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|ak 729 | Geschichte

Wessen (Konter)Revolution?

Viele politische Kräfte reklamieren für sich das Erbe des ungarischen Aufstands von 1956

Von Ewgeniy Kasakow

Man sieht einen kaputten Stalin-Denkmal-Kopf.
Nach Stalins Tod gab es in vielen Ostblockstaaten Proteste und, wie hier in Budapest, Denkmalstürze. In Ungarn liefen Teile des Gewaltapparats zu den Aufständischen über. Foto: Fortepan adományozó HOFBAUER RÓBERT/Wikipedia , CC BY 3.0

1974 erschien bei Merve, einem der wichtigsten Verlage der bundesdeutschen radikalen Linken zu dieser Zeit, ein Band mit dem Titel »Die Neue Linke in Ungarn«. Einer der Autoren, András Hegedüs, kannte die Hintergründe der Ereignisse vom Herbst 1956 nicht aus zweiter Hand. Er war selbst als einer der führenden Akteure daran beteiligt gewesen – und zwar auf der Seite der Gegner des Aufstands.

Vom April 1955 bis Oktober 1956 hatte Hegedüs das Amt des Regierungschefs der Ungarischen Volksrepublik bekleidet. Am 28. Oktober 1956 forderte er den militärischen Beistand der sowjetischen Truppen und setzte sich einen Tag darauf in die Sowjetunion ab. Inzwischen aber, als er für den Merve-Verlag schrieb, war Hegedüs ein linker Kritiker des ungarischen »Gulaschkommunismus« geworden, verurteilte den Einmarsch des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei 1968 und korrespondierte mit den Linken im Westen. Allein: Die Begeisterung vieler seiner westlichen Diskussionspartner*innen über den »Arbeiterwiderstand« in Ungarn 1956 schien er nicht zu teilen.

Die Deutungen der blutigen Ereignisse von 1956 sind sehr vielfältig: eine konterrevolutionär-faschistische Rebellion; ein Ergebnis von Verwirrung der Massen durch »Revisionismus« auf der Grundlage von verständlicher Wut über »Dogmatismus«; ein »Volksaufstand« gegen »Totalitarismus«; ein Kampf für Demokratie, Marktwirtschaft und »europäische Werte«; ein Kampf für den ungarischen Nationalstaat und seine christliche Kultur; eine Arbeiter*innenrevolte gegen Bürokratismus und für »wahre Rätemacht«. Alle diese Interpretationen versuchen, eine Eindeutigkeit zu schaffen, die während der Ereignisse selbst nicht vorhanden war. Nachträgliche Deutungen sollen eine Identifikation in der Gegenwart erleichtern und streichen die unbequemen Tatsachen aus der Erinnerung.

Die Ausgangslage

Die Startbedingungen für den Aufbau eines Sozialismus nach sowjetischem Modell waren in Ungarn nach 1945 bei weitem schwieriger als etwa in der Tschechoslowakei oder Polen. Ungarn wurde von der Sowjetunion nicht als ein befreites, sondern als ein besiegtes Land betrachtet. Es musste das seit Langem umstrittene Transsylvanien an Rumänien abtreten, in der Tschechoslowakei wurde die ungarische Bevölkerung enteignet und vertrieben, zudem mussten Reparationszahlungen geleistet werden.

In dem agrarisch geprägten Land waren Arbeiter*innen deutlich in der Minderheit. Die kommunistische Partei (MKP) hatte sehr wenig Rückhalt, sodass viele Kommunist*innen zunächst entristisch in der Sozialdemokratie wirkten. Die sozialdemokratische SZDP ging jedoch ihrerseits für den Erhalt des legalen Status Absprachen mit dem autoritär-korporativen Regime von Miklós Horthy (1920–1944) ein. Der rechte Flügel war sogar bereit, den Eintritt in den Zweiten Weltkrieg mitzutragen. Eine Besonderheit von Ungarn war auch der starke Rückhalt der Nazi-Opposition (Pfeilkreuzerbewegung) zu Horthy, die 1944 mit deutscher Hilfe die Macht übernahm, im Industrieproletariat. Als Partner für antifaschistische Bündnisse kam für die Kommunist*innen vor allem die agrarische Unabhängige Kleinlandwirte-, Landarbeiter- und Bürger-Partei (FkgP) infrage, die jedoch erstens stark christlich ausgerichtet war und zweitens, je mehr die Repressionen gegen die Horthy-Anhänger*innen und Pfeilkreuzer voranschritten, zum Sammelbecken aller bürgerlichen und sogar rechtsradikalen Kräfte wurde.

Die ungarische KP, seit 1948 mit den linken Sozialdemokrat*innen zur Partei der Ungarischen Werktätigen (MDP) fusioniert, wurde angeführt von Kadern, die lange Zeit im sowjetischen Exil verbracht hatten. Parteichef Mátyás Rákosi, sein engster Vertrauter Ernő Gerő, der Verteidigungsminister Mihály Farkas, aber auch der spätere Kopf der »Revolutionsregierung« Imre Nagy waren vor allem im Apparat der Komintern (der 1943 aufgelösten Dritten Internationale), jedoch nicht in der ungarischen Arbeiter*innenschaft bekannt. Die jüdische Herkunft von Rákosi, Gerő, Farkas sowie dem Geheimdienstchef Gábor Péter und die vielen Jahre, die die meisten von ihnen in der UdSSR verbracht hatten, wurden von seinen Gegner*innen immer wieder als Beweis für die »Fremdheit« des Kommunismus in Ungarn angeführt.

Alle möglichen Interpretationen versuchen, eine Eindeutigkeit zu schaffen, die während der Ereignisse selbst nicht vorhanden war.

Die Partei musste ihren mit sowjetischer Hilfe erfolgten Machtantritt also als einen Sieg der Arbeiter*innenklasse präsentieren, wohl wissend, dass er keineswegs dem Wunsch der Mehrheit des Industrieproletariats, geschweige denn der Bevölkerung entsprach. Die Sowjetunion verlangte wiederum einen schnellen Ausbau der Schwerindustrie, was auf Kosten der Versorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern ging. Notorisch unbeliebt war auch die Kollektivierung der Landwirtschaft. Dennoch bot die neue Ordnung enorme Aufstiegschancen für die zuvor sozial Benachteiligten.

Spaltung der Parteiführung und Massenproteste

Als Katalysator für die Unmutsäußerungen fungierten die Konflikte in der Führung der MDP nach Stalins Tod 1953. Dem Kurs des sowjetischen Ministerpräsidenten Georgi Malenkow folgend verzichtete auch die ungarische Führung auf den Primat der Schwerindustrie. Bald darauf begannen die Rehabilitationen der Repressierten in und außerhalb der Partei. Rákosi musste im Juli 1953 seine Macht mit Nagy, der ihn als Vorsitzender des Ministerrates ablöste, teilen. Nagy stoppte die Kollektivierung und milderte die Repressionen ab. Damit wurde Regierungschef Nagy populärer als Parteichef Rákosi. Doch Letzterer nutzte den Fall Malenkows, der im Februar 1955 seines Amtes als Vorsitzender des Ministerrats der UdSSR enthoben wurde, und schloss Nagy im April 1955 aus der Partei aus, Rákosi setzte Hegedüs, den späteren Merve-Autor, an die Spitze der Regierung.

Rákosis Revanche führte dazu, dass die Fraktionskämpfe in der Parteispitze erst auf die Basis und dann auf die ganze Gesellschaft übersprangen. Schon im Juli 1956 wurde Rákosi nach einem Machtwort aus Moskau als Parteichef durch Ernő Gerő ersetzt, doch dieser konnte sich nicht mit der Beliebtheit von Nagy messen. Im Oktober kam es zu Solidaritätskundgebungen mit den Arbeiter*innenprotesten im polnischen Poznań. Da inzwischen auch in Ungarn die Thesen aus der Geheimrede des sowjetischen Parteichefs Nikita Chruschtschow bekannt geworden waren, kamen Forderungen nach einer Verurteilung der Verantwortlichen für die Repressionen der Rákosi-Zeit auf. Am 23. Oktober eskalierte die Lage, als Gerő in einer Radioansprache die Demonstrant*innen beschimpfte und sie daraufhin die Rundfunkgebäude stürmten. Zum ersten Mal kamen sowjetische Truppen zum Einsatz.

Was die ungarischen Ereignisse von den Protesten in den anderen Ostblockländern in den Jahren nach Stalins Tod unterschied, war das Übertreten von größeren Teilen des Gewaltapparats auf die Seite der Protestierenden. Zunächst war auch die Reaktion der sowjetischen Seite eine andere als zum Beispiel am 17. Juni 1953 in der DDR: Moskau akzeptierte die Übernahme der Regierungsführung durch Nagy. Nachdem es bereits zu Blutvergießen und Lynchjustiz gegen Geheimdienstmitarbeiter*innen gekommen war, einigte sich die sowjetische Seite mit Nagy auf einen Truppenabzug. Die Führung der KPdSU traf dabei Absprachen mit den chinesischen und jugoslawischen KPs, ein Zeichen des neuen Zeitalters im Verhältnis der realsozialistischen Staaten untereinander.

Nagys Handeln schien zunächst vor allem von der Sorge um den Machterhalt der Partei bestimmt zu sein. Doch die Lage entglitt ihm schnell, da es tatsächlich zur Massenbewaffnung und dem Zusammenbruch der Kontrolle der Partei und des Gewaltmonopols kam. Etliche Parteimitglieder, sowie auffällig viele Arbeiter*innen und Jugendliche, also diejenigen, die die Partei für ihre Basis hielt, schlossen sich dem Aufstand an. Bald darauf sah sich Nagy gezwungen, die Neugründung der bürgerlichen Parteien zuzulassen und mit ihnen zu koalieren. Als er schließlich den Austritt aus dem Warschauer Pakt und die Neutralität Ungarns verkündete, marschierten die sowjetischen Truppen erneut ein und schlugen den Aufstand nieder. Die Macht übernahm die neue Führung unter János Kádár, der unter Rákosi als Innenminister fungiert hatte (aber 1951 selbst inhaftiert und gefoltert worden war).

Wem gehört 1956?

Entgegen den Behauptungen der »antirevisionistischen« Publikationen gab es unter den führenden Köpfen des Aufstands keine nachgewiesenen Anhänger*innen von Horthy oder Pfeilkreuzern, dafür jede Menge ehemaliger Kommunist*innen. Es lässt sich allerdings ebenso wenig leugnen, dass faschistische Kräfte vor 1945 in Ungarn über eine Massenbasis verfügt hatten und diese sich auch an dem Aufstand beteiligt haben werden. Die Forderungen nach mehr nationaler Unabhängigkeit und weniger Planwirtschaft, die schnelle Wiedergründung von Parteien rechts von der KP und das Hoffen der Aufständischen auf Hilfe aus dem Westen sind sicherlich kein Indiz für Faschismus, jedoch lassen sie auch die Interpretationen der Ereignisse als einen Kampf um einen besseren Sozialismus als unglaubwürdig erscheinen.

Es kam tatsächlich zu Massenstreiks und, wenn auch vor allem nach der militärischen Niederlage, zur Gründung von Arbeiter*innenräten, doch diese hatten sehr unterschiedliche politische Vorstellungen und waren häufig vor allem mit der Aufrechterhaltung der Versorgung beschäftigt. Dabei waren sie bis zu ihrer Ausschaltung Ende des Jahres auch Ansprechpartner für die sowjetischen Truppen vor Ort. Weder sollte ihre Existenz vergessen noch als vermeintlicher Kern des Aufstands überhöht werden.

Auch der Mythos vom »Volksaufstand« lässt vergessen, dass auf der Seite der Kádár-Regierung keineswegs nur die Sowjets, sondern auch ungarische Truppen kämpften. Da der Gewaltapparat gespalten war (es gab wie gesagt auch Überläufer), lag quasi eine Bürgerkriegssituation vor.

Die ideologische Heterogenität der Beteiligten schlug sich auch in den Konflikten unter den Aufständischen über den Umgang mit der grassierenden Lynchjustiz nieder. An einigen Orten kam es zu Auseinandersetzungen zwischen »Revolutionskomitees« und der Menschenmenge. Ungarischer Nationalismus nahm manchmal – in der Provinz häufiger als in Budapest – antisemitische Ausformungen an. Es sind einige Fälle von Gewalttaten, auch mit tödlichem Ausgang, nachgewiesen. Einige Arbeiter*innenräte forderten ein »Ende der Judenregierung« und den Ausschluss aller Nichtungar*innen von Führungspositionen.

1956 hatte langfristige Folgen, keineswegs nur für Ungarn. Die Bilder des Kampfes von Arbeiter*innen gegen eine Partei, die sich ihre Vorhut nannte, wurden nicht nur von der Kalten-Krieg-Propaganda als Trumpf gegen den Ostblock verwendet. Es versetzte viele Sozialist*innen und Kommunist*innen in einen Schockzustand und gab einen wichtigen Anstoß zur Entstehung der Neuen Linken: Immer mehr Linke wandten sich von der Idee der Avantgarde ab und haben seitdem die Vorstellung kultiviert, dass umgekehrt die Kämpfe der Klasse selbst aus sich heraus alles Nötige hervorbringen. 

Ewgeniy Kasakow

ist Historiker und Herausgeber des Buches »Spezialoperation und Frieden« (Unrast Verlag) über Antikriegspositionen in der russischen Linken.


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