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Schöne neue Militärwelt

Mit seinem Buch »Krieg als Lifestyle?« attackiert Daniel Hornuff das Werben für das Töten und Sterben

Von Jens Renner

Eine Plakatwand in der Eingangshalle eines Bahnhofs, dahinter eine Fahrplananzeige, davor Menschen. Auf dem Plakat der Satz: "Die stärkste Friedensbewegung Deutschlands" auf dem Plakat Soldaten mit Waffe
Eine allgegenwärtige Ansprache dieser Tage: Die Armee erklärt sich zum Friedensgaranten. Foto: Matthias Berg

Daniel Hornuffs »Plädoyer gegen die Medienoffensive der Bundeswehr« ist kein pazifistisches Manifest. Der 1981 geborene Autor, Professor an der Kunsthochschule der Universität Kassel, hat den Kriegsdienst verweigert, will aber die »grundsätzliche Erfordernis« der Bundeswehr nicht infrage stellen. Zur täglich beschworenen angeblich dramatischen »Bedrohungslage« äußert er sich nicht – mangels »Expertise«. Vielmehr will er Militärwerbung, »inzwischen an fast jeder Ecke«, gesetzlich verbieten lassen.

Seine Argumentation stützt sich auf die Analogie zum Verbot der Tabakwerbung, mit dem der Staat »Eigen- und Fremdschädigung« seiner Bürger*innen eingeschränkt hat: »Wer raucht, nimmt in Kauf, sich und möglicherweise anderen zu schaden.« Genauso gelte: »Wer sich für den Dienst an der Waffe entscheidet, nimmt in Kauf, sich und andere zu gefährden« – Soldat*innen töten und werden getötet. Deshalb müsse der Staat Sorge tragen, »für diese gewährte Selbst- und Fremdgefährdung nicht auch noch zu werben«. Klingt logisch, für Hornuff sogar »geradezu alternativlos«.

Völlig schamlos wird auch eine besonders geeignet erscheinende Zielgruppe angegangen: die Gamer-Szene.

Man mag das naiv finden, und Hornuff selbst weiß, »dass sich wohl nichts von dem, was mir vorschwebt, verwirklichen lässt«. Dennoch ist sein Buch lesenswert, wegen etlicher starker Formulierungen in Teilen sogar unterhaltsam, vor allem aber nützlich für die antimilitaristische Agitation. Denn in den ersten drei von vier Kapiteln analysiert Hornuff die Lügen der militaristischen Werbekampagnen und ihrer obersten Repräsentant*innen im Bundesverteidigungsministerium. Ihnen schreibt Hornuff eine »Scharnierfunktion« zu bei der Vermittlung angeblicher militärischer Sachzwänge. Bei aller Einigkeit im Ziel agieren sie doch recht unterschiedlich. Galt Peter Struck (SPD) trotz seiner dümmlichen Phrase vom deutschen Verteidigungskrieg »am Hindukusch« nicht nur in der Truppe als kompetenter und uneitler Fachmann, folgten später Meister*innen der »Selbstdarstellung«. Lange führend in dieser Disziplin war Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), wegen seiner »Strahlkraft« von den meisten Medien geliebt und gepriesen. Bei öffentlichen Auftritten, etwa einem vorweihnachtlichen Truppenbesuch in Afghanistan, war auch seine Gattin Stephanie mit von der Partie. Beide zusammen hätten dort im fürsorglichen Kontakt mit den Soldat*innen fern der Heimat eine »elterliche Rolle« gespielt: Truppenbetreuung im 21. Jahrhundert.

Eine ganz normale Firma?

Neue Akzente setzte die erste Frau an der Spitze des Verteidigungsministeriums, Ursula von der Leyen (CDU). Ihr wichtigstes Anliegen war es, die Bundeswehr als normalen, aber besonders attraktiven Arbeitgeber zu verkaufen. Dieses Versprechen ist bis heute ein wesentlicher Bestandteil der Bundeswehrwerbung geblieben. Dazu dient das bunte Lifestyle-Image, das die Kreativen ihrer tarnfarbenen Auftraggeberin zu verpassen suchen. Akribisch analysiert Hornuff die in den jeweiligen Kampagnen verwendeten Slogans und ihre Bebilderung: »Ganz schön auf Zack« mit dem stets abwehrbereiten Igel; »Führen im Gefecht« mit feuerndem Panzer – ein Beispiel für »Jugendrekrutierung mit intensivierter Erlebnisqualität«. Dabei geht die Gewaltverherrlichung über Plakatwerbung hinaus. Besuche von 17-jährigen mit Panzerfahrt im Gelände (»Einfach nur geil!« sollen das Teilnehmende gefunden haben) werden auf Werbevideos festgehalten, und in den Schulen schwadronieren Offiziere von Kameradschaft, modernster Technik, kostenlosem Führerschein und vielseitig nutzbarer Ausbildung für die Zeit danach.

Völlig schamlos wird auch eine besonders geeignet erscheinende Zielgruppe angegangen: die Gamer-Szene. »An deine Grenzen gehen statt in deinem Level festhängen?« – die auf der Website bundeswehrkarriere.de abgebildeten schwer bewaffneten »Multiplayer« liefern die Antwort selbst. Am Bundeswehr-Messestand bei der Gamescom in Köln können Angefixte dann Fähigkeiten üben, die auch bei der Steuerung echter Drohnen gefordert sind. Für Hornuff ist das »ein weiterer plumper Versuch, Menschen dort zu ködern, wo sie einer ihrer höchsten Leidenschaften folgen, nämlich beim Spielen«. Das ist überaus gefährlich: »Krieg wird zum Spiel, das Spiel zum Krieg… Denn wer spielt, hat keine Hemmungen zu töten, da das Töten als gespieltes Töten verinnerlicht ist«.

Hornuff zeigt auch, dass der angeblich akute militärische Fachkräftemangel nicht erst seit Russlands Krieg gegen die Ukraine ein Thema ist. Image-Kampagnen zur Personalgewinnung gibt es schon viel länger – zugleich aber auch Widerstand dagegen. Denn Antimilitarismus ist auch in Zeiten des militaristischen Overkills möglich – etwa durch kommentierende Verzierung der Werbeplakate mit der handgemalten Aufschrift »Kein Werben für Sterben«. Aufwändiger, aber vermutlich wirkungsvoller ist das Mittel der »ästhetischen Subversion« durch Ad-Busting. Ein Beispiel dafür zeigt das letzte der vielen eindrucksvollen Farbfotos mit einem verfremdeten Bundeswehrplakat und der Aufschrift: »Auch bei uns haben Frauen das letzte Wort: An den Gräbern ihrer Söhne«.

Jens Renner

war bis 2020 ak-Redakteur.

Daniel Hornuff: Krieg als Lifestyle? Ein Plädoyer gegen die Medienoffensive der Bundeswehr. Transcript Verlag, Bielefeld 2026. 171 Seiten, 25 EUR.