Fauler Vater
Von Jacinta Nandi
Ich gucke ein Insta-Reel einer feministischen Alleinerziehenden an, die sich SPEZIFISCH über ihren Ex-Mann beschwert und über faule Väter IM ALLGEMEINEN. Sie beschwert sich über ihren Ex-Mann und faule Väter, weil sie so so so so so so TOTAL TOTAL TOTAL faul sind. Sie kaufen dem Kind Donuts zum Frühstück. Sie schicken ihre Kinder mit unterschiedlichen Socken in die Schule. Sie lesen ihren Kindern keine Gute-Nacht-Geschichten vor. SIE BÜRSTEN IHRE HAARE NICHT und wissen teilweise gar nicht, wie oft ihre Kinder sich die Haare bürsten sollten.
PLÖTZLICH erinnere ich mich an einmal, neulich, ganz neulich, als ich meinem Sohn eine Geschichtensammlung ans Bett brachte und ich sagte tonight we will have lots of stories, not just one story. Und er freute sich so sehr. Und ich freute mich auch. Ich freute mich, weil er sich freute. Wir freuten uns einfach.
Aber dann stellten wir fest, dass er sich freute, weil er dachte, er dachte nämlich …
Dass das Wort Stories in der Mehrzahl immer Insta-Stories bedeuten würde und dass ich vorhätte, statt ihm was vorzulesen, ihm alle Stories auf Insta zu zeigen, dass wir zusammen im Bett liegen und unser Einschlafritual sein würde, gemeinsam Insta-Stories anzuschauen (klingt richtig gemütlich oder?).
Und dann erinnere ich mich, wie ich im Sommer versucht hatte, ihm »Narnia« von C. S. Lewis vorzulesen, und dass eins meiner Argumente für das Buch war, dass es bald ins Kino käme, und er rief: »KEINE SPOILER, KEINE SPOILER, KEINE SPOILER, DU SPOILST DEN KINOFILM GERADE!« und ich rief: »DAS ORIGINALE BUCH LESEN IST KEIN SPOILERN!« und er rief: »LA LA LA LA LA«, hielt sich mit den Händen die Ohren zu und schrie: »HÖR AUF, MIR DEN FILM ZU SPOILERN!«, und ich schaute ihn an und dachte: Mein Gott, dieses Kind ist wirklich schlecht erzogen! Peinlich.
Und jetzt kriege ich eine Identitätskrise. Vielleicht bin ich GAR KEINE FEMINISTISCHE ALLEINERZIEHENDE. Vielleicht BIN ich einer DIESER FAULEN VÄTER, über die sich FEMINISTISCHE ALLEINERZIEHENDE bei INSTAGRAM beschweren, gefangen im KÖRPER einer feministischen ALLEINERZIEHENDEN.
Man, was für ein Pech.
Vielleicht, wenn ich mit dieser feministischen Alleinerziehenden ein Kind hätte, und wir uns trennen würden, würde die sich genauso über mich beschweren wie über die faulen Väter.
Ich rufe meinen Sohn zu mir, er kommt neugierig. »Wie oft bürstest du deine Haare?«, frage ich. »Beim Papa mache ich das«, sagt er. »BEIM PAPA«, sage ich. »Jedes zweite Wochenende? Du sollst das öfter machen!«
Er: »Was bei dir auch?«
Ich: »Ja. Bei Mama sollst du auch mal die Haare bürsten.«
Er: »Ich dachte, dass man bei der Mama nur die Haare bürstet, wenn man auf eine Hochzeit geht.«
Ich bin ein fauler Vater, ein fauler Mann, denke ich, aber heimlich frage ich mich, ob faul wirklich so ein Schimpfwort sein sollte. Statt über faule Männer zu lästern, sollten wir feministischen Alleinerziehenden für faulere Männer plädieren. Oder?
Wäre es nicht schön, wenn Trump ein bisschen fauler wäre? Wenn er MEHR Golf spielen und seine ganzen Meetings verpassen würde? Wenn Putin faul wäre, wenn Netanjahu faul wäre, wenn ELON MUSK faul wäre. Ich wünsche mir, Elon Musk wäre FAUL. So richtig faul und dass er nur kiffen würde, statt Ketamin und Koks zu nehmen, und Europa in Ruhe lassen würde. Wenn Johnny Depp ein fauler Loser wäre, hätte er den Termin zum Einreichen der Gerichtsdokumente verpasst. WENN HITLER FAULER GEWESEN WÄRE, irgendein Wissenschaftler hat neulich herausgefunden, dass Adolf Hitler angeblich total faul gewesen sei und bis mittags geschlafen habe, ich wünschte mir, er wäre TOTAL TOTAL TOTAL FAUL gewesen und hätte den ganzen Tag geschlafen, ein bisschen Gaming vielleicht zwischendurch, und dass er niemanden getötet hätte, sein ganzes faules, entspanntes Leben lang. Ich wünschte, Jack the Ripper wäre faul gewesen. Ganzen Tag als Arzt arbeiten, ganze Nacht Sex-Workerinnen töten, warum hat er sich nie eine Pause gegönnt?
Ich wünsche mir faule Väter und faule Söhne überall.
Ich schaue mir meinen Sohn an und entscheide, dass es meine feministische Pflicht ist, die neue Generation fauler Männer zu erziehen.
»Ich liebe deine Haare, wenn sie ungekämmt sind«, sage ich. »Du siehst aus wie Heathcliff!«
»Ich weiß nicht, wer das ist«, sagt er, und ich nicke. Wahrscheinlich wird er das nie wissen. Wer mit neun kein Narnia lesen will, wird nie Wuthering Heights erobern.
