Der Putsch gegen die Republik
Vor 90 Jahren begann Spaniens Weg in Bürgerkrieg, Revolution und Franco-Diktatur
Von Paul Michel
Die Zweite Spanische Republik existierte erst fünf Jahre, als im Juli 1936 gegen sie geputscht wurde – der daraus folgende, fast drei Jahre andauernde Spanische Bürgerkrieg sollte bis zu eine halbe Million Menschen das Leben kosten.
Als bei den Wahlen vom 16. Februar 1936 die Volksfront, ein Bündnis aus Republikaner*innen, Sozialist*innen und Kommunist*innen, das von Teilen der anarchistischen Bewegung toleriert oder unterstützt wurde, den Sieg davontrug, war die Wahlniederlage für die konservativen Eliten eine Zäsur. Sie wähnten ihre jahrhundertealte Vormachtstellung dauerhaft in Gefahr. Die herrschenden Kreise Spaniens, ohnehin schon autoritär-monarchistisch eingestellt, rückten weiter nach rechts und nahmen eine offen feindliche Haltung gegenüber der Republik ein. Bereits kurz nach den Wahlen begannen im spanischen Offizierskorps Versammlungen, in denen es vor allem um ein Thema ging: die Beseitigung der gewählten Regierung und ihre Ersetzung durch eine Militärdiktatur.
Ein Plan wurde ausgearbeitet, Vorbereitungen wurden getroffen und im Juli schlugen die Militärs los. Zwar musste die Übernahme der Macht im spanischen Protektorat Marokko um einen Tag vorgezogen werden, ansonsten klappte zunächst alles wie geplant. General Francisco Franco, der Spanien nach der Niederlage der Republik von 1939 bis 1975 beherrschen sollte, traf am Morgen des 19. Juli von den Kanaren kommend in Tetuan, einer Stadt in Spanisch-Marokko, ein und verkündete den Kriegszustand.
Am nächsten Tag machten sich die putschenden Nationalisten daran, das Festland unter ihre Kontrolle zu bringen. In Navarra, der traditionellen Hochburg der monarchistischen Karlisten, übernahmen die Truppen des führenden Putschgenerals Emilio Mola die Macht. Ihr größter Erfolg war der Sieg in Sevilla, das als Bollwerk der Arbeiterorganisationen galt. Dort gelang es General Gonzalo Queipo de Llano, im Handstreich die Kontrolle über ein Infanterieregiment zu bekommen, dessen kommandierender Offizier eigentlich republiktreu war. Im anschließenden Massaker schlachteten die Sieger alleine in Sevilla mehrere Tausend Arbeiter*innen ab. Nach der »Säuberung« von Sevilla eroberten die Putschisten innerhalb einer Woche Teile Andalusiens.
Bastionen des Widerstands: Barcelona und Madrid
In der Hauptstadt Madrid war die Montaña-Kaserne mit General Joaquín Fanjul die Hauptfestung der Nationalisten. Um ihn scharten sich Offiziere und Mannschaften aus anderen Einheiten, zum Beispiel aus der faschistischen Falange. General Fanjul rief zwar den Ausnahmezustand aus, unternahm aber nichts, um die Stadt zu besetzen, sondern blieb in der Kaserne. Als sich vor der Kaserne immer mehr Menschen versammelten, ließ Fanjul am 19. Juli abends in die Menge schießen. Die Lage eskalierte, und am nächsten Tag wurde die Garnison gestürmt. Die putschenden Offiziere, unter ihnen auch der General, wurden gefangengenommen. Ähnlich erging es den Verschwörern in den anderen drei Kasernen der Hauptstadt.
Ihre größte Niederlage erlitten die Nationalisten in Barcelona, der Hochburg der in Spanien starken anarchistischen Bewegung. Dort befahl General Manuel Goded der Garnison, am Morgen des 19. Juli die Stadt zu besetzen. Als die Truppen von den Kasernen ins Zentrum der Stadt marschierten, stellten sich ihnen Tausende von schlecht bewaffneten, aber von unglaublicher Opferbereitschaft beseelten Anarchist*innen in den Weg und stürzten sich ohne Rücksicht auf Verluste in den Kampf. Als sich ihnen am Nachmittag 4.000 Berufssoldaten anschlossen und an mehreren Stellen republiktreue Soldaten gegen ihre Offiziere meuterten, wendete sich das Blatt. Am 20. Juli kapitulierte General Goded und verlas übers Radio eine Erklärung an seine Gefolgsleute, dass sie ihren Widerstand aufgeben sollten.
Die Militärs hatten dort keinen Erfolg, wo es den Arbeiter*innen gelang, sich zu bewaffnen.
In den baskischen Provinzen kamen die Putschisten ebenso wenig voran. Die Garnison von Bilbao rührte sich gar nicht und in San Sebastián meuterte zwar die Loyola-Kaserne, musste jedoch nach massiven Angriffen kapitulieren. Die Garnison im kantabrischen Santander ließ sich vom Widerstand der Bevölkerung überraschen und einschließen.
In Valencia erhob sich die Garnison nicht, schloss sich aber auch nicht der sozialen Revolution, die parallel zu den militärischen Erfolgen von den Anarchist*innen mit der Kollektivierung von Land und Fabriken sowie der Bildung von Räten vorangetrieben wurde, an. Der Provinzgouverneur lehnte es ab, den Gewerkschaften Waffen zu geben, versicherte ihnen aber, die Garnison sei über jeden Verdacht erhaben. Letzten Endes blieb dort die Situation zwei Wochen lang unentschieden. Der Sturm auf die Kasernen, der in den meisten Teilen Spaniens bereits vom 18. bis 21. Juli erfolgt war, erfolgte in Valencia erst Anfang August.
Die Militärs siegten dort, wo sich die Arbeiterorganisationen durch die Sorge um die Erhaltung der bürgerlichen Legalität lahmlegen ließen. Sie hatten dort keinen Erfolg, wo es den Arbeiter*innen gelang, sich zu bewaffnen, und wo sie sofort daran gingen, den Militärapparat zu zerschlagen, ohne sich darum zu kümmern, was einzelne Offiziere beteuerten oder wozu sich die Amtswalter der »legitimen« Staatsgewalt entschlossen oder nicht entschlossen.
»Unternehmen Feuerzauber«: Hitler rettet Franco
Ein schwerer Rückschlag für die Putschisten war, dass große Teile der Flotte, der in ihrem Plan eine Schlüsselrolle zugedacht war, den Putsch nicht mitmachten. Die Matrosen der spanischen Kriegsmarine hatten viele putschwillige Offiziere erschossen und waren der Republik treu geblieben. Die Kriegsschiffe patrouillierten unter dem Kommando von Matrosenräten in der Meerenge zwischen Nordafrika und Spanien. Transportflugzeuge besaßen die Putschisten auch nicht. Franco saß also mit dem schlagkräftigsten Truppenteil, der Afrika-Armee, jenseits der Meerenge von Gibraltar in der Falle.
Er versuchte verzweifelt, Flugzeuge für den Truppentransport von Marokko nach Südspanien aufzutreiben. Als Verbündete boten sich Nazideutschland und das faschistische Italien an. Doch das Auswärtige Amt in Berlin reagierte zunächst nicht auf Hilfsdepeschen. Schließlich flog am 25. Juli 1936 der in Marokko lebende deutsche Geschäftsmann und NSDAP-Mitglied Johannes Bernhardt im Auftrag Francos nach Berlin und übergab Hitler einen Brief Francos. In diesem bat er um »10 Transportflugzeuge mit größtmöglicher Kapazität, 6 Jagdflugzeuge« sowie um »Maschinengewehre und Gewehre in größtmöglicher Menge sowie reichlich dazugehörige Munition«, »ferner Fliegerbomben verschiedenen Typs bis zu 500 kg«. Drei Tage später sagte Hitler seine Unterstützung zu. 30 Transportflugzeuge vom Typ JU 52 gingen unverzüglich nach Marokko ab.
Es begann das »Unternehmen Feuerzauber«. Vom 28. Juli bis Oktober 1936 flog eine der ersten großen militärischen Luftbrücken der Geschichte 13.528 Soldaten und 270 Tonnen Kriegsmaterial von Marokko über die Meerenge nach Spanien. Zudem sicherten die deutschen Panzerschiffe Admiral Scheer und Deutschland als Begleitschutz nationalistische Schiffe, die über die Straße von Gibraltar Truppen aus Spanisch-Westafrika nach Südspanien transportierten. Im Verlauf des dreijährigen Bürgerkriegs wurden die Nationalisten weiter von Nazideutschland unterstützt, zum Beispiel mit der Legion Condor. Auch aus dem faschistischen Italien kam Unterstützung, während die Volksfront lediglich von der Sowjetunion und Mexiko unterstützt wurde. Frankreich und Großbritannien verhielten sich neutral, ließen die Republik damit faktisch im Stich.
Das militärische Kräfteverhältnis
Ende Juli/Anfang August hatten sich zwei weitgehend geschlossene Territorien, das republikanische und das nationalistische, herausgebildet. Im republikanischen Gebiet lebten etwa 60 Prozent der Bevölkerung. Es umfasste mit dem Baskenland und Katalonien die beiden einzigen Industrieregionen Spaniens. Demgegenüber kontrollierten die Putschisten mit Kastilien und Andalusien die wichtigen Agrarregionen, aber in Südspanien nur einen kleinen Brückenkopf und im Norden einen breiten Streifen von der französischen bis zur portugiesischen Küste.
Was die Bewaffnung anging, waren beide Seiten etwa gleich stark. Beide hatten kaum Flugzeuge. Die Republik verfügte über etwas mehr Kriegsschiffe. Franco hatte etwa 160.000 Soldaten, die Republik 150.000 – in der Mehrzahl Milizionär*innen.
Was militärische Erfahrung und Kampfstärke anbelangt, hatten die Putschisten klare Vorteile. Von den ursprünglich 9.000 Offizieren der Armee war nur ein Viertel loyal zur Republik geblieben. Vom Rest waren viele unzuverlässig und warteten nur darauf, die Seite zu wechseln. Mit der 45.000 Mann starken Afrikaarmee (Fremdenlegion und marokkanische Söldner) verfügte Franco über eine schlagkräftige Elitetruppe, die gerade in den ersten Kriegsmonaten den entscheidenden Vorstoß von Andalusien über die Extremadura in Richtung Madrid durchführte.
Die Milizen hatten zwar in den Städten bei der Niederschlagung des Aufstands in Madrid oder Barcelona mit großer Hingabe und Opferbereitschaft gekämpft. Bei Kämpfen auf dem freien Feld waren sie, da sie zumeist über keinerlei militärische Erfahrung verfügten, den militärisch geschulten Truppen der Nationalisten jedoch weit unterlegen; bei Artilleriebeschuss und Luftangriffen gerieten sie in Panik. Zudem agierten die von den jeweiligen politischen Parteien und Gewerkschaften organisierten Milizen völlig unkoordiniert. Sogar der Syndikalist und Führer einer Elitekolonne, Buenaventura Durruti, klagte: »Wir haben bis jetzt eine große Anzahl verschiedener Einheiten, von denen jede ihren Kommandeur, ihre Mannschaft, ihr Arsenal, ihren Tross, ihre eigene Verpflegungsorganisation, ihre eigene Politik gegenüber der Einwohnerschaft und recht häufig auch ihre eigene Vorstellung vom Krieg hat.«
Dennoch waren die Verteidiger*innen der Republik in der Lage, den rechten und faschistischen Putschisten drei Jahre lang Widerstand zu leisten, bis sie sich geschlagen geben mussten. Ein Grund war auch das innerlinke Zerwürfnis. Während die von der Sowjetunion unterstützten Kommunist*innen von der PCE die soziale Revolution auf die Zeit nach dem militärischen Sieg vertagten, nahmen Anarchist*innen und antistalinistische Kommunist*innen, etwas von der POUM, diese sofort in Angriff. Es kam zum »Bürgerkrieg im Bürgerkrieg«, massiven Säuberungen und vielen Toten.
Der Spanische Bürgerkrieg war nicht nur ein Konflikt um die Zukunft Spaniens, sondern auch ein internationaler Kampf gegen Faschismus, Unterdrückung und soziale Ungleichheit. Tausende Freiwillige aus aller Welt schlossen sich den Internationalen Brigaden an, um die Republik zu verteidigen – bis heute gilt ihr Einsatz als Symbol grenzüberschreitender Solidarität und gemeinsamen antifaschistischen Widerstands.