, lässt produzieren und hat am Ende ein Auto, das einen Produktionspreis hat. Das Gleiche bei seinen Wettbewerbern. Aus der Konkurrenz der Autobauer um zahlungsfähige Nachfrage ergibt sich ein Marktpreis für das Auto, und die Konzerne versuchen, ihre Kosten möglichst niedrig zu halten, um einen hohen Profit zu erwirtschaften. Der Profit ist der Zweck, die Senkung der Kosten das Mittel.
Anders bei den Rohstoffen: Hier treten keine Produzenten mit inländischen Produktionspreisen an und vergleichen sich in der Konkurrenz. Stattdessen bildet sich der Preis unabhängig von den Produktionskosten, allein durch die Nachfrage und die Konjunkturen im Globalen Norden, also an Rohstoffbörsen. Diese Börsen sind nicht die Orte, wo die Produzenten antreten mit ihren Kalkulationen bezüglich Preis und Produktivität, sondern bloß die Orte, wo die Käufer für sie lohnende Preise aushandeln. Auf Seiten der Rohstoffproduzenten wiederum zählt nur eins: ihr Bedürfnis nach Geld. Sie sind Preisnehmer, für sie ist der Preis ihres Exportgutes eine exogen gegebene Größe. Ob er über oder unter den Produktionskosten liegt, steht nicht in ihrer Macht.
Die Förderländer können zwar versuchen, den Preis über Ausweitung oder Einschränkung des Angebots zu beeinflussen. Das jedoch ist ein schwaches Mittel. Denn jede Verringerung der Produktion kostet sie Umsatz. Zudem stehen alle Ölproduzenten in Konkurrenz miteinander um möglichst viel Absatz, weswegen für jedes einzelne Land immer ein Anreiz besteht, sich nicht an vereinbarte Förderbeschränkungen zu halten. Und schließlich: Wenn weniger gefördert wird und der Ölpreis steigt, wird die Förderung von US-Schieferöl profitabler, dessen Produktion dann ausgeweitet wird – was wiederum den Preis drückt.
Der Dollar
Welche Rolle spielt die US-Währung auf dem Ölmarkt? Auf ihm wurde – und wird zum Großteil noch immer – in US-Dollar bezahlt und abgerechnet. Im Jahr 1974 verpflichtete sich Saudi-Arabien, sein Öl ausschließlich in Dollar zu verkaufen und die Überschüsse in US-Staatsanleihen zu investieren – die Überschüsse den USA also als Kredit zur Verfügung zu stellen. Im Gegenzug garantierten die Vereinigten Staaten die militärische Sicherheit Saudi-Arabiens. Die übrigen Golfmonarchien folgten dem Beispiel.
Wer heute Öl kaufen will, muss daher zumeist über US-Dollar verfügen. Das sichert der US-amerikanischen Währung eine permanente globale Nachfrage, die wiederum dazu beiträgt, dass der Dollar Weltleitwährung ist. Und am Status des Dollars als Weltleitwährung wiederum hängt zum Großteil die Kreditwürdigkeit der USA und damit ihre Fähigkeit zur Verschuldung. Der Iran beschloss 2012, sein Öl in chinesischen Renminbi zu verkaufen. Das setzt an einem Grundpfeiler US-amerikanischer Weltmacht an.
Der Ölmarkt
Warum ist der Ölmarkt so eine kriegsträchtige Angelegenheit? Die Opec-Mitglieder kontrollieren nahezu 80 Prozent der weltweit nachgewiesenen Ölreserven, auf deren Produktion und Lieferung die Abnehmerländer angewiesen sind und deren Preis ihr Wirtschaftswachstum beeinflusst. Um die Kooperationsbereitschaft der Förderländer insbesondere im Nahen Osten dauerhaft zu sichern, sind sie daher seit Jahrzehnten einer konstanten militärischen Bedrohung ausgesetzt, die die »geopolitische Risikoprämie« (Marktanalysehaus Lux Resarch) des Öls begrenzen soll.
Dem gleichen Zweck dienen die riesigen Rüstungsexporte des Westens in die Region, die für die US-Regierung bis heute eine besondere Bedeutung haben: »Seit mindestens einem halben Jahrhundert räumt die amerikanische Außenpolitik dem Nahen Osten Vorrang vor allen anderen Regionen ein«, so die jüngste Nationale Sicherheitsstrategie der Trump-Regierung. »Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Der Nahe Osten war jahrzehntelang der weltweit wichtigste Energielieferant, ein Hauptschauplatz des Wettstreits der Supermächte (…) Amerika wird stets ein zentrales Interesse daran haben, sicherzustellen, dass die Energievorräte am Golf nicht in die Hände eines erklärten Feindes fallen, dass die Straße von Hormus offen bleibt, dass das Rote Meer befahrbar bleibt, dass die Region kein Nährboden oder Exporteur von Terror gegen amerikanische Interessen oder das amerikanische Heimatland ist und dass Israel sicher bleibt.« Israels »Sicherheit« ist damit eng verknüpft mit dem Interesse der Nato-Staaten an sicherer Energieversorgung.