analyse & kritik

Zeitung für linke Debatte & Praxis

|Thema in ak 657: Feminismus 2020

»Wir wollen den Alltag politisch verhandeln«

Der Frauenstreik ebnet neue Wege, um aus der Logik des politischen Aktivismus auszubrechen

Von Franziska Trillian, Malin Ford und Selina Arthur

Feministische Kämpfe haben immer die Tendenz, die Grenzen der verschiedenen Sphären der bürgerlichen Gesellschaft zu sprengen: Was privat organisiert ist, wird in die Öffentlichkeit gezerrt und im besten Fall kollektiv neu gestaltet. Einen politischen Ausdruck für das zu finden, was sonst vereinzelt, unsichtbar und quasi natürlich stattfindet, fühlt sich nicht nur ganz wunderbar an. Darin verbirgt sich auch eine Form der Organisierung, die uns weiterbringt als die linksradikale Politik, an der wir uns sonst versuchen. 

Mit dem feministischen Streik 2019 haben wir zu einem radikaleren Mittel gegriffen als in den letzten Jahren, was zu einer Vergrößerung und Stärkung der feministischen Bewegung geführt hat. Anstatt nur zu demonstrieren, sollten Lohnarbeit und unbezahlte Hausarbeit bestreikt werden, genauso wie die oft unsichtbar gemachte Sorgearbeit in Familie und Freundinnenkreis. Die Dimension des Privaten und auch des Sozialen wurde in der Organisation zum feministischen Streik ganz selbstverständlich mitpolitisiert und ins Außen getragen, weil weibliche Arbeit ja nicht nur putzen, sondern auch pflegen, summen und streicheln ist. Diese Form des Streiks sollte das Patriarchat auf verschiedenen Ebenen treffen, im Öffentlichen und im Privaten. Und sie sollte Druck aufbauen, anstatt zu appellieren. Aufregend daran war, dass der politische Streik als Kampfmittel auf einmal wieder bis ins bürgerliche Lager hinein diskutiert wurde. Auch die selbstbewussten Regelübertritte, die Platzbesetzungen und die Kollektivierung der Reproduktionsarbeit am 8. März selbst waren spannend. Beeindruckend auch, wie wenig ermüdend sich die politische Arbeit für uns anfühlte, und wie viele Freundinnen und Genossinnen aus Hamburg und bundesweit ganz ähnliches erlebt und wahrgenommen haben wie wir. Besonders inspirierend fanden wir aber vor allem die Form der Organisierung um den feministischen Streik, die sich vielfach von dem unterscheidet, was wir sonst in der politischen Praxis erleben. 

Endlich die anerzogene Passivität durchbrechen

Im 8. März-Bündnis haben wir nochmal neu gelernt, unsere Erfahrungen in Worte zu fassen und politisch zu diskutieren. Wir stellten nicht nur immer wieder fest, dass wir mit ihnen nicht alleine waren, sondern machten sie auch bearbeitbar und kamen aus unserer anerzogenen Passivität heraus. Wir wurden tendenziell als ganzheitliche Person zum Thema – und nicht wie sonst in unserer Praxis ausschließlich als Antifaschistinnen, Arbeitslose oder Aktivistinnen. Wir blieben nicht beim Erfahrungsaustausch stehen, sondern begannen die erlebten Demütigungen, die Ungerechtigkeit und die alltäglichen Widerlichkeiten des Patriarchats gemeinsam praktisch zu bearbeiten.

In unserer sonstigen politischen Praxis haben wir oft das Gefühl, nur an der Oberfläche zu kratzen. Anders als oft angenommen liegt das nicht daran, dass wir alle schlechte Kommunistinnen sind, die sich einfach nicht ausreichend für Arbeiterinnen interessieren. Wir scheitern nicht, weil wir uns nicht genug anstrengen. Wir scheitern daran, dass die Gesellschaft so eingerichtet ist, dass wir immer wieder dazu neigen, die Arbeiterinneninteressen als etwas uns Außenstehendes zu begreifen. Das hat mit dem Kapitalismus zu tun; damit, wie unsere Erfahrungen in ihm organisiert sind und damit, dass in der Öffentlichkeit der Kern unseres Alltags »Intimität – Heranwachsen, Liebe, Verlust – und (die) Arbeitswelt« (1) zwar diskutierbar, aber nicht wirklich verhandelbar ist. Wir erleben das zum Beispiel, wenn uns die Supernanny und irgendwelche Bildungsministerien auf allen Kanälen mit Erziehungstipps überschütten, wir aber im Mietshaus wie selbstverständlich isoliert, überfordert und vereinzelt Windeln wechseln: Der Kern von Gesellschaft wird diskutiert, aber nicht angefasst.

Wenn unsere Politik so angelegt ist, dass wir die bürgerliche Öffentlichkeit als Hauptadressatin unserer Praxis begreifen und mit Demonstrationen, Podiumsdiskussionen und Kampagnen nur auf die öffentliche Sphäre einwirken wollen, stellen wir uns immer wieder außerhalb unserer eigenen Kritik der Welt. Ein Großteil unseres Alltags bleibt dabei aus der Praxis ausgeschlossen und unorganisiert. Folge davon ist, dass linke Organisierung nur während des politischen Aktivismus stattfindet, wir also nur in unseren politischen Kämpfen zusammenkommen. So bleibt unser Aktivismus einer arbeitsähnlichen Verwertungslogik untergeordnet. Eine grundsätzliche(re) Politik wird überflüssig. Da unsere Tätigkeiten nicht die Verlängerung unserer eigenen Wünsche sind, sondern einer uns außenstehenden Logik gehorchen, können wir unsere Praxis nicht an der Befriedigung dieser Wünsche messen, sondern nur daran, wie viele Menschen auf unserer Demo waren. Die politische Arbeit wird zum Selbstzweck.

Den Alltag verhandeln

Dieser Prozess sorgt dafür, dass wir oft müde werden und manchmal ganz schön genervt. Jeden Monat treffen wir eine Genossin mit Burnout, aber der Revolution kommen wir kein Stück näher. Beim feministischen Streik ist etwas ganz Gegenteiliges passiert, weil in ihm angelegt war, uns als ganzheitliche Personen zum Thema zu machen und unseren Alltag politisch zu verhandeln. Dort haben wir damit begonnen, uns mit der Gesamtheit unserer Erfahrungen zu organisieren und uns nicht mehr nur an der Öffentlichkeit die Zähne auszubeißen. Anders als sonst, konnten wir die Kämpfe, die wir in unseren verschiedenen Lebensbereichen meist isoliert voneinander führen, zusammenbringen und durch die gemeinsame Praxis des Streiks gegen das Patriarchat aufeinander beziehen: Von den Auseinandersetzungen um das Recht auf körperliche Selbstbestimmung, über die beschissenen Arbeitsbedingungen im Care-Sektor, dem Kampf gegen sexualisierte Gewalt bis hin zur unbezahlten Reproduktionsarbeit, die wir machen. Gleichzeitig waren wir Subjekt unserer eigenen Praxis, die die Transformation unseres alltäglichen Lebens zum Ziel hatte. Der Streik sollte so eine kollektive Praxis sein, die alle Bereiche des Lebens betrifft, auch die, in denen wir vereinzelt auftauchen und kämpfen. Es gelang uns – zumindest ein Stück weit – in Form einer kollektiven basisdemokratischen Organisierung die Entpolitisierung unserer Einzelerfahrungen aufzuheben und es entstand etwas neues jenseits der Ohnmacht: Auf einmal waren wir dazu in der Lage, eigene Interessen und Bedürfnisse gesellschaftlich zu organisieren, das heißt, sie mit dem großen Ganzen der Gesellschaft in Verbindung zu setzen. Diese organisierte gesellschaftliche Erfahrung begegnete uns in einem von unseren Einzelerfahrungen verändertem Zustand – wir erlebten uns als wirkmächtig. 

Jeden Monat treffen wir eine Genossin mit Burnout, aber der Revolution kommen wir kein Stück näher.

An uns selbst haben wir bemerkt, wie wir im Lauf der Organisierung immer mehr von Sprecherinnen für einzelne Zusammenhänge oder einer politischen Agenda, zu Sprecherinnen für unsere Bedürfnisse und politische Begehren wurden. Unsere eigene private, vereinzelte und unsichtbare Arbeit in die Öffentlichkeit zu bringen und kollektiv zu organisieren wurde für uns ganz organisch immer zentraler. Im Frauen*streik in Hamburg gab es eine überraschende Begeisterungsfähigkeit und eine erstaunliche Radikalität in den politischen Forderungen und der gewählten Praxis, obwohl es sich nicht um eine linksradikale Szeneveranstaltung handelte. Es wurden kein einziges Mal Forderungen laut, weniger radikal aufzutreten, um mehr Menschen anzusprechen; weder am Tag selbst noch in der Vorbereitung. In der Auseinandersetzung mit dem Reproduktionsstreik etwa wurde schnell klar, dass unsere Forderung nach Vergesellschaftung der Reproduktionssphäre, dem Ende der geschlechtlichen Binarität und den damit einhergehenden Arbeitsanforderungen an FLINT (2) – innerhalb des Kapitalismus gar nicht umsetzbar sind, und deshalb radikalere Forderungen nach grundlegenden gesellschaftlichen Umwälzungen gestellt werden müssen. So führte der radikalere Gestus eher zu mehr Begeisterung und Zuspruch. Die Organisation des Streiks war relativ unübersichtlich, offen und aus den praktischen Herausforderungen organisch gewachsen. Entscheidungen wurden getroffen – aber auch immer wieder gekippt. Es tauchten immer wieder neue Leute und Projekte auf, die sich am Streik beteiligten, ohne dass es einen Zwang zur Vereinheitlichung der Praxis gab. Wir haben die Tendenz beobachtet, dass immer wieder neue Erfahrungen aus unterschiedlichen Lebensbereichen in die Organisation mit einbezogen wurden. 

Tatsächlich ist der Streik in der Bundesrepublik aber gescheitert. Nur wenige FLINT haben die Arbeit verweigert, und das meist in sehr individualisierten Formen. Um tatsächlich die Voraussetzungen zu schaffen, massenhaft kollektiv zu streiken und so unsere Forderungen und politischen Begehren mit einem wirksamen Druckmittel durchzusetzen, scheint in den nächsten Jahren noch viel Aufbauarbeit nötig zu sein. Für uns war der gesamte Prozess der Organisierung vor allem einer des Lernens: Während wir zu Beginn noch sehr damit beschäftigt waren, über Flyerdesign und Demorouten zu diskutieren, wuchs das Begehren nach der gemeinsamen Organisierung mit dem Arbeitsprozess. Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen und wir werden hoffentlich in den nächsten Jahren immer konkretere Vorstellungen davon entwickeln können, wie wir uns als Bewegung organisieren können. Wenn wir uns überlegen, wie wir unseren Alltag verändern wollen, werden wir neben unseren Streikbündnissen auch in unsere Mietshäuser, Betriebe, Stadtteile umziehen müssen. Dort werden wir vielleicht auch merken, dass wir Kommunistinnen dem ganzen Geknechte im Patriarchat und Kapitalismus oft ganz ähnlich ohnmächtig gegenüberstehen wie die meisten anderen auch. Diesen Zustand können wir nur kollektiv bewältigen. Gleichzeitig muss das nicht bedeuten, dass wir uns alle mit unseren Nachbarinnen organisieren. Viel eher müssen wir in unseren verschiedenen Projekten die Organisierungsfrage in den Vordergrund stellen, unseren Alltag und unsere Erfahrungen Teil unserer politischen Projekte werden lassen. Dann wird sich der Erfolg unserer Praxis nicht mehr an der gesichtslosen Teilnehmerinnenzahl auf Großdemonstrationen messen, sondern an den Beziehungen, die wir während des Entstehungsprozesses miteinander aufbauen. Den 8. März in Zukunft nicht nur als einzigen feministischen Streiktag im Jahr, sondern als einen Tag unter vielen zu begreifen, kann ein Weg dorthin sein. Dies ist der Ernsthaftigkeit unseres Ziels, Patriarchat und Kapitalismus abzuschaffen, wohl auch angemessen.

Selina Arthur

Selina Arthur ist in verschiedenen linken Zusammenhängen aktiv, glückliche Langzeitarbeitslose und hat schon in der Schule gerne gestreikt.

Malin Ford

Malin Ford macht gewerkschaftliche Bildungsarbeit und liebt theoretische und praktische Auseinandersetzungen mit Kämpfen im Care-Bereich und sowieso jede Art von Arbeitskampf.

Franziska Trillian

Franziska Trillian arbeitet als Jugendbildungsreferentin und ist Kommmunistin, was für sie bedeutet, auch für sich selbst ein besseres Leben zu erkämpfen.

Anmerkungen:
1) Wir beziehen uns hier – nicht nur beim Zitieren – auf Oskar Negt & Alexander Kluge (2016): Öffentlichkeit und Erfahrung: Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit.
2) FLINT steht hier für »Frauen, Lesben, Inter-, Nicht-binäre- und Transpersonen«.