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Bertolt Brecht und der Kalte Krieg

Der Schriftsteller blieb zeit seines Lebens ein Linker, nur nicht immer im Sinne der DDR, heute vor 70 Jahren ist er gestorben

Von Jens Renner

Das Brecht-Denkmal vor dem Gebäude des Berliner Ensembles. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1988-0214-003 / Uhlemann, Thomas / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Vielleicht wäre er in der Schweiz geblieben, wenn man ihn gelassen hätte. Im November 1947 kehrte Bertolt Brecht aus dem Exil in den USA nach Europa zurück. Wenige Tage zuvor war er dort von Senator McCarthys Ausschuss für unamerikanische Umtriebe verhört worden. Über Paris kam er nach Zürich. Dort waren am Schauspielhaus in den Jahren 1941 und 1943 drei seiner Stücke uraufgeführt worden: »Mutter Courage und ihre Kinder«, »Der gute Mensch von Sezuan« und »Leben des Galilei«. Jetzt sollte »Herr Puntila und sein Knecht Matti« folgen. Aber Brechts Aufenthaltsgenehmigung für die Schweiz war bis Ende Mai 1948 befristet. Sein Biograf Jan Knopf zitiert politisch begründete Einwände des Kommissars »Meyer IV« von der Kantonalen Fremdenpolizei. In Deutschland machte die US-Militärregierung Probleme. Da sie ihm die Durchreise durch ihre Besatzungszone verweigerte, konnte Brecht Berlin nur auf dem Umweg über Prag erreichen. Von dort kehrte er auf dem gleichen Weg im Februar 1948 zurück nach Zürich. Erst kurz vor Ablauf wurde seine schweizerische Aufenthaltsgenehmigung um drei Monate verlängert. Eine Arbeitserlaubnis bekam er nicht. So führte er bei der Inszenierung des »Puntila«, der am 5. Juni 1948 im Zürcher Schauspielhaus Premiere hatte, zwar Regie; im Programmheft aber wurde er nur als Autor genannt.

Brechts Pazifismus erregte allerdings ebenso das Unbehagen der Staats- und Parteiführung wie die kategorische Absage an »Führer« in seinem »Aufbaulied« für die Freie Deutsche Jugend (FDJ).

Auch in Österreich gab es Schwierigkeiten. Dort hatte der Staatenlose die Einbürgerung beantragt, um, wie er sagte, dauerhaft eine »residence« außerhalb Deutschlands zu haben. In Österreich eingebürgert wurde er erst Ende Mai 1949. Da lebte er bereits in Ostberlin. Dass er, getreu seinen marxistischen Überzeugungen, nur die spätere Hauptstadt der DDR als Wohnort wählen wollte und konnte, ist eine langlebige Legende. Ebenso falsch ist die Behauptung, er sei von der SED mit dem Versprechen eines eigenen Theaters gelockt worden. Das Berliner Ensemble zu gründen und dafür eine eigene Spielstätte zu bekommen, gelang nur gegen einigen Widerstand von oben und durch das taktische Geschick von Brechts Partnerin, der Schauspielerin Helene Weigel. Unter deren Leitung solle »ein besonderes Ensemble«, zunächst noch ohne eigenes Haus, gegründet werden, beschloss das SED-Politbüro Ende April 1949. »Drei fortschrittliche Werke« seien in der Saison 1949/50 zu spielen. Das erste, die Komödie »Herr Puntila und sein Knecht Matti«, hatte am 19. November 1949, wenige Wochen nach DDR-Gründung, Premiere in den Kammerspielen – ein überwältigender Erfolg vor Publikum aus ganz Berlin.

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Am Premierenabend war zum ersten Mal Picassos Friedenstaube auf dem Bühnenvorhang zu sehen. Damit konnte sich auch die ostdeutsche Staats- und Parteiführung arrangieren. Brechts Pazifismus allerdings erregte ebenso ihr Unbehagen wie die kategorische Absage an »Führer« in seinem »Aufbaulied« für die Freie Deutsche Jugend (FDJ). Deren Vorsitzender Erich Honecker verwies auf die »Führung« durch die Partei und meinte zu wissen: »Hitler interessiert niemand mehr.« Andere Funktionäre legten Brecht nahe, die unbelehrbare Mutter Courage, die ihre drei Kinder durch den Krieg verloren hat und dennoch weiter am Krieg verdienen will, einen politischen Lernprozess zur Kriegsgegnerin durchmachen zu lassen. Für Brecht war das unannehmbar.

Verdächtig blieb er in der DDR auch, weil er 1933 nicht die Sowjetunion als Exilland gewählt hatte. Die von dort zurückgekehrten Kommunist*innen ließen Brecht und die Brechtianer*innen eine tiefe Feindseligkeit spüren, schreibt der Literaturwissenschaftler Hans Mayer (1907-2001), der mit Brecht befreundet war. Auch die Theaterkritik im SED-Zentralorgan Neues Deutschland sei stets gegen Brecht gewesen. Schlimmer zu ertragen als deren Verrisse war die Absetzung einer von Hanns Eisler komponierten Faust-Oper – mit dem Argument, der Stoff sei von Goethe für alle Zeiten verbindlich gestaltet worden. Das führte nicht nur bei Eisler zur Verbitterung, sondern auch bei Brecht. Zugleich erhielt er offizielle Ehrungen, 1951 den Nationalpreis Erster Klasse, verliehen durch Wilhelm Pieck, den ersten und einzigen Staatspräsidenten der DDR.

Nicht nur solche Ehrungen weckten im Westen Argwohn und Boykottforderungen. Aus Sicht der Bonner Regierung unter Konrad Adenauer führten »alle Wege des Marxismus nach Moskau«, so der Slogan auf Wahlplakaten der CDU. Zur Unperson im Westen wurde Brecht nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953. Dessen Niederschlagung begrüßte er, weil man durch die Revolte »am Rand eines dritten Weltkriegs« gestanden habe. Zugleich schlug er angesichts der tiefen Spaltung der DDR-Gesellschaft in dem Spottgedicht »Die Lösung« aber auch vor, es sei wohl am besten, »die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes«.

Seit dem aufreibenden Sommer 1953 nahmen bei Brecht die gesundheitlichen Probleme zu. Drei Jahre später, am 14. August 1956, starb er – »zur Unzeit«, wie Hans Mayer schrieb. »Wahr geblieben«, sei das, was Brecht in seinem berühmten Gedicht »An die Nachgeborenen« formulierte: »Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.«

Jens Renner

war bis 2020 ak-Redakteur.



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