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|Thema in ak 721: Linke und Sport

Institut für Sportutopie

Berechtige Klagen über die Verhältnisse im Sport gibt es viele – aber wie könnte es anders gehen?

Von Alina Schwermer

Plakat aus der Kulturrevolution von jungen Läufer*innen, teils in Uniform
Vielleicht nicht DIE Sportutopie. Chinesisches Propagandaposter von 1969. Aufschrift: Trainieren für die Revolution. Bild aus »Playing as if the World Mattered: An Illustrated History of Activism in Sports« (PM Press), Collage: ak

Gern wird im Sport über die Zustände geklagt, nicht nur unter Linken. Fußballfans schimpfen über Kommerz, Investoren, uneinholbare Superklubs oder entfesselte Polizeigewalt. Eltern von Kindern im Leistungssport klagen leise über den Druck, autoritäre Trainer*innen, immer frühere und schwerere Verletzungen oder extremen Konkurrenzkampf. Diskriminierte quer durch die Sportarten berichten von ihrer Marginalisierung, und gegen Sportgroßveranstaltungen protestieren fast schon gewohnheitsmäßig lokale Bevölkerungen – wegen Gentrifizierung, Landnahme, ökologischer Schäden und hoher Kosten für die unteren Klassen.

Klagen gibt es viele. Aber es gibt da eine große Leerstelle im System: die Utopie. Wir haben im Sport keine Debatte über tiefgreifende, systemische Lösungen. Und keinen Glauben daran. Das ist gewiss ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Statt gegen das System zu streiten, verteidigt die deutsche Linke mehrheitlich den Kapitalismus mit Mehrparteien-Fassade gegen die Dystopie eines noch gewaltvolleren Systems, den wiederkehrenden Faschismus. Und glaubt, Mietendeckel und Antirassismus würden das schon regeln. Diese utopielose Gesellschaft ist ein massives Problem und ein idealer Nährboden für die apokalyptischen Strömungen der Gegenwart.

Mein Vorschlag dafür ist ein Institut für Sportutopie, das als Netzwerker für viele lokale Projekte und zugleich als Plattform wirkt. Ein Ort, wo debattiert und auch ganz praktisch utopisch Sport getrieben wird

2022 habe ich das Buch »Futopia« veröffentlicht, das Utopien für einen anderen Fußball sammelt und entwirft. Es geht um sehr grundsätzliche Lösungen bis hin zu einer postkapitalistischen Beitragsökonomie mit Verbot ökonomischer und ökologischer Gewalt. Was dann passierte, war sehr spannend. Auf vielen Veranstaltungen reagierten die Menschen überraschend wohlwollend – aber auch ein wenig gleichgültig. Als sei das eine Spielerei und völlig unrealistisch. Der häufigste Satz war etwa so: Das ist ja nett, aber das wird eh nie passieren. Kritik arbeitete sich nicht an Inhalten ab (außer beim Thema Sieg und Niederlage: Wenn ihr einen Raum Männer gegen euch aufbringen wollt, dann schlagt einen Sport mit weniger Abstieg, Sieg und Niederlage vor), sondern an ihrer vorgeblichen Undurchsetzbarkeit. Andere wollten den Sport lieber haben, wie er ist – nur den Preis dafür, den wollten sie nicht zahlen.

Eine Gesellschaft, die so denkt, bleibt im Teufelskreis von Klage und Fatalismus hängen. Dabei ist erwiesen, dass Ideen überzeugender wirken, je öfter man sie hört. Wir kennen das von den Rechten: Ein Tabubruch klingt absurd, aber endlos wiederholt ist er plötzlich mehrheitsfähig. Linke Tabubrüche und vermeintlich radikale Entwürfe finden dagegen öffentlich kaum statt. Deshalb gelten sie in dem Moment, in dem sie jemand ausspricht, als undenkbar, als »utopisch« eben. Wir sind sie nicht mehr gewohnt, empfinden die Utopie als lachhaft und kindisch. So geht viel Potenzial verloren, denn es gibt durchaus eine kritische Masse, enorm viele engagierte Leute in tollen linken Sportprojekten. Aber grundlegende Veränderung entsteht dort kaum. Wir müssen anders über Alternativen sprechen.

Mein Vorschlag dafür ist ein Institut für Sportutopie. Ein Institut, das als Netzwerker für viele lokale Projekte und zugleich als Plattform wirkt. Wo an Alternativen geforscht wird, offen für alle Menschen, bei Veranstaltungen Ideen in einem geschützten Raum auszuformulieren. Ein Ort, wo debattiert und auch ganz praktisch utopisch Sport getrieben wird, der Utopien denkbar macht und Debatten verstetigt. Und Forderungen stellt, sich einmischt in öffentliche Diskussionen. Fantastisch wäre ein deutschlandweites Netzwerk mit Sportklubs als Mitgliedern. Es wäre auch ein Ort des Wissens, an dem bestehende Alternativen gesammelt und Bildungsmaterialien herausgegeben werden sowie Bildungsprojekte stattfinden. Es gibt großen Bedarf für einen Ort des Widerstands im Sport. Veränderung ist erst möglich, wenn sie denkbar wird. Dafür brauchen wir die Utopie. Angesichts des drohenden Klimakollapses und der neuen faschistischen Oligarchien gilt: Fangen wir an, besser heute als morgen. 

Alina Schwermer

Jahrgang 1991, studierte Journalismus und Geschichte in Dortmund, Bochum und Sankt Petersburg. Sie ist Autorin mehrerer Bücher, u.a. »Futopia – Ideen für eine bessere Fußballwelt«.

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