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|Thema in ak 660: Medikamente

Keine Pille für den Mann

Der Geschlechterforscher Fabian Hennig über Männlichkeit als Hindernis in der Forschung zu Verhütungsmitteln

Interview: Anne Meerpohl

Patriarchale Strukturen bestimmen medizinische Forschung ebenso wie alle anderen Lebensbereiche. Die Verknüpfung von geschlechtlicher Diskriminierung und Wissenschaft haben schon diverse Feminist*innen aufgezeigt und sich jahrzehntelang dagegen engagiert. Die Auswirkungen dieser Strukturen zeigen sich in mangelnder Forschung zu nicht binären, trans und weiblichen Körpern. Die Beispiele reichen von der weitverbreiteten und wenig bekannten Endometriose bis hin zum Abbruch von Studien, die das Bild von Männlichkeit ins Wanken bringen könnten. Dazu gehört die Frage nach der Zeugungsverhütung, also die Entwicklung von männlichen Verhütungsmethoden. Ungefähr fünfzig Jahre nach Beginn der Forschung gibt es immer noch keine akzeptablen Ergebnisse. Fabian Hennig forscht zu dem Thema unter der Frage: »Warum gibt es keine Pille für den Mann?«

Inwiefern beinträchtigen patriarchale Strukturen die medizinische Forschung?

Fabian Hennig: Sie prägen maßgeblich Forschungsfragen und ihre Ergebnisse und erleichtern beziehungsweise erschweren je nach Themenfeld die Wege. Das lässt sich zum Beispiel daran erkennen, dass an neuen Methoden der Zeugungsverhütung bereits seit den 1970er Jahren gearbeitet wird, es aber immer noch nicht zu einem marktfähigen Produkt gekommen ist. Gerade zu hormonellen Methoden gab es immer wieder vielversprechende Studien, die ohne oder mit fragwürdigen Begründungen abgebrochen wurden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat unter anderem eine Studie durchgeführt, die bereits relativ weit vorangeschritten war und die die Wirksamkeit von hormonellen Mitteln aufgezeigt hat. Sie wurde dann mit dem Verweis auf Nebenwirkungen wie zum Beispiel Stimmungsschwankungen und depressive Verstimmungen abgebrochen. Wenn man den Beipackzettel der Antibabypille zur Hand nimmt, sind solche Nebenwirkungen keine unbekannten Phänomene. In dem Abbruch der Studie zeigt sich also der geschlechtliche Doppelstandard. Gesundheitliche Folgen für den weiblichen Körper werden in Kauf genommen, während sie bei Männern als inakzeptabel gelten.

Mit welcher Begründung?

Die verantwortlichen Mediziner*innen begründen das mit einer etwas umständlichen individuellen Kosten-Nutzen-Rechnung: Für gebärfähige Personen würde es sich gesundheitlich rentieren, hormonell zu verhüten, da das Thromboserisiko mit der Pille zwar verstärkt ist, aber während einer Schwangerschaft noch viel höher wäre. Bei Männern würde sich dieses erhöhte Thromboserisiko mit einem hormonellen Mittel nicht lohnen, da sie beim Mann ja nicht das Gesundheitsrisiko Schwangerschaft verhüten. Abgesehen davon spielt in der Begründung das Thema Familienplanung überhaupt keine Rolle, so als ob Männlichkeit davon losgekoppelt wäre und als wäre das nicht das zentrale Anliegen eines Verhütungsmittels. Dass die Forschung allgemein so schleppend verläuft, liegt meines Erachtens zum einen daran, dass Männlichkeit und Familienplanung oft nicht miteinander in Verbindung gebracht werden. Es wird eher auf eine Verknüpfung von Weiblichkeit und der Mutterrolle hingewiesen. Zum anderen hängt es mit der Überhöhung männlicher Potenz, Sexualität und Fruchtbarkeit im Vergleich zu anderen zusammen.

Welche Akteur*innen sind dabei relevant?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spielt eine große Rolle bei der wissenschaftlichen Vernetzung und führt eigene Studien und Vernetzung zu dem Thema weltweit durch, was bei Medikamenten eher ungewöhnlich ist. Eigentlich wird im Kapitalismus die Forschung und Entwicklung von Medikamenten von der Pharmaindustrie vorangetrieben. Bei den neuen männlichen Verhütungsmethoden war das immer wieder der Fall. Inzwischen haben sich die großen Pharmakonzerne weitestgehend aus dem Forschungsfeld zurückgezogen, meistens ohne Begründungen dazu oder mit dem Verweis, dass Männer so ein Produkt nicht kaufen würden. Carl Djerassi, einer der Entwickler*innen der Antibabypille, hat zum Beispiel gesagt, dass die Pharmaindustrie bei einem männlichen Äquivalent um einen Einbruch im Markt fürchte, wenn die Hälfte der weiblichen Konsument*innen wegfallen würde, weil bei einem heterosexuellen Paar nur einmal verhütet werde. Neben der WHO sind weltweit Mediziner*innen und Androlog*innen eine weitere Personengruppe, die sich mit dem Thema befasst und die sich aktiv für Mittel zur Zeugungsverhütung. Zum Beispiel verfassten Wissenschaftler*innen Ende der 1997 das »Manifest zur männlichen Kontrazeption« als Appell an die Pharmaindustrie und die Politik, oder vorletztes Jahr erschien das »Zweite Pariser Manifest« im Rahmen eines Kongresses des International Consortium for Male Contraception. Abgesehen davon sind nationale Regierungen und ihre Gesundheits- und Bevölkerungspolitiken auch relevant. Ihnen geht es dann oft um die Bekämpfung von Armut mit Kontrazeptionstechnologie. Leider sind auch die engagierten Mediziner*innen von solchen Gedanken nicht frei, wenn sie in ihrem Manifesten neben der reproduktiven Gesundheit ökologische Gründe für die Entwicklung neuer Mittel anführen.

Gibt es bisher Engagement, diese Verzahnung von medizinischer Forschung und Patriarchat abzubauen?

Seit den 1970er Jahren haben eigentlich ausschließlich Feminist*innen das Fehlen neuer männlicher Kontrazeptiva, das Patriarchat und Androzentrismus in der Medizin kritisiert. Die gerade genannten Manifeste mögen von feministischem Gedankengut beeinflusst sein, sind aber sicherlich kein genuin antipatriarchales Engagement. Sie artikulieren zwar die Notwendigkeit einer Bewegung, es gibt aber keine, auf die sie sich berufen könnten. Kein Mann geht für seine Pille demonstrieren. Allerdings gab und gibt es ein paar profeministische Männergruppen, die an thermalen Methoden arbeiten und mit ihren eigenen Geschlechtsorganen experimentieren. So etwa die Zürcher Hodenbader in den 1980ern. Wie auch andere der antisexistischen Männergruppen waren sie in einem linksautonomen Spektrum verortet. In Frankreich gibt es derzeit immerhin zwei bis drei Gruppen, die etwa DIY-Workshops zur Anfertigung von Verhütungsunterhosen anbieten, sowie Ärzte und Einzelne, die die thermale Methode weiterentwickeln. Solches Engagement wird schnell als Schrulle abgetan. In Deutschland ist es unbekannt.

Wie würdest du die aktuelle Debatte um Methoden der Zeugungsverhütung einschätzen?

In den Medien wird inzwischen aufgegriffen, dass neue Verhütungsmethoden einen Weg aus der geschlechtlichen Arbeitsteilung beim Thema Kontrazeption weisen könnten. Das Kondom wird häufig als störend dargestellt und die Vasektomie spielt als nicht-reversible Methode kaum eine Rolle. In Umfragen geben für Deutschland knapp 70 Prozent der befragten Männer an, neue männliche Kontrazeptiva zu wollen. Weltweit zeigt sich eine ähnliche Tendenz. Meinungsumfragen bewegen sich aber auf der Ebene der Ideale. Offen bleibt, warum es eine sogenannte Pille für den Mann immer noch nicht gibt. Andere Studien deuten darauf hin, dass die Befragten eine Anwendung davon abhängig machen, dass derartige Mittel frei von jeglichen Nebenwirkungen sind, kostengünstig, absolut sicher und keine dauerhaften Auswirkungen auf die Virilität haben. Medikamente haben aber fast immer Nebenwirkungen. Ich denke, diese Diskussion verweist auf männliche Potenzängste.

Welche Methoden zur Zeugungsverhütung gibt es neben dem Kondom und wie bekannt sind sie deiner Einschätzung nach?

In Deutschland verwenden 46 Prozent der sexuell Aktiven das Kondom; neben der Pille gehört es zu den meist verwendeten Verhütungsmitteln. Die geschlechtliche Konnotation ist hier allerdings nicht eindeutig. Es wird zwar am männlichen Körper angewandt, aber nur weil ein Typ ein Kondom benutzt, heißt es zum Beispiel noch lange nicht, dass er es auch gekauft, gewünscht oder angesprochen hat. Die Vasektomie ist eine der sichersten und kostengünstigsten Methoden, aber laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung verhüten in Deutschland gerade mal drei Prozent der sexuell Aktiven so. Es ist interessant, wie unterschiedlich der Umgang international ist. In Neuseeland zum Beispiel sind 18 Prozent der Männer vasektomiert. Die thermalen Methoden sind in Deutschland unbekannt. Die Hoden werden hier erwärmt, um die Spermatogenese zu hemmen. Die Züricher Hodenbader badeten ihre Hoden täglich eine Dreiviertelstunde in 45 Grad warmem Wasser. Durch den »Toulouser Eierheber«, eine Verhütungsunterhose, werden die Hoden beim Tragen in den Leistenkanal gedrückt und hierdurch auf Körpertemperatur erwärmt. Sie muss 15 Stunden am Tag getragen werden. Wirksam sind diese Methoden erst nach einigen Wochen; ob es funktioniert, muss jeder Mann individuell mit einem Spermiogramm überprüfen. In Frankreich gibt es mit Roger Mieusset einen Arzt, der bereits 150 Männer bei dieser Methode betreut hat und dazu forscht, aber ansonsten gibt es kaum Studien dazu, weshalb Nebenwirkungen unbekannt sind. Weitere Forschung ist deshalb angebracht.

Wie sind diese natürlichen Methoden zugänglich?

Die thermalen Methoden sind hauptsächlich aus profeministischen Männerkontexten in Frankreich und in der Schweiz entstanden. Sie wurden als DIY-Konzepte entwickelt, also mit der Intention, dass Männer ihren Körper kennenlernen, sich die Methode gegenseitig beibringen und auch selbst basteln, was wohl vielen zu aufwendig ist. Die Züricher Hodenbader fanden das nicht nur antipatriarchal, sondern auch antikapitalistisch, weil sich eine solche Methode nicht vermarkten lässt. Den »Toulouser Eierheber« kann man noch nicht regulär erwerben, aber sich bei einer Gruppe in der Bretange bestellen oder von Roger Mieusset verschreiben lassen. Zwei weitere Variationen der thermalen Methode sind inzwischen online erhältlich, zum einen die Unterhose »Spermapause« mit integrierten Heizkissen und dann einen Silikonring, der unter dem Namen »Androswitch« vermarktet wird. Man muss die Wirksamkeit dieser Methode regelmäßig mit einem Spermiogramm überprüfen. Allerdings braucht man dafür nicht unbedingt ein eigenes Labor wie die Züricher Hodenbader. Man kann dafür auch einfach zum Andrologen gehen.

Geschlechterforscher Fabian Hennig

Fabian Hennig

ist Geschlechterforscher. Er beschäftigt sich mit der Konstruktion von Männlichkeit in Bezug auf Verhütung und der Frage, wie sich männliche Subjektivität transformiert. Sein aktuelles Forschungsprojekt heißt »Kontrazeptionspolitik und Männlichkeit – Die Transformation von Männlichkeit im Diskurs um neue männliche Verhütungsmittel«. Abgesehen davon interessiert er sich für materialistischen Feminismus, Posthumanismus, Sexualität und Geschlechterverhältnisse,

Anne Meerpohl

Anne Meerpohl schreibt in freudiger Erwartung des Endes des Patriarchats. Sie lebt in Hamburg und beschäftigt sich mit queerfeministischen Themen in Form von Illustrationen, Malerei und Texten. Im Fokus steht dabei eine Utopie von Geschlechtlichkeit, Sexualität und Körpern.