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|Thema in ak 600: Politik als Beruf

Beiß die Hand, die dich füttert!

Erwerbsarbeit in Politjobs ist immer gefährlich – und entsprechend kritisch zu betrachten

Von Carsten Sauter

Die eigene Reproduktion ist ein Politikum – in der (radikalen) Linken ist diese Erkenntnis bis heute leider wenig mehr als ein Lippenbekenntnis, das man pflichtschuldigst von sich gibt, um anschließend irgendwo »Politik zu machen«, bloß nicht im eigenen Alltag. Diese Spaltung zwischen (beruflichem) Alltag und Politik ist ein zentraler Grund dafür, dass die deutsche Linke alles Mögliche ist, nur keine sozial verankerte Bezugsgröße in sozialen Auseinandersetzungen. In Bezug auf die Lohnarbeit bzw. abhängiges Freiberuflertum ist es immer wieder krass zu beobachten, wie politisch bewusste Menschen das abspalten, was vier, acht oder zwölf Stunden fremdbestimmte Tätigkeit mit ihnen machen. Als hätten sowohl die Inhalte als auch die Form der Erwerbsarbeit keine Auswirkungen auf ihr Bewusstsein und ihr (auch politisches) Agieren.

Das gilt auch und gerade für solche Jobs, die vielleicht gar nicht mehr als entfremdet wahrgenommen werden, in denen man meint, endlich das machen zu können, was man schon immer machen wollte, oder in die man geflohen ist – vor dem Fördern und Fordern der Ämter, prekärer Selbstständigkeit oder lausigen Job-Alternativen. Die Arbeit im akademischen Wissenschaftsbetrieb, in politischen Bildungswerken, bei Gewerkschaften oder Parteien, Wohlfahrtsverbänden und NGOs ist nicht nur ganz normale Lohnarbeit, sie ist auch alles andere als politisch unschuldig.

Das hierarchische Innenleben der Apparate

Zumindest in dem Moment, in dem man in irgendeiner Weise als Referentin, Gewerkschaftssekretär, Juniorprof, Projektleiterin o.ä. Funktionsträger_in in einer solchen Institution wird, wechselt man, ob man will oder nicht, ein Stück weit die Seiten. Ganz einfach, weil Universitäten, Gewerkschaften, Parteien, Stiftungen, Kirchen, Wohlfahrtsverbände qua Funktion staatstragend sind und genau im Erhalt des gesellschaftlichen Status quo ihre objektive Funktion besteht. Sowohl der Form als auch dem Inhalt nach dienen Forschung und Lehre im Wissenschaftsbetrieb der Ideologieproduktion und der Zurichtung für den kapitalistischen Verwertungsbetrieb. Gewerkschaften haben in erster Linie die Funktion, den Konflikt zwischen Lohnarbeit und Kapital zu kanalisieren, zu kontrollieren und zu befrieden, nicht aber, ihn zuzuspitzen. Parteien folgen der politischen Logik der parlamentarischen Repräsentation und des parlamentarischen Machterwerbs, Wohlfahrtverbände sind essentieller Teil des deutschen korporatistischen Sozialstaatsmodells etc.

Mich hat die Uni schon Ende der 1980er Jahre angekotzt.

Und selbstverständlich werden diese objektiven Funktionen auch tagtäglich durchgesetzt – durch die innerbetrieblichen Hierarchien, durch Vorgaben, durch die Logik der jeweiligen Apparate, durch Finanzierungszwänge und oft genug durch die Möhre einer möglichen Festanstellung, die den vorzugsweise prekär Beschäftigten vor die Nase gehalten wird und die häufig genug für das nötige Wohlverhalten sorgt. Forschung und Lehre im akademischen Wissenschaftsbetrieb sind eine hochgradig hierarchische Angelegenheit, die zudem von Drittmittelakquise, Seilschaften und prekären Arbeitsverhältnissen geprägt ist. Mich selbst hat die Universität schon Ende der 1980er Jahre angekotzt, und ich verstehe bis heute jüngere Genoss_innen nur sehr bedingt, die sich nichts sehnlicher wünschen als eine Juniorprofessur oder sonst eine akademische Festanstellung.

Noch krasser ist der Druck in Parteien, parteinahen Organisationen oder Gewerkschaften. Nicht nur, dass man selbstverständlich die Partei- und Organisationsräson nach innen und außen zu exekutieren hat – im Zweifel auch gegen Widerstände in einem selbst. Dazu kommen teilweise feudalistische Abhängigkeitsverhältnisse: Wenn die Legislaturperiode nach vier Jahren zu Ende geht, ist es möglicherweise auch mit dem Job vorbei. Also beteiligt man sich plötzlich am Wahlkampf für SPD, Grüne oder Linkspartei. Und wenn »der eigene Abgeordnete« nicht mehr gewählt wird, muss man sich frühzeitig bei anderen ins Gespräch bringen, wenn man »persönlicher Referent« bleiben möchte. Das Rumgeschleime um zukünftige Abgeordnete oder das Buhlen um Fraktionsjobs ist oft genug erbärmlich. Ganz besonders prekär wird es in innerparteilichen Auseinandersetzungen. Da ist dann schnell nicht mehr so leicht zu erkennen, ob um eine politische Linie oder um den Joberhalt gestritten wird.

Der diskrete Charme der Macht

Wer als schlecht bezahlter Linker ein gewerkschaftliches Organizing-Projekt als Sprungbrett für eine Festanstellung als Gewerkschaftssekretär ansieht, wird die Dominanz der Gewerkschaftslogik in diesen Projekten nicht hinterfragen, erst recht, wenn er/sie den ersten Einlauf von oben bekommen hat. (Wer wissen will, was »demokratischer Zentralismus« wirklich ist und wie verwandt die feindlichen Brüder Sozialdemokratie und Leninismus sind, der/die schaue sich das Innenleben von Gewerkschaftsapparaten an). Nach meiner Erfahrung gehen nur Zyniker_innen oder MachiavellistInnen unbeschadet durch Politbetriebe, und es sind gerade solche Läden, die viele antiautoritäre Linke brechen oder gebrochen haben.

Hinzu kommt allzu oft auch der gar nicht so diskrete Charme der Macht: die Atmosphäre des Bedeutungsschwangeren und des »wirklich Wichtigen« auf den Fluren und in den Lobbys von Parlamenten, die Zuarbeit und das Gefühl, irgendwie mit beteiligt zu sein, wenn über Gesetzesvorlagen und Haushaltstitel in Millionenhöhe entschieden wird, die Lobbyarbeit gegenüber Interessenverbänden, die Medienauftritte, das »Du« als Zeichen der Zugehörigkeit zu einem erlauchten Club – ich möchte die sehen, die davon gänzlich unbeeindruckt wären.

Natürlich macht man den Job, »um die Bewegungen zu stärken«, aber wehe, die Bewegungen denken selbst und wollen sich vielleicht auch nicht parteipolitisch oder mit parteinahen Stiftungsmitteln binden lassen. Dann kommt den radikalen Linken auch schnell das Wort »Sektierertum« über die Lippen. Erfahrungsgemäß geht das besonders rasant bei denjenigen, die auch in ihrer autonomen Vergangenheit eher auf leninistische Politik- und Organisationsformen gesetzt haben. Von Manager_innen der außerparlamentarischen Bewegungen hin zu funktionierenden Träger_innen der Macht in den Apparaten ist der Schritt nur klein.

Augen auf bei der Berufswahl – das gilt auch und erst recht dann, wenn radikale Linke im Politbetrieb und in dem diffusen Feld der zivilgesellschaftlichen Institutionen und NGOs Einkommenserwerb und politisches Engagement vereinen wollen. Einfach nur einen Job machen – das geht in diesen Feldern oft nicht, weil die Arbeitgeber_innen das politische Engagement und das politische Know How mit der Ware Arbeitskraft eingekauft haben. Das kann manchmal sogar das Einfallstor für Überausbeutung sein, weil gerne mal das politische Engagement oder die ethische Verantwortung angerufen wird, damit das Flugi, die Broschüre oder was auch immer im Zweifel auch durch Nacht- und Wochenendarbeit fertig wird. Nach meiner Beobachtung ist das vor allem ein Phänomen in stark prekarisierten Arbeitsverhältnissen: der Zwei-Personen-Klitsche von Abgeordnetem und persönlichem Referenten, dem prekären Organizing-Projekt bei Gewerkschaften o.ä.

Radikale Politik in diesen Institutionen geht aber auch nicht, denn dann müsste man aktiv ihre Zerstörung betreiben bzw. permanent mit der Apparatelogik brechen. Was in der Praxis bestenfalls passieren kann, ist ein bewusster Spagat, bei dem buchstäblich jeden Tag neu geklärt werden muss, wo welche politische wie moralisch-ethische Grenze überschritten wird, wo welcher Kompromiss vertretbar und lebbar ist.

Notwendig ist ein kollektives politisches Korrektiv

Das ist nicht nur eine Frage der individuellen politischen Reflexion, sondern eine Frage der kollektiven politischen Debatte, und genau das scheint mir heute das große Problem zu sein. Als ich Anfang der 1990er Jahre einen Job als persönlicher Referent bei den Grünen anfangen wollte, haben wir das in meinen damaligen politischen Basiszusammenhängen diskutiert. Das mag sich heute »irgendwie dirigistisch« oder gar »stalinistisch« anhören, aber aus meiner Sicht ist die kollektive politische Diskussion und auch Kontrolle dessen, was man im Job allgemein und im Politjob im Besonderen tut, die einzige Gewähr dafür, nicht früher oder später tatsächlich die Seiten zu wechseln.

Die Notwendigkeit eines kollektiven politischen Korrektivs ist besonders dann wichtig, wenn man im Job direkt oder indirekt Dinge mitträgt bzw. mittragen muss, die eine Grenzüberschreitung darstellen, und das geschieht unter Garantie. Der Reflex, dann das eigene Verhalten schönzureden oder sich irgendwelche Rechtfertigungsargumentationen zurechtzulegen, ist enorm. Dann braucht es schon eine Instanz von außen, die es einem unmöglich macht, sich in die Tasche zu lügen bzw. die einen in die politische Debatte über das eigene Verhalten zwingt. Aber nicht nur als Korrektiv ist die kollektive Diskussion wichtig. Sie kann einen dabei unterstützen, den Rücken im Job gerade zu machen, bestimmte Konflikte einzugehen und auszuhalten, anstatt ihnen aus dem Weg zu gehen.

Der Umstand, dass in vielen Politgruppen die Erwerbsarbeit der einzelnen Leute nicht diskutiert wird, ist vor diesem Hintergrund besonders fatal. Aber das Problem liegt noch eine Ebene tiefer: Eine solche kollektive Diskussion muss im Prinzip auch die Möglichkeit beinhalten, dass am Ende ein Job gekündigt oder gar nicht erst angefangen wird. Doch es gibt nach meinem Eindruck keine Strukturen, die die Konsequenzen für die jeweiligen Genoss_innen auffangen und tragen könnten. D.h. mit der Frage, wo ansonsten das Geld herkommen soll, stehen die Betreffenden genauso alleine da wie mit der Frage, welche Jobalternative denn noch gehen könnte.

Für die allermeisten, die ich kenne, resultiert die Entscheidung, sich einen Job im Polit- oder im Wissenschaftsbetrieb zu suchen, aus gleichermaßen nachvollziehbaren und legitimen Gründen: aus der Flucht vor Ämterverfolgung oder vor Jobs in »normalen« Unternehmen (in denen man sich qua Qualifikation auf jeden Fall böse die Hände schmutzig machen würde) und aus dem Wunsch, mit den eigenen Qualifikationen etwas (politisch) Vernünftiges anzufangen. Meiner Ansicht nach gibt es nicht einmal im Ansatz Strukturen, die auf diese Bedürfnisse eine kollektive Antwort formulieren könnten.

In der Tat drängt sich mir der Verdacht auf, dass das Thema des Politjobs in dem Maße an Relevanz gewinnt, in dem gut ausgebildete und/oder akademisierte Linke nach sinnvoller beruflicher Betätigung suchen. Und wenn eine Zeitschrift wie ak dazu einen Schwerpunkt macht, ist das auch ein Indiz dafür, dass die radikale Linke eine in dem Sinne akademisierte Linke ist. Denn nur die hat überhaupt die zweifelhafte Chance, Gewerkschaftssekretär, wissenschaftliche Fraktionsmitarbeiterin, Fachbereichsleiter, Juniorprofessorin oder Projektleiterin in einer Parteistiftung zu werden. Für den Hausmeister bei den Grünen, die Poststelle in einem Wohlfahrtsverband, die Köchin in der Uni-Mensa, die Pförtnerin im Gewerkschaftshaus oder die Putzkolonnen überall gelten die hier angesprochenen Überlegungen nicht. Da wäre eher zu fragen, ob die Politjoblinke in ihren jeweiligen Betrieben überhaupt Kontakt zu den anderen Arbeiter_innen hat – oder zumindest weiß, dass es sie gibt.

Die grundsätzliche Frage nach der kollektiven politischen Diskussion um Job und Berufswahl gilt m.E aber generell, egal, wo wer als radikale_r Linke_r arbeitet. Radikales politisches Handeln am Arbeitsplatz erfordert immer kollektive Strukturen. Die zugespitzte Frage lautet vielmehr, ob es Jobs gibt, die sich für Linke generell verbieten (ja, die gibt es) oder unter bestimmten Umständen verbieten (ja, die gibt es auch) und ob »Politjobs« dazugehören. Letztere Frage wage ich aus eigener Betroffenheit nicht zu beantworten. Ich bin mir allerdings sehr sicher, dass bezahlte Politarbeit selbst da, wo sie gut begründet werden kann, immer gefährlich ist und entsprechend kritisch betrachtet werden muss.

Carsten Sauter

lebt in Hamburg. Er kennt die erwerbsmäßige Politarbeit als Referent von verschiedenen Abgeordneten sowie als Angestellter bei Wohlfahrtsverbänden aus eigener Erfahrung.