Quizshow mit Audre Lorde
Regisseurin Mable Preach im Gespräch über »K(no)w Black Heroes«, eine afrofuturistisch inspirierte Bühnencollage
Von Canê Çağlar
Mit »K(no)w Black Heroes« inszeniert die Regisseurin Mable Preach am Thalia Theater Hamburg ein Stück über Schwarze Geschichte in Deutschland, Wissensarchive und bringt eine alternative Gegenwart sowie Zukunft auf die Bühne. Im Interview spricht Preach über das afrodeutsche Erbe und Repräsentation in der Kunst.
Magst du uns etwas mehr zu dem Stück »K(no)w Black Heroes« erzählen, das gerade am Thalia Theater gespielt wird?
Mable Preach: Das Stück ist ein Versuch, Schwarze Geschichte, Schwarzes Wissen und Schwarze Zukunft in einem künstlerischen Raum miteinander zu verweben. Mein Ziel war es nicht, eine lineare Geschichte zu erzählen, sondern eher eine Collage aus Stimmen und Erinnerungen, vielleicht auch Visionen, in dem Schwarze Held*innen sichtbar werden.
Du kombinierst in der Collage Gedichte der afrodeutschen Aktivistin May Ayim und der US-amerikanischen Aktivistin Audre Lorde mit Tanz-, Quizshow und Sportübungen sowie afrofuturistischen Elementen. Wie ist diese Idee entstanden, und wie verstehst du Afrofuturismus im Kontext deines Stückes?
Mir war von Anfang an klar, dass ich mit dem Stück im Spektrum des Afrofuturismus, einer Art Schwarze Science-Fiction, arbeiten werde. Afrofuturismus bedeutet für mich afrozentriertes Arbeiten und Denken, aber auch Schwarze Geschichte und das Wissen, was in ihr steckt und was dieses Wissen mit meiner Gegenwart sowie Zukunft macht. In diesem Feld bewege ich mich sowohl künstlerisch als auch in der Erziehung meiner Kinder. Dabei lebe ich nach dem Prinzip Sankofa, aus der Bildsprache der Akan. Das ist ein Vogel, der mit dem Körper nach vorne ausgerichtet ist, aber mit dem Kopf nach hinten guckt und dabei ein goldenes Ei im Mund hält. Die Idee zu Sankofa ist, dass man zurück in die Vergangenheit geht, um das mitzunehmen, was man vergessen hat, für die Gegenwart und eine bessere Zukunft. Die Texte von May Ayim, Audre Lorde und die der anderen, die ich in dem Stück nutze, sind sowas wie die Koordinaten auf einer Karte für Schwarze Erfahrungen, vor allem im deutschsprachigen Raum. Und die gehören ins Theater. Dabei war mir wichtig zu zeigen, wie lange Schwarze Geschichte schon zu Deutschland gehört, bereits seit 1600. Audre Lorde und May Ayim waren in den 1980er, 1990er Jahren aktiv – quasi gestern. Und trotzdem sind sie viel zu wenig präsent.
Man könnte dein Stück auch als eine Art Korrektur der Geschichte verstehen, etwa als eine Gegenerzählung mit Schwarzem Wissen und Errungenschaften.
Ich würde es nicht als Korrektur benennen, sondern als Erweiterung. Wir wissen um die Lücken, gerade im Kanon. Aber es geht nicht darum, eine Parallelstruktur aufzubauen, eine Gegenerzählung zu schaffen, sondern klarzumachen, dass diese Geschichten dazu gehören. Die Personen oder Institutionen, die entschieden haben, wie ein Kanon aussehen soll, bestimmen ja auch, was Wissen ist. Es geht mir um eine Erweiterung des Kanons und der europäischen Narrative.

Mable Preach
ist Regisseurin, Choreografin, Kuratorin und Performerin sowie Medienmanagerin. Seit 2004 verantwortete sie zahlreiche Produktionen in der freien Theaterszene in Hamburg, München, den USA und Chile. Zu ihren jüngsten Arbeiten gehören »Opera of Hope« auf Kampnagel Hamburg und »Unfiltered« am Schauspielhaus Zürich.
Foto: Maïscha Souaga
Im Stück werden konkrete Schwarze Erfindungen aufgezählt, integriert in das Spiel »Ich packe meine Koffer und nehme mit«. Wie habt ihr die ausgewählt?
Der Ausgangspunkt war, was für Erfindungen es gibt, die wir alle tagtäglich nutzen und dabei gar nicht wissen, welche Geschichte dahintersteckt, welche Bedeutung die in einem Schwarzen Kontext haben. Wir haben natürlich eine große Bandbreite gefunden und haben erst mal alles, was wir gefunden haben, ausgepackt. Und dann mussten wir entscheiden, was reinkommt. Jeder Name, den wir nennen können in dieser einen Stunde, ist wichtig.
Warum hast du für dein Stück ein Raumschiff-Szenario gewählt, in dem ein Planet angeflogen wird, der nicht kolonisiert werden soll?
Wir können uns der Welt, in der wir leben, nicht verschließen, und es wird keine andere Erde geben. Aber was wäre, wenn es so etwas wie einen Safer-Space-to-go gäbe? Sei es ein Raumschiff oder ein Anzug, mit dem man durch die Gegend geht, in seiner eigenen Welt, und trotzdem noch in der jetzigen. Dieser Gedanke war mein Ausgangspunkt, und daraus entstanden die Fragen: Was wäre, wenn wir alle Errungenschaften von Schwarzen Personen mitnehmen, also einfach der Welt entziehen? Und wenn wir jetzt doch eine neue Erde finden, was machen wir dann? Die Idee ist, dass wir auf keinen Fall kolonisieren. Es gibt dort vielleicht eine Kultur, selbst wenn es nur Sauerstoff ist – aber wir haben da überhaupt nichts entdeckt. Denn wir würden in eine Welt kommen, die schon bestanden hat, bevor wir kamen.
Man geht zurück in die Vergangenheit, um mitzunehmen, was man vergessen hat, für die Gegenwart und eine bessere Zukunft.
Wen möchtest du mit dem Stück erreichen? Was ist das Ziel deiner Arbeit?
Ich habe vor ein paar Tagen eine ganz nette Mail von einer Schwarzen Künstlerinnen-Kollegin erhalten. Sie hat auch »K(no)w Black Heroes« gesehen und sagte, dass sie allgemein unglaublich dankbar dafür ist, dass ihre kleine Schwester solche Stücke wie »K(no)w Black Heroes« im Theater erleben kann. Meine eigenen Kinder sind jetzt elf, und dass die ins Theater gehen und die Möglichkeit haben, diese Geschichten und auch diese Körper auf der Bühne zu sehen, ist total wertvoll. Jede Person, die damit etwas anfangen kann, wenn es eine Veränderung in diese Richtung geben kann, ist ein Erfolg. Ich freue mich besonders, wenn Menschen, die sonst gar nicht ins Theater gehen, dann plötzlich ins Theater gehen, weil sie sich selbst und ihre Geschichten auf der Bühne sehen. Wenn junge Menschen ins Theater gehen und sagen, hey, das kann ich auch, ist das ein tolles Ergebnis meiner Arbeit. Es wird mir oft zugeschrieben, dass ich Theater für Schwarze Menschen mache. Ja und wenn? Das tue ich auch. Aber es ist für alle, die diese Lücken beispielsweise bei der Sichtbarkeit Schwarzer Menschen in unserer Gesellschaft und Geschichte sehen und sich freuen, dass wir diese Lücken füllen.
Wie stellst du dir denn die Zukunft der Theaterszene vor?
2020 hatten plötzlich ganz viele Stimmen, die sonst nicht gehört, nicht gesehen werden, die Möglichkeit, gefördert zu werden und gerade die freie Theaterszene mitzugestalten. Und jetzt, wo die Gelder knapper werden, merkt man, dass diese Stimmen immer leiser werden, weil sie die Letzten sind, die gefördert werden. Meine Hoffnung für die Zukunft ist, dass es keine weiteren Einsparungen gibt, sondern die Förderungen dieser Stimmen wieder zunehmen, wir den Kanon wirklich erweitern und mehr künstlerische Arbeiten haben von nicht weißen Menschen. Alle sprechen von Diversität in den Strukturen, aber ich hoffe, dass in der Zukunft bestimmte Prozesse bereits abgeschlossen sind, sich Minoritäten in den Strukturen des Kulturbetriebs wirklich wohlfühlen und ihre Arbeit als beispielsweise Dramaturg*innen machen und nicht Diversity Management betreiben müssen.