Die eigene Vormachtstellung behaupten
Bei den neuerlichen rassistischen Ausschreitungen in Nordirland waren vor allem Protestant*innen und deren Strukturen die Triebkraft
Am 13. Juni gingen in Belfast und Derry Tausende gegen Rassismus und für Solidarität mit Menschen mit Migrationshintergrund auf die Straße. Aufgerufen hatte die Organisation »Unite Against Racism«. Anlass waren die schweren rassistischen Ausschreitungen, die Nordirland einige Tage zuvor heimgesucht hatten, ausgelöst durch die Veröffentlichung eines Videos, das einen brutalen Messerangriff durch einen sudanesischen Geflüchteten zeigt.
Veröffentlicht wurde das Video von Tommy Robinson, dem derzeit wohl bekanntesten britischen rechtsextremen Aktivisten. »Weiße Menschen werden angegriffen«, schrieb der Rechtsextremist auf X und rief in 70 Städten zu »Protesten« gegen den »Angriff eines Eindringlings« auf. Zu Robinsons Fans zählt Elon Musk, der die Plattform 2022 übernommen hat und seither Beiträge von rechtsextremen britischen Aktivisten wie Robinson teilt. Die Organisation »Center for Countering Digital Hate« ermittelte, Musk habe durch das Teilen von Beiträgen rechtsextremistischer britischer Aktivisten 64 Millionen Aufrufe generiert. Dies sei entscheidend gewesen, um die Proteste in Belfast und anderen nordirischen Städten anzufachen.
Nordirlands Loyalist*innen haben einen neuen Feind entdeckt, der, und das macht ihn attraktiv, den Anschluss an die politische Entwicklung in England verspricht.
Die hiesige Berichterstattung über die Ausschreitungen war zumindest in den ersten Tagen ein einziges Desaster – zu den wenigen Ausnahmen zählte die taz. Welt und Welt.TV porträtierten die randalierenden Rassist*innen als Opfer einer verfehlten Einwanderungspolitik. Und Tommy Robinson war für rechts-libertäre Plattformen kein militanter Rechtsextremist, sondern lediglich ein »Aktivist«. Als das ZDF behauptete, Elon Musk habe zur Jagd auf Migrant*innen aufgerufen, kassierte der Sender vom Anwalt des reichsten Mannes der Welt eine Abmahnung. Das ZDF knickte ein und entfernte entsprechende Passagen.
Militant und rassistisch
Schauplatz der rassistischen Ausschreitungen, bei denen nicht-weiße Menschen aus ihren Häusern vertrieben und ihre Geschäfte zerstört wurden, waren Viertel in Belfast und einigen Vorstädten der nordirischen Metropole wie Glengormley und Newtownabbey. Diese Orte haben vier Dinge gemeinsam: eine protestantische und politisch loyalistisch gestimmte Bevölkerung, die Präsenz loyalistischer Paramilitärs sowie Wohnungsknappheit und hohe Jugendarbeitslosigkeit. Für die vor Ort arbeitenden TV-Teams war der protestantische/loyalistische Charakter der Schauplätze eigentlich leicht zu erkennen – erwähnt wurde er aber nicht, vermutlich aus Unwissenheit. Obwohl dieser Teil der Bevölkerung die Katholik*innen im Land bis zum Ende des Bürgerkriegs 1998 unterdrückte und die protestantischen Paramilitärs dabei eine entscheidende Rolle spielten.
In Belfast hatten die Ausschreitungen pogromartigen Charakter. Familien mit Kindern mussten aus ihren Häusern fliehen oder wurden von der Polizei evakuiert. Pogrome haben in Nordirland eine unrühmliche Tradition, sie begleiten den Staat seit 1921, also seit seiner Gründung. In der Vergangenheit richteten sich die Pogrome gegen die katholische Bevölkerung, wenn die katholischen Viertel zu nah an protestantische Siedlungen heranwuchsen oder Loyalist*innen eine »Machtübernahme« durch die Katholik*innen und ein Hineinrutschen in ein vereinigtes Irland befürchteten.
Ähnliche Szenen wie in diesem Juni waren bereits im Sommer 2025 zu sehen. Auch vor einem Jahr waren die Schauplätze der rassistischen Ausschreitungen protestantische Gegenden im Osten der Provinz. Für internationale Schlagzeilen sorgte ein Mob von Hunderten junger Männer, darunter Mitglieder der UDA, einer protestantischen paramilitärischen Gruppe, der in Ballymena Häuser in normalerweise ruhigen Straßen angriff, in denen Einwandererfamilien aus Rumänien, Bulgarien und den Philippinen lebten. Ryan Anderson, stellvertretender Chef der nordirischen Polizei (PSNI), bezeichnete die Angriffe als »pure rassistische Gewalt«. Für Liam Kelly, den Vorsitzenden der Police Federation of Northern Ireland, verhinderten die Beamt*innen »einen Pogrom mit unvorstellbaren Folgen«. 2025 erreichten rassistisch motivierte Straftaten ein Rekordniveau. Hingegen gab es bei den sektiererisch motivierten Straftaten und Vorfällen, die das Verhältnis von Katholik*innen und Protestant*innen betreffen, kaum Veränderungen. Hier betrug die Zahl der Straftaten 611, weniger als die Hälfte der rassistischen. Nordirlands Loyalist*innen haben einen neuen Feind entdeckt, der – und das macht ihn attraktiv – den Anschluss an die politische Entwicklung in England verspricht.
Neue Ziele, alte Gruppen
In einem Staat, der einst als »protestant state for protestant people« ins Leben gerufen wurde, sehen Nordirlands Loyalist*innen ihre Identität nicht nur durch eine sich entwickelnde katholische/nationalistische Mehrheit bedroht, die nicht mehr zu verhindern ist, sondern auch durch Migration. Bis zum Karfreitags-Abkommen von 1998, das die gewaltsame Auseinandersetzung zwischen Republikaner*innen und Loyalist*innen sowie den bewaffneten Kräften des britischen Staats beendete, war Zuwanderung in Nordirland ein Fremdwort. Dies hat sich seither geändert, aber in einem zum Rest des Vereinigten Königreichs äußerst moderaten Ausmaß. Bei der Volkszählung von 2001 gehörten nur 14.300 Menschen oder 0,8 Prozent der Gesamtbevölkerung in Nordirland einer (nicht-weißen) ethnischen Minderheit an. Im Jahr 2021 waren es 65.600 Menschen oder 3,4 Prozent. Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund (definiert als Menschen, die außerhalb des Vereinigten Königreichs oder Irlands geboren wurden) in Nordirland liegt insgesamt bei 6,5 bis 8,1 Prozent und ist damit deutlich geringer als in anderen Regionen des Vereinigten Königreichs.
Geändert hat sich das Muster der Migration. Nach der Erweiterung der Europäischen Union im Jahr 2004 wurde die Geschichte der Einwanderung in Nordirland zwei Jahrzehnte lang von Menschen aus Polen, Rumänien und Litauen geschrieben. Die internationale Zuwanderung nach Nordirland war eurozentrisch. Nur wenige Migrant*innen kamen von außerhalb der EU. Aber schon damals gab es rassistische Ausschreitungen, vor allem im protestantischen/loyalistischen Osten Belfasts, als dort Pol*innen Häuser bezogen. Diese hatten in den Augen der Loyalist*innen gleich zwei Fehler: Sie waren eingewandert und katholisch.
Mit der Einführung eines punktebasierten Einwanderungssystems unter der Regierung von Boris Johnson im Januar 2021 veränderten sich die Herkunftsländer der Migrant*innen. Die Johnson-Regierung wollte die britische Wirtschaft von ihrer vermeintlichen Abhängigkeit von gering qualifizierten Arbeitskräften aus der EU befreien. Erreicht wurde dies u.a. mit der vollständigen Abschaffung eines allgemeinen Zugangswegs für gering qualifizierte oder befristete Arbeitskräfte. Gleichzeitig wurden die Einwanderungswege für Nicht-EU-Bewerber*innen erleichtert. Im Jahr 2014 beantragten in Nordirland nur 260 Inder*innen eine Sozialversicherungsnummer, im Jahr 2024 waren es jedoch bereits 1.200. Bei den Nigerianer*innen stieg die Zahl von 50 auf 330, bei den Pakistaner*innen von 60 auf 370. Im gleichen Zeitraum sanken die polnischen Registrierungen von 2.700 auf 110, bei den Litauer*innen von 1.050 auf 100.
Dass der sudanesische Täter über die innerirische Grenze in den Norden gekommen war, wurde für die Loyalist*innen ein gefundenes Fressen. Die offene Grenze zur Republik Irland ist für sie seit jeher ein Dorn im Auge. Wie auch alle Nordirland betreffenden Ausnahmeregelungen beim Brexit, von dem sie sich vom Rest des Vereinigten Königreichs abgekoppelt und in Richtung Republik geschubst sehen.