No Country for Old Studios
Um den Hollywoodkonzern Warner Bros. tobt eine Übernahmeschlacht, bei der es um mehr als Marktmacht und die Zukunft der Filmindustrie geht
Von Kornelia Kugler
Netflix will Warner Bros. übernehmen. Diese Nachricht sorgte Ende 2025 für Schlagzeilen. Die mögliche endgültige Marktdominanz des Streaminganbieters, das Gegengebot von Paramount bzw. der rechten Tech-Milliardärsfamilie Ellison, die Einmischung von Donald Trump – sogar das Ende von Hollywood wurde ausgerufen. Wie geht es nun weiter, und was hat es mit dem Takeover überhaupt auf sich?
Der Medienkonzern Warner Bros. Discovery (WBD) wird nicht einfach verkauft, sondern ist Gegenstand einer Übernahmeschlacht zwischen den Firmen Netflix und Paramount. Sie markiert eine neue Phase der sogenannten Streaming Wars: Nach der aggressiven Expansion treten die Streamingplattformen nun in die Phase der Konsolidierung und Marktbereinigung ein. Anders gesagt: die Ernüchterungsphase nach Jahren des kapitalintensiven Wachstumswettlaufs.
Das Warner-Bros-Logo zu Beginn von Kino-Blockbustern kennen die meisten, das Studio ist eines der ältesten Hollywoods. Zum Warner-Konzern gehören aber nicht nur das Film- und Fernsehstudio Warner Bros. Entertainment, sondern unter anderem auch der Pay-TV-Sender HBO, der Nachrichtenkanal CNN und der Comicverlag DC, der die Superheld*innenstories um Superman und Batman herausbringt.
Seit der Fusion mit dem Medienunternehmen Discovery – bekannt vor allem durch den Dokumentarsender Discovery Channel – im Jahr 2022 ist Warner Bros. Discovery dem Umsatz nach einer der größten Medienkonzerne der Welt, nach der Walt Disney Company. Nach der Übernahme wuchsen allerdings auch die Schulden von WBD, weshalb im Juni 2025 bekannt gegeben wurde, dass die Streamingdienste und Studios vom schwerer verkäuflichen Kabelfernsehangebot abgespalten und daraus zwei eigenständige Firmen werden sollen. Daraufhin begannen im Herbst 2025 diverse Bieterrunden für Übernahmeangebote.
Streaming Wars um Marktanteile
Anfang Dezember 2025 wurde dann bekannt, dass der Streaminganbieter Netflix das Studio Warner Bros., den Sender HBO, den Streamingdienst HBO Max, DC-Comics sowie die dazugehörigen Serien- und Filmlizenzen für rund 82,7 Milliarden US-Dollar übernehmen will. Wie ursprünglich geplant, sollten die Firmenteile aus dem bisherigen Konzern ausgegliedert werden; mit den verbliebenen Teilen wollte sich WBD neu positionieren. Das WBD-Management lehnte konkurrierende Angebote ab und favorisiert Netflix, weil eine Integration in die weltweit größte Streamingplattform den wirtschaftlichen Wert der Warner-Assets erheblich steigern würde. In einem gesättigten Markt ist Reichweite entscheidend: Über Netflix könnten Warner-Marken global mehr als 400 Millionen Abonnent*innen erreichen.
Was hat aber Netflix vom Kauf von Warner Bros.? Zum einen will das Unternehmen durch die Übernahme erfolgreiche Serien von HBO Max in sein Streaminggeschäft integrieren und sich wertvolles »intellectual property« (geistiges Eigentum) sichern – neben den DC-Universe-Filmen zum Beispiel die Harry-Potter-Reihe, »Barbie« und »Game of Thrones« – und damit den Zugang zu etablierten Studiosystemen und Kinodistributionen vertiefen. Also ins Hollywood-Establishment vordringen: big scale, big money, big screen. Obwohl Kinofilme im Vergleich zu Streamingabos nicht viel Gewinn einbringen, sorgen sie für Marketingmöglichkeiten und Prestige.
Wenige Tage nachdem der Verkauf an Netflix formell vereinbart war, richtete allerdings auch der Techunternehmer und Multimilliardär David Ellison, CEO der neu fusionierten Paramount Skydance Corporation, ein feindliches Übernahmeangebot für den gesamten Konzern, inklusive Nachrichtensender CNN, direkt an die WBD-Aktionär*innen. Paramount will im Streaminggeschäft konkurrenzfähiger werden und Netflix und Disney+ Paroli bieten.
Das öffentliche Angebot sieht vor, alle WBD-Aktien für 30 US-Dollar in bar pro Aktie zu kaufen, was den gesamten Unternehmenswert inklusive Schulden auf etwa 108,4 Milliarden US-Dollar ansetzt. Dies wäre ein deutlich höherer Gesamtwert als der Netflix-Deal, der »nur« aus einer Kombination von Bargeld und Aktien besteht – wobei die Netflix-Aktie seit Bekanntgabe des Deals etwa 25 Prozent an Wert verloren hat. Finanziert werden soll das Paramount-Angebot Gerüchten zufolge unter anderem durch Investitionsfonds aus Saudi-Arabien und Katar. Auch die Firma von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner soll beteiligt sein.
Paramount trat direkt an die Aktionär*innen von WBD heran und verhandelte nicht über den Vorstand, also das WBD-Management. Bei einer solchen sogenannten Tender Offer können Aktionär*innen ein Angebot annehmen, unabhängig von der Empfehlung des Vorstandes. Der hat mehrfach erklärt, dass er Paramounts Angebot als finanziell unsicher und riskant einschätzt, da es teilweise aus »revokable trusts«, widerrufbaren Treuhandverpflichtungen, besteht. Er sieht das Netflix-Angebot daher trotz niedrigerem Gesamtwert als stabiler an.
Trump gegen »Wokifizierung« von Warner
Die Aktionär*innen könnten das Paramount-Angebot trotzdem annehmen, wenn es ihnen finanziell attraktiver erscheint – und das ist gegeben. Aktionär*innen von WBD wie der in rechten Republikaner-Kreisen verkehrende Multimilliardär John Malone würden noch reicher werden, als sie es ohnehin schon sind. Während die politischen Präferenzen von WBD-Chef David Zaslav unklar sind, gilt Netflix als vergleichsweise distanziert gegenüber Trump. Netflix-Eigentümer Reed Hastings ist ein wichtiger Unterstützer der Demokraten, ebenso Vorstand Ted Sarandos, der aber auch mal Trump in Mar-a-Lago besucht.
Ob die Angebote rechtlich zulässig sind, müssen die Wettbewerbsbehörden beantworten; die kartell- und medienrechtlichen Prüfungen stehen noch aus. Für die WBD-Übernahme ist das ein Risiko: Selbst wenn die WBD-Aktionär*innen zustimmen, kann der Deal durch Regulierung verzögert, beschnitten oder ganz blockiert werden.
Die Trump-Administration hat ebenfalls eine verschärfte Überprüfung angekündigt, nicht allerdings gegenüber dem Paramount-Deal, sondern unter dem Vorwand, zu befürchten, dass Netflix seine ohnehin schon marktbeherrschende Stellung ausnutzen könnte – und um die »Wokifizierung« von Warner zu verhindern. Trump bevorzugt offen den Zusammenschluss von WBD mit Paramount, da Besitzer David Ellison ihm nahe steht. Laut Medienberichten soll Ellison Trump zugesagt haben, CNN umfassend zu verändern, sollte Paramount Warner übernehmen. Der Nachrichtensender berichtet regelmäßig kritisch über die US-Regierung. Nachdem zunächst alle Zeichen auf Netflix standen, hat Paramount am 22. Dezember 2025 sein Angebot an die Aktionär*innen erneuert und es mit einer 40,4 Milliarden US-Dollar schweren persönlichen Bürgschaft von Larry Ellison abgesichert. Wie sein Sohn David hat auch er enge Beziehungen zu Trump.
Wer verliert? Die Filmbranche
Auch im neuen Jahr geht das Drama um die Übernahme von Warner Bros. weiter: Der Vorstand rät den Aktionär*innen in einem Brief erneut und einstimmig, das »unangemessene« Übernahmeangebot von Paramount abzulehnen. Gemäß den mit Netflix ausgehandelten Bedingungen müsste WBD eine Vertragsstrafe in Höhe von 2,8 Milliarden Dollar zahlen, wenn es von der Vereinbarung zurücktreten würde. Der Wert der WBD-Aktie steigt während der »bidding battle« kontinuierlich. Da die Netflix-Aktie derweil absinkt, erwägt der Konzern angeblich ein verbessertes Angebot – während Paramount gegen den WBD-Konzern vor Gericht zieht. Wer Sieger in diesem Kampf der Giganten wird, ist offen, aber wir wissen bereits, wer die Verlierer*innen sein werden: Künstler*innen, Filmemacher*innen, Filmarbeiter*innen, Autor*innen und das Publikum.
Denn was bei dem Gezerre um den Warner-Deal deutlich wird, ist, wie Techkonzerne und Streamingdienste den Medienmarkt verändert haben. Die Medienindustrie steht unter massivem Margendruck. Das lineare Fernsehen schrumpft, und die Kosten für Streamingproduktionen steigen, während immer höhere Gewinne erwartet werden. Diese Art von Konsolidierung bzw. Konzentration in der Medienbranche durch Konzernfusionen ist eine Reaktion auf die Profiterwartungen der Aktionär*innen. Durch Skaleneffekte soll Abhilfe geschaffen werden: bessere Marktpositionierung, gemeinsame Content-Bibliotheken, geringere Marketingkosten, Zusammenlegung von Studios, Verwaltung und Streaminginfrastruktur und eine stärkere Verhandlungsmacht gegenüber Plattformen, Werbekund*innen – und den Filmarbeiter*innen und ihren Gewerkschaften. Die kritisieren den Zusammenschluss: Er würde mit großer Wahrscheinlichkeit einen Verlust von Arbeitsplätzen in Hollywood und einen Rückgang der Zahl von Kinostarts bedeuten.
Die Gewerkschaft der Drehbuchautor*innen, WGA (Writers Guild of America), die Regisseur*innengewerkschaft DGA (Directors Guild of America), Sag-Aftra (Gewerkschaft der Schauspieler*innen und Fernseh- und Radiokünstler*innen) und die Transportarbeiter*innengewerkschaft Teamsters forderten, den Deal zu blockieren, da eine weitere Konzentration in der Film- und Fernsehindustrie Arbeitsplätze vernichten, die Bedingungen für Beschäftigte in der Unterhaltungsbranche verschlechtern und die Vielfalt der Inhalte für die Zuschauer*innen verringern würde. »Die von Gier getriebene Konsolidierung der Unternehmensmacht, unabhängig von der Branche, stellt eine direkte Bedrohung für gute gewerkschaftlich organisierte Arbeitsplätze, den Lebensunterhalt unserer Mitglieder und die Existenz unserer Branche dar«, heißt es im Statement der Teamsters. »In einem bereits schrumpfenden Markt sollten diese Fusionen zusammen mit dem Vordringen von Big Tech Anlass zu großer Sorge geben.«
Gewerkschaften schlagen Alarm
Die Producers Guild wurde nostalgisch: »Traditionsstudios sind mehr als nur Content-Bibliotheken – in ihren Archiven befinden sich der Charakter und die Kultur unserer Nation.« Die Organisation Cinema United, die Kinobesitzer*innen in Nordamerika vertritt, wandte sich an den Kongress und plädierte dafür, dass niemand Warner Bros. kaufen darf. Auch Macher*innen von Indie-Filmen wandten sich gegen den Deal. Beide fürchten, dass bei einer Übernahme von Warner durch Netflix eine an den Algorithmus angepasste Verflachung der Inhalte droht und weniger Filme fürs Kino produziert werden. Oder sie, wie im aktuellen Fall des von Netflix produzierten »Frankenstein«, nur für wenige Tage im Kino laufen, bevor sie »consumer friendly« online vermarktet werden.
Die Schauspielerin Jane Fonda schreibt in einem Artikel, dass der Zusammenschluss Hollywood und sogar die Demokratie gefährde. Er sei »katastrophal für eine Branche, die auf freier Meinungsäußerung basiert, für die kreativen Arbeiter*innen, die sie antreiben, und für die Konsument*innen, die auf ein freies, unabhängiges Medienökosystem angewiesen sind, um die Welt zu verstehen«. Denn weniger Anbieter*innen bedeute auch eine höhere Marktkonzentration bei Nachrichten wie Unterhaltung und damit eine potenzielle Einschränkung der Meinungsvielfalt.
Beispiele dafür bietet der rechte Umbau der Medienindustrie der USA schon zuhauf: Nach der Fusion von Paramount und Skydance kritisierte Moderator Stephen Colbert die politische Kapitulation des Unternehmens – kurz darauf wurde er entlassen. Offiziell eine »rein finanzielle Entscheidung«. Es folgten fast 2.000 weitere Kündigungen im gesamten Unternehmen und die Abschaffung der Diversity-Abteilung. Bei aller Kritik an neoliberalen Diversity-Programmen: Wenn Rechte wie Trump und Ellison behaupten, gegen Medienmonopole und für Meinungsfreiheit zu sein, meinen sie nichts als den Ausbau ihrer eigenen Machtinstrumente. Warner-Netflix oder Warner-Paramount: Für alle anderen bleibt es eine Lose-Lose-Situation im Endzeitkapitalismus.