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|Thema in ak 725: Erdöl & Kapitalismus

Im Halbdunkel

Auf Kuba zeigt sich, was passiert, wenn das Öl ausgeht

Von Andreas Knobloch

Die Illustration zeigt eine Tankstelle in Havanna/Kuba. Das Bild ist schwarz weiß, nur das Gebäude der Tankstelle ist in einem hellen Gelb coloriert
Illustration: Fleur Nehls

Am Morgen des 4. April ist der russische Tanker »Anatoly Kolodkin« aus der Bucht der kubanischen Stadt Matanzas wieder ausgelaufen. Innerhalb von 96 Stunden waren dort 100.000 Tonnen Rohöl entladen worden. Anschließend ging das Öl zur Weiterverarbeitung an verschiedene Raffinerien im Land.

Der russische Öltanker war mehrere Tage lang eines der Hauptgesprächsthemen in Kuba. Er war von einem russischen Kreuzer durch den Ärmelkanal geleitet worden und dann mehrere Tage auf dem Atlantik unterwegs. Als Ziel hatte er »Atlantis, USA« angegeben – das wirkte wie eine Verhöhnung der US-Regierung. Kaum jemand hätte erwartet, dass der Tanker Kuba erreichen würde. Doch das mit 730.000 Barrel Rohöl beladene Ölschiff der staatlichen russischen Reederei Sovcomflot legte am letzten Märztag tatsächlich in Matanzas an. Es war die erste Rohöllieferung seit knapp drei Monaten, seit die USA eine Ölblockade gegen Kuba verhängt hatten. Zitat Donald Trump: »Es werden kein Öl und kein Geld mehr nach Kuba fließen – null.« Original in Großbuchstaben.

Zwei vor der Küste patrouillierende US-Militärschiffe hätten die Order erhalten, den Tanker passieren zu lassen, berichtete die New York Times unter Berufung auf anonyme Quellen in der US-Regierung. Der Kreml bestätigte Absprachen mit Washington. In den Wochen zuvor waren Tanker mit Ziel Kuba von der US-Marine aufgehalten und umgeleitet worden.

Nach der Entführung von Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro Anfang Januar durch das US-Militär hatte Washington alle venezolanischen Ölexporte nach Kuba unterbunden; zudem drohte US-Präsident Donald Trump allen Ländern mit Zusatzzöllen, die die Insel weiter mit Rohöl und Ölderivaten beliefern. Venezuela war bislang für den größten Teil der kubanischen Ölimporte verantwortlich; der zweitwichtigste Lieferant Mexiko stellte nach Drohungen aus dem Weißen Haus seine Lieferungen ein.

 »Die Vereinigten Staaten haben entschieden, die Blockade in eine Energieblockade von maximaler Intensität umzuwandeln. Sie haben die Maßnahmen gegen unsere langjährigen Lieferanten verschärft, die Verfolgung unserer Schiffe auf hoher See intensiviert und Reedereien, Versicherer und Finanzintermediäre unter Druck gesetzt, keine Geschäfte mit Kuba zu tätigen«, sagte der stellvertretende Energieminister Argelio Abad gegenüber der Presse in Havanna und sprach von einer »Politik der Strangulierung«.

Schulen geschlossen, Brutkästen abgeschaltet

Die Folgen der Ölblockade für den Alltag und die Wirtschaft Kubas sind dramatisch. Die ohnehin häufigen Stromausfälle haben nochmals zugenommen, Schulen mussten schließen, Wasserpumpen können nicht betrieben werden, die Benzinpreise sind explodiert und Krankenhäuser gezwungen, Operationen abzusagen sowie lebensrettende Geräte wie Dialysemaschinen und Brutkästen abzuschalten. Mehr als 100.000 Operationen wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums bereits verschoben. Zahlreiche Airlines strichen wegen der Kerosin-Engpässe ihre Flüge nach Kuba.

»Viele Dinge funktionieren nur noch eingeschränkt«, sagt Oscar Fernández, der mit seinem kleinen Unternehmen in Havanna Trockenfrüchte herstellt, gegenüber ak. »Der Verkehr kommt zum Erliegen; Lehrer erreichen nicht ihre Schulen; Ärzte gelangen nicht in die Krankenhäuser; es ist kein Treibstoff vorhanden, um Lebensmittel zu transportieren; die Banken brechen aufgrund von Stromausfällen zusammen.«

Die Regierung hat Rationierungsmaßnahmen verfügt, um die Grundversorgung der Bevölkerung und die Kraftstoffversorgung für wichtige Sektoren wie die landwirtschaftliche Produktion, das Bildungswesen, die Wasserversorgung, das Gesundheitswesen und die nationale Verteidigung aufrechtzuerhalten.

Trotz aller Einschränkungen läuft der Alltag weiter. Es sind immer mehr Elektro-Drei- und Zweiräder auf den Straßen unterwegs, die Versorgungslage mit Lebensmitteln ist zumindest in Havanna noch recht stabil. Das Problem sind eher die hohen Preise.

Von einem Zusammenbruch ist das Land trotz aller Schwierigkeiten weit entfernt.

Von einem Zusammenbruch ist das Land trotz aller Schwierigkeiten weit entfernt. Ohne Ölimporte aber operiert das kubanische Stromnetz am Limit. »Ein wesentlicher Teil unserer Stromerzeugung, insbesondere derjenige, den wir für die Spitzenlast in der Nacht nutzen, hängt von importierten Brennstoffen ab«, so Vize-Energieminister Abad. Für den Großteil der Stromerzeugung im Land sind die noch aus Sowjetzeiten stammenden Wärmekraftwerke verantwortlich. Ihre Erzeugungskapazität ist jedoch durch Ausfälle und Havarien eingeschränkt; es fehlt zudem an Mitteln für Wartung und Investitionen. Hinzu kommen kleinere Gaskraftwerke und dezentrale Diesel- und Heizölmotoren. Letztere können aber derzeit nicht genutzt werden, da das hierfür benötigte Diesel nicht ins Land kommt.

Abad zufolge könne Strom derzeit ausschließlich aus heimischem Erdöl und Erdgas und erneuerbaren Energiequellen, vor allem aus Photovoltaik-Anlagen, erzeugt werden. Das sind knapp 40 Prozent der benötigten Strommenge. Das heißt, im Schnitt liegen 60 Prozent des Landes im Dunkeln. Das in Kuba geförderte Erdöl ist zudem ein sehr schwefelhaltiges Schweröl, das zwar für die Wärmekraftwerke verwendet, aber nicht zu Benzin oder Diesel verarbeitet werden kann.

Die US-Regierung blockiert zwar ausländische Öllieferungen nach Kuba, erlaubt jedoch seit Februar US‑Unternehmen, Treibstoff an private Unternehmen auf der Insel zu liefern, sofern die Lieferungen nicht für Unternehmen oder Personen bestimmt sind, die mit der kubanischen Regierung, dem Militär oder staatlichen Institutionen in Verbindung stehen. Zugleich hat der kubanische Staat sein Importmonopol gelockert und die Einfuhr von Treibstoff durch kleine und mittlere Unternehmen für den Eigenbedarf genehmigt.

Kreative Lösungen

Seitdem importieren Privatunternehmen kleine Mengen Diesel aus den USA, Panama und anderen Ländern, der teilweise unter der Hand weiterverkauft wird. Allein Lieferanten aus den Vereinigten Staaten haben von Anfang Februar bis Ende März rund 30.000 Barrel Kraftstoff (4,8 Millionen Liter) an den kubanischen Privatsektor geliefert, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Die Gesamtmenge entspricht etwas mehr als einem Zehntel der Kapazität eines mittelgroßen Tankers und deckt nur einen Bruchteil des Bedarfs des Landes. Die Lieferungen ermöglichen es aber einigen Unternehmen, ihren Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten.

Zugleich versuchen die Kubaner*innen, kreative Lösungen zu finden. Der Kleinunternehmer Fernández hat für den Transport seiner Waren ein Elektro-Dreirad gekauft. »Aber die Mengen, die transportiert werden können, sind sehr begrenzt«, sagt er. Hinzu kommt der Nachfragerückgang. Momentan steht die Produktion still; seine Angestellten hat Fernández nach Hause geschickt. »Wir installieren gerade Solarmodule«, sagt er und geht davon aus, die Produktion bald wieder aufnehmen zu können.

Auch der Staat setzt mittlerweile auf den Ausbau von Solarenergie, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern. Bis zum Jahr 2028 will die Regierung in Havanna mit chinesischer Unterstützung 92 Photovoltaikparks installieren – 52 sind bereits am Netz. Dadurch ist der Anteil erneuerbarer Energien am Stromerzeugungsmix auf fast zehn Prozent gestiegen – gegenüber drei Prozent im Jahr 2024. Zudem werden derzeit mehr als 10.000 Solarmodule für Ärzt*innen und Lehrer*innen, aber auch in abgelegenen Ortschaften sowie in Polikliniken, Banken, Pflegeheimen, Bäckereien und Schulen installiert, um deren Weiterbetrieb zu ermöglichen.

Mittelfristig ist Kuba aber weiter auf Rohöl- und vor allem Treibstoffimporte angewiesen. Ein einzelner Öltanker ändert die Situation nicht grundlegend. Weshalb ausgerechnet dem mit Sanktionen belegten russischen Öltanker »Anatoly Kolodkin« die Durchfahrt gestattet wurde, ist Gegenstand verschiedener Deutungsversuche. Demnach könne es sich um einen taktischen Schachzug des Weißen Hauses handeln, sagte ein nicht genannter Botschafter gegenüber dem britischen The Guardian. »Damit sie (die USA, Anm. ak) – während sich der humanitäre Notstand verschärft – auf etwas Konkretes verweisen können, das sie unternommen haben; auch wenn wir wissen, dass dies im Großen und Ganzen betrachtet eigentlich nichts bedeutet.«

Hoffnungsvolles Zeichen

Trump selbst sprach von humanitären Gründen. »Es macht uns nichts aus, wenn jemand eine ganze Ladung erhält – denn sie brauchen es; sie müssen überleben.« Die Menschen benötigten »Heizung, Klimaanlage und all die anderen Dinge«. Wenn ein Land derzeit Öl nach Kuba liefern möchte, habe er damit kein Problem. »Ganz gleich, ob es Russland ist oder nicht«, so Trump. Kuba sei ohnehin am Ende.

Wenige Tage später dann folgte die Nachricht, dass Kuba 2.010 Häftlinge freilassen werde, darunter viele junge Menschen, Frauen und Ältere. Die kubanische Regierung stellte diesen Schritt als humanitäre Geste anlässlich des Osterfestes dar. Doch die Begnadigungen lassen die Ankunft des Tankers in einem anderen Licht erscheinen. Beide Ereignisse könnten angesichts der laufenden Verhandlungen zwischen Washington und Havanna miteinander zu tun haben. William LeoGrande, Professor für Politikwissenschaft an der American University in Washington, meint: »Dies legt nahe, dass beide Seiten möglicherweise gegenseitige Gesten des guten Willens vollziehen, um die Gespräche voranzubringen, die sie geführt haben« – und verwies auf ähnliche Episoden bei früheren Entspannungsbemühungen. Das wäre zumindest ein hoffnungsvolles Zeichen. Derweil kündigte Moskau die Entsendung eines weiteren Öltankers nach Kuba an.

Andreas Knobloch

lebt und arbeitet als einer der wenigen fest akkreditierten deutschen Journalisten seit gut 15 Jahren in Havanna, Kuba. Er schreibt für deutschsprachige Medien über politische und ökonomische Themen in Lateinamerika.

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