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|Thema in ak 669: Black Planet

Der Mythos des Schwarzen Kapitalismus

Die Idee, das Geld in der Community auszugeben, erhält auch in Deutschland Auftrieb

Von Kofi Shakur

Münzen in verschiedenen Farben, mit Pfeilen, die auf die Münzen zeigen, im Hintergrund ein Globus
Konzepte wie Black Owned Business oder Schwarze Kaufkraft stellen Verbindungen zwischen persönlichen Konsumentscheidungen und dem Empowerment einer gesellschaftlich unterdrückten Gruppe her. Doch geht das auf? Collage: Kerstin Davies

Spätestens mit der letzten Aufmerksamkeitswelle für Black Lives Matter und einem für kurze Zeit gestiegenen Bewusstsein für den Rassismus, den Schwarze Menschen erleben, ist auch der Mythos von Black Capitalism in Deutschland angekommen. Das Magazin Beige etwa empfiehlt im Kampf gegen Rassismus: »Ihr könnt spenden oder damit beginnen, gezielt Black Owned Businesses zu unterstützen.« Selbst die PR-Abteilung von TikTok hat im Rahmen des Black History Month dazu angeregt, dass »Nutzer*innen ihre persönliche Story dazu mit der Community teilen und mehr Aufmerksamkeit für Schwarze Unternehmer*innen erzeugen«, und Google will in Maps ermöglichen, gezielt Black Owned Businesses zu finden.

Die Ursprünge

Hinter solchen Ideen steht eine Tradition, die vor über hundert Jahren in den USA entstanden ist und sich immer stärker in Schwarzen Communities weltweit verbreitet hat. Oft wird sie mit dem Schwarzen Nationalisten Marcus Garvey verbunden, einem der wichtigsten Vorläufer des späteren Black Power Movement. Garveys Universal Negro Improvement Association (UNIA) war die erste Schwarze Organisation mit Massenbasis in den Vereinigten Staaten und der Karibik. Ihre politischen Ansichten waren jedoch ambivalent. So begrüßte Garvey, in seiner Jugend selbst Gewerkschaftsaktivist, die Oktoberrevolution in Russland und verfasste nach dessen Tod einen Nachruf auf Lenin, betrachtete den Kommunismus allerdings als ein weißes System, das Ausbeutung und Unterdrückung nicht beenden würde. Stattdessen setzte seine Organisation auf Schwarzen Kapitalismus. Die UNIA gründete eine Reihe von Unternehmen, am bekanntesten darunter die Black Star Line. Damit sollten die von Garvey propagierten Pläne der Rückkehr nach Afrika umgesetzt werden. Die Schifffahrtslinie war an der Börse und verkaufte Aktien, konnte sich aber unter anderem wegen der Sabotage durch Agenten des FBI unter J. Edgar Hoover nicht lange halten.

Die Ideen konnten sich dennoch weiterhin behaupten. So zitiert die deutsche Website blackwallstreet.de Garvey mit den Worten »Spende dein Geld niemals außerhalb der Race«. Dahinter steht die angenommene Verbindung persönlicher Konsumentscheidungen mit dem politischen und ökonomischen Empowerment einer gesellschaftlich unterdrückten Gruppe. Der Name der Website spielt auf einen weiteren Mythos an. Die Black Wall Street, wie das wohlhabende Viertel Greenwood in Tulsa, Oklahoma genannt wurde, wurde 1921 durch einen rassistischen Mob zerstört. Der Name stellt bis heute einen Bezugspunkt für die Ideologie des Schwarzen Kapitalismus dar.

Das Konzept eines parallelen Schwarzen Marktes ist schon vor Garvey entwickelt worden. 1897 etwa erwähnte die erste Schwarze Jura-Professorin, Lutie A. Lytle, zum ersten Mal den Begriff Black Buying Power. Wie Kommunikationsforscher Jared Ball in seinem Buch The Myth and Propaganda of Black Buying Power schreibt, »arbeiteten sie ausdrücklich innerhalb der Logik, dass Schwarze Unternehmen der Schlüssel für die kollektive Verbesserung der Situation von Schwarzen wären.«

Ball verfolgt in seiner Arbeit die Entstehung des Mythos von Black Buying Power. Im Unterschied zum deutschen Begriff Kaufkraft wird Power in seiner populären Verwendung mit Macht auf politischer Ebene assoziiert, geht jedoch aus einem ähnlichen Konzept hervor. Die US-amerikanische Wirtschaft entwickelte den Begriff Buying Power, um in einer krisengeprägten Zeit Konsum anzuregen. Löhne sollten so genau bemessen werden, dass sie niedrig genug waren, um eine hohe Profitrate zu ermöglichen, aber hoch genug, um die produzierten Waren zu kaufen. Damit wird also nicht der Wohlstand der Arbeiter*innen gemessen, sondern lediglich ihre Möglichkeiten, sich zwischen einer berechneten Auswahl an Produkten zu entscheiden.

In den 1970er Jahren wurde aus Black Power die Forderung Black Buying Power.

Später wurde das Konzept von Schwarzen Unternehmer*innen aufgenommen, die neue Geschäftsbereiche erschließen wollten. Besonders die Eigentümer*innen von Schwarzen Zeitungen und Medienunternehmen verhalfen dem Mythos zu Bekanntheit. Durch die narrative Konstruktion eines potentiell zahlungskräftigen Schwarzen Marktes wollten diese Unternehmen Werbefirmen davon überzeugen, in Werbung in ihren Medien zu investieren, mit denen gezielt Schwarze Menschen angesprochen werden. In der Nachkriegszeit produzierte der Schwarze Medienunternehmer John H. Johnson das Video The Secret of Selling the Negro, das diese Idee weiter popularisierte. Durch sein Medienimperium konnte er die Botschaft einer aufstrebenden Mittelschichts-Black-Pride präsentieren, die für viele innerhalb des Schwarzen Amerika und innerhalb weißer Geschäftskreise attraktiv war. In den 1970er Jahren wurde daraus in Verbindung mit der Wirtschaftspolitik Nixons Black Power zu Black Buying Power im Sinne eines Schwarzen Kapitalismus umgedeutet, dessen Entwicklung die politische Radikalisierung in den Ghettos abfedern sollte. Diese Umdeutung verlief besonders erfolgreich, da wegen der Strategie der Aufstandsbekämpfung einige der radikalsten Stimmen des Civil Rights Movement und militanterer Organisationen wie der Black Panther Party zu diesem Zeitpunkt entweder ermordet, im Gefängnis oder im Exil waren.

Wie lange zirkuliert der Dollar?

Durch das gesamte politische Spektrum Schwarzer Widerstandsbewegungen – von Garvey über Malcolm X bis zu Killer Mike in seiner Netflix-Show Trigger Warning – zieht sich heute der Mythos, dass ein Dollar nur eine bestimmte Zeit in der Schwarzen Community zirkuliert. Nur dadurch, das Geld langfristig in der Community zu behalten, könnte auf Dauer Wohlstand geschaffen werden.

Auch das deutsche Rosa-Mag bezieht sich auf Black Buying Power. In einem Artikel über afrodeutsche Gründerinnen heißt es: »Zwar steigt die Kaufkraft von Schwarzen Menschen global an, doch sie geben weniger Geld für Black-Owned-Businesses aus als jede andere ethnische Gruppe der Welt.« So zirkuliere in den USA ein Dollar 28 Tage in der asiatischen Gemeinschaft, 17 Tage in den WASP (weiße, angelsächsische Protestanten) Communities; in der Schwarzen Community hingegen nur sechs Stunden. »Das bedeutet, dass 99 % der 1,3 Billionen Dollar Kaufkraft von Schwarzen Menschen in den USA außerhalb der Gemeinde ausgegeben werden«, so das Magazin. Die Quelle für die angebliche Summe von 1,3 Billionen Dollar sind Studien des Selig Center for Economic Growth am Terry College of Business in Georgia. Dazu schreibt Ball, die Behauptung, dass das African America rund eine Billion ›Kaufkraft‹ hätte, sei volkstümliche Mythologie ohne ökonomische Grundlage. Während der Mythos eine längere Geschichte hat, würde er heute durch falsche Interpretationen von Marktstudien des Selig Center verbreitet.

Afrodeutschegründer.de versucht sich in einem »Appell an die Kaufkraft« an einer ähnlichen Rechnung für Deutschland. Das Magazin berechnet ein Gesamtbruttoeinkommen der afrodeutschen Community aus dem prozentualen Anteil Schwarzer Menschen (1,25 Prozent), der Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter und dem deutschen Durchschnittseinkommen und kommt so auf 1.863.456.000 Euro im Monat. Dabei dient das durchschnittliche Einkommen eines Deutschen als Grundlage – es kann allerdings bezweifelt werden, dass die Auswirkungen von Bildungsungerechtigkeit und Rassismus auf dem Arbeitsmarkt Schwarzen Menschen ähnlich viel finanzielle Mittel zu Verfügung lassen. Schließlich ist Einkommen auch nicht frei verfügbar; immer mehr davon wird von steigenden Mieten beansprucht, dann kommen allgemein steigende Lebenshaltungskosten zum Tragen und die finanzielle Unterstützung von Angehörigen in afrikanischen Ländern.

Schwarze Menschen verfügen einfach nicht über das Kapital, das andere Unternehmen und Banken in Jahrhunderten kolonialer und imperialer Ausbeutung anhäufen konnten. Daher muss sich zum Beispiel die Schwarze Modemesse CURLCON von dem weißen Unternehmen Cantu unterstützen lassen, das, wie so viele andere, die auf der Jagd nach der Schwarzen Kaufkraft ist – einem anderen weißen Unternehmen gehört. 2017 wurde PDC Brands, zu deren Portfolio Cantu gehört, von der luxemburgischen CVC Capital Partners gekauft, einem der zehn größten Private-Equity-Unternehmen der Welt.

Eine Frage der Produktionsverhältnisse

Die Schlussfolgerung der Zirkulationsargumente: Statt eine soziale Wirtschaftspolitik, bessere Arbeitsbedingungen, höhere Steuern für Reiche und die Vergesellschaftung von Großunternehmen zu fordern, werden die Armen für ihre Armut selbst verantwortlich gemacht, da Armut aus dieser Perspektive kein Ergebnis strukturell ungleicher Eigentumsverhältnisse, sondern schlechter individueller Entscheidungen ist.

Reichtum oder Wohlstand entstehen aber grundsätzlich nicht dadurch, dass Geld in Communities zirkuliert, sondern durch die Produktionsverhältnisse. Es ist der Mehrwert der menschlichen Arbeit, der sich als Gewinn realisiert, den Unternehmen für ihre Expansion wieder investieren. Weil Arbeiter*innen weniger Lohn bekommen, als sie durch ihre Arbeit an Wert produzieren, entsteht auf der einen Seite Armut und auf der anderen übermäßiger Reichtum. Keine Konsumentscheidung kann dieses soziale Verhältnis zwischen Bourgeoisie und Lohnabhängigen beeinflussen.

Kofi Shakur

studiert im Master Afrikawissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin, ist Redakteur der kritischen Studierendenzeitschrift HUch und arbeitet als Studentische Hilfskraft im Fachbereich Afrikanische Geschichte.