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|ak 728 | Wirtschaft & Soziales

Start-ups mit Drohnen

Viele deutsche Unternehmen investieren ins Waffengeschäft – ein Überblick

Von Rand Recherche

Ein Soldat beugt über ein schweres Geschütz und schaut dabei einen Mann an, der sich interessiert die Waffe anschaut. Im Hintergrund weitere Menschen und die Innenwand eines Zeltes
Kein Spielzeug, sondern tödlich: Bundeswehrsoldat präsentiert schwere Waffe auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin. Foto: Matthias Berg

Wenn man ein beliebig großes deutsches Unternehmen + »Rüstung« in die Suchmaschine eingibt, findet sich höchstwahrscheinlich ein aktueller Treffer. Bei manchen Unternehmen sind es noch Gedankenspiele, andere steigen bereits ins große Wettrüsten ein und wandeln zivile in militärische Produktionskapazitäten um. 

Und so mehr bemühen sich Unternehmen branchenübergreifend darum, etwas vom großen Kuchen der Rüstungsmilliarden abzubekommen. Um im Bild zu bleiben: Die saftigen Stücke gehen bisher vor allem an die großen Rüstungskonzerne wie Rheinmetall und den deutsch-französischen Zusammenschluss KNDS mit Sitz in den Niederlanden.

Eine große Industriefabrik, die die Umstellung bereits abgeschlossen hat, ist das ehemalige Alstom-Zugwerk in Görlitz, jetzt Hersteller von Panzerteilen unter der Regie von KNDS. Auch die Fabriken des Rheinmetall-Tochterunternehmens Pierburg in Berlin-Wedding und in Neuss, die bisher zur zivilen Automobilzulieferer-Sparte des Konzerns gehören, haben einen Aufrüstungsprozess begonnen. In Berlin sollen fortan Munitionshüllen produziert werden, in Neuss sogenannte Kamikaze-Drohnen – laut Rheinmetallchef Armin Pappberger »in Serienproduktion«. Die einst umstrittene, weil automatisierte Kriegswaffe wird im Auftrag der Bundesregierung hergestellt. Die Rüstungskonversion könnte in der Fabrik in Neuss rund 600 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen.

Panzer statt Autos

Nicht nur die Zulieferbranche setzt auf Rüstung, auch die großen Automarken selbst. Das zeigt sich etwa bei Volkswagen in den Werken Osnabrück und Zwickau. Die Arbeiter*innen in Osnabrück bauen aktuell das T-Roc Cabrio. Noch. Die Produktion soll bis Mitte 2027 eingestellt werden. Zuerst war eine Übernahme durch Rheinmetall im Gespräch, später unterschrieben VW und der israelische Rüstungskonzern Rafael Defence eine Absichtserklärung für ein Joint Venture. Ziel ist es, das Abwehrsystem Iron Dome in der Friedensstadt Osnabrück zu bauen. Doch unlängst berichteten Medien, der Deal könne platzen. Als Grund dafür werden nicht die Auftragslage, sondern geopolitische Verwicklungen genannt: Katars Staatsfonds (QIA) ist mit 17 Prozent einer der größten Aktionär*innen bei VW und stellte sich gegen die Pläne. 

Die Deutsche Telekom arbeitet neuerdings gemeinsam mit Rheinmetall an der Entwicklung eines Drohnen-Abwehrschilds.

In Zwickau wiederum errichtete VW im Jahr 1990 als erster Westkonzern nach der Wende ein neues Werk in einem östlichen Bundesland. 2020 war es auch das erste VW-Werk, das vollständig auf die Produktion von E-Autos umstellte. Jetzt ist das Werk mit 8.000 Beschäftigten in Gefahr. Auch hier soll KNDS bereits ein Auge auf die Fabrik geworfen haben.

Doch es geht bei VW nicht nur um die Umnutzung von Überkapazitäten, sondern auch um die Entwicklung eigener Produktlinien fürs Militär. Schon seit 2010 baut das VW-Tochterunternehmen MAN in einem Joint Venture mit Rheinmetall unter anderem Militär-Lkw, die auch in die Ukraine geliefert werden. Im März überraschte der Konzern auf einer Rüstungsmesse mit Prototypen von Militär-Pick-ups mit Tarnbeleuchtung, Missionsmodulen und Spezialelektronik, die VW-Ingenieur*innen geheim entwickelt hatten. Offenbar gibt es im Konzern breiter angelegte Gedankenspiele, wie man das Know-how aus dem zivilen Fahrzeugbau gerade im High-Tech-Bereich wie Sensorik oder automatisiertem Fahren auch für den Bau militärischer Fahrzeuge nutzen kann. 

Geht VW damit zurück zu seinen Ursprüngen? Die Volkswagen AG produzierte auf Anweisung Hitlers ab 1940 Teile von Kriegsflugzeugen, Militärfahrzeugen und die als »Vergeltungswaffen« bekannten V1- und V2-Geschosse

Auch andere Autokonzerne wenden sich heute dem Waffenbusiness zu. Mercedes erwägt sowohl eine Rüstungs-Nachnutzung von Werken, die auf der Kippe stehen, wie zum Beispiel das Sprinter-Werk in Ludwigsfelde bei Berlin, als auch einen strategischen Einstieg des Konzerns mit eigenen Rüstungsprodukten. Und neben der Autoindustrie schielen auch andere Branchen auf die Rüstungsmilliarden: Die Deutsche Telekom arbeitet neuerdings gemeinsam mit Rheinmetall an der Entwicklung eines Drohnen-Abwehrschilds, und Lufthansa erwägt, Trägersysteme für Waffen zu entwickeln. Selbst für Outdoor-Kleidungsmarken wie Schöffel oder Lowa ist die Bundeswehr mittlerweile Auftraggeberin. Die Betriebe setzen vermehrt auf die Herstellung von Militärkleidung. So stellt etwa Schöffel, ein Traditionsunternehmen aus Schwabmünchen, das »Combat Shirt« für die Bundesmarine her

Neben Großkonzernen und etablierten mittelständischen Unternehmen ist auch die Start-up-Branche auf den Rüstungspfad gelangt. Waren München und Berlin einst Heimstätte für Start-ups, die kurz nach der Gründung Millionenbeträge von Wagniskapital einsammelten, läuft in letzter Zeit wenig. Nun könnte der Rüstungssektor neuen Schwung geben. Das Berliner Drohnen-Start-up Stark Defence sammelte mit Rückenwind durch einen großen Bundeswehrauftrag in seinen Finanzierungsrunden dieses Jahr bereits 1,5 Milliarden an Kapital ein, unter anderem vom rechtsextremen, christlich-fundamentalistischen Silicon-Valley-Investor Peter Thiel und dem Sohn von Springer-Eigentümer Mathias Döpfner. Übrigens: Eine Verbindung zu Springer gibt es auch bei einem anderen Shootingstar der deutschen Rüstungsindustrie, dem Münchner KI-Militärausrüster Helsing, wo der ehemalige Bild-Chefredakteur Johannes Boie als Marketingchef arbeitet.

Rüstungsforschung an der Uni

Mittlerweile ist zwischen den Bundesländern ein Wettbewerb darum entbrannt, wo sich die neuen Rüstungsmilliarden ansiedeln. Auf Landesebene werden sogenannte Defence Hubs gegründet, in denen Forschung, Wirtschaftsförderung, Bundeswehr und Unternehmen vernetzt werden. Im traditionellen Industrieland Nordrhein-Westfalen bemüht sich die grüne Wirtschaftsministerin Mona Neubaur um mehr Rüstungsindustrie. Dort hat man für das Technologiezentrum der Verteidigungsindustrie einen besonders symbolischen Standort gewählt: das Rheinische Revier. Wo die Klimabewegung rund um den Hambacher Forst und Lützerath für eine sozialökologische Zukunft nach der Braunkohle gekämpft hat, ist das neueste Transformationsziel der Landesregierung die Waffenproduktion. 

Dafür braucht es auch Universitäten: Die technische Hochschule in Aachen, eine der führenden Schmieden von Ingenieur*innen in Deutschland – sie hat bisher viele für die Automobilindustrie ausgebildet – soll ihre Expertise nun verstärkt in die Entwicklung von Rüstungsgütern einbringen. Und die Fakultät Verkehrswissenschaften der TU Dresden hat im Auftrag des israelischen Rüstungsunternehmens Elbit Systems an Drohnenmotoren geforscht – der geheime Auftrag kam kürzlich ans Licht

Doch wie nachhaltig ist die Umstellung auf Rüstungsindustrie für die deutsche Wirtschaft? Selbst orthodox orientierte Ökonom*innen, die den ethischen Aspekt ausklammern, erheben Zweifel. Ökonomen der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die von den Arbeitgeber*innenverbänden der Metall- und Elektroindustrie (u.a. Rheinmetall, VW und Mercedes) finanziert wird, sind skeptisch, inwieweit die Aufrüstung einen wirtschaftlichen Aufschwung bringt. Eine Selbstfinanzierung der erhöhten Rüstungsausgaben finde »nur sehr begrenzt statt«.

Eine Studie der Universität Mannheim von 2025 kommt zu dem Ergebnis, »dass öffentliche Militärausgaben im Durchschnitt keine positive Auswirkung auf die gesamtwirtschaftliche Produktion haben«. Im besten Fall werden Panzer nicht eingesetzt, heißt: Sie stehen auf einem Bundeswehrparkplatz und erzeugen kaum weitere ökonomische Effekte. So erfüllt die aktuelle Rüstungspolitik, die im Namen der Verteidigungsfähigkeit und der Rettung des Wirtschaftsstandorts geschieht, kaum die von ihr selbst gesetzten Kriterien von Wachstum und Aufschwung. 

Laut der Studie würden staatliche Investitionen in Kita-Plätze oder in erneuerbare Energien das Wirtschaftswachstum deutlich stärker ankurbeln als Geld für die Rüstung. Militärausgaben könnten zwar kurzfristig die Wirtschaft ankurbeln, heißt es in der Studie, aber auch »einen negativen BIP-Effekt entfalten, wenn sie zivile Investitionen und zivile Produkte verdrängen (crowding out)«. Also genau das, was sich gerade in Deutschland beobachten lässt: Die Rüstungsbranche boomt, große Teile der restlichen Industrie befinden sich im Niedergang. Auch das hängt mit mangelnder staatlicher Nachfrage zusammen, und auch das ist wirtschaftlich kurzsichtig. Wenn, wie in Görlitz, der Bau von Zügen zugunsten der Rüstungsindustrie sogar eingestellt wird, müssen diese in Zukunft importiert werden. Mit einer sozial-ökologischen Wende hat die aktuelle Wirtschaftspolitik gar nichts mehr zu tun. Dabei würden staatliche Investitionen in Zukunftstechnologien selbst im bestehenden Wirtschaftssystem deutlich mehr Sinn machen als in Güter, die Menschen töten. 

Doch die Rüstung freut’s. Im zweiten Quartal verzeichnet Rheinmetall ein Umsatzplus von 69 Prozent. KNDS will demnächst an die Börse gehen.

Rand Recherche

ist ein Kollektiv von Journalist*innen aus Berlin, bestehend aus Fabian Grieger, Lea Fauth, Niklas Franzen und Paul Welch Guerra.

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