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|Thema in ak 719: Wie weiter in Gaza?

Segeln für Gaza

ak hat mit Aktivist*innen gesprochen, die an Bord der Hilfsflotten gegen Israels Blockade waren

Von Hêlîn Dirik

Boot der Thousand Madleens to Gaza, beschrieben mit dem Slogan "Palestine will be free" und den Namen bekannter Frauen aus verschiedenen Befreiungskämpfen.
Die Flottillen nach Gaza sind in den letzten Wochen als besonders öffentlichkeitswirksame Aktionen gegen die 2007 durch Israel verhängte Blockade hervorgestochen. Foto: Thousand Madleens to Gaza

Anfang Juni waren alle Augen auf die »Madleen« gerichtet, die mit der Aktivistin Greta Thunberg, der palästinensischen Politikerin Rima Hassan und weiteren an Bord Hilfsgüter nach Gaza bringen sollte. Israel fing das Schiff ab und nahm alle Teilnehmer*innen fest. Mit der vereinten Mühe verschiedener Organisationen sowie Künstler*innen, Journalist*innen, Ärzt*innen und Jurist*innen wurde im September ein neuer Versuch gestartet. Über Wochen fuhren dutzende Boote mit hunderten Teilnehmer*innen unter dem gemeinsamen Namen »Global Sumud Flotilla« über das Mittelmeer Richtung Gaza. Ihre Standorte konnten in einem Live-Tracker aus aller Welt verfolgt werden. Anfang Oktober waren sie teilweise nur noch wenige dutzend Seemeilen von Gaza entfernt, als Israel schließlich auch diese Boote stoppte, alle 464 Teilnehmer*innen festnahm und ins Ketziot-Hochsicherheitsgefängnis brachte.

Eine Woche später wurden auch die restlichen Schiffe, die noch unterwegs waren – die der »Thousand Madleens to Gaza« und das Schiff »Conscience«, auf dem etwa 100 Journalist*innen und Mediziner*innen unterwegs waren – abgefangen. Unter ihnen war Henri Sulku, Redakteur beim unabhängigen Online-Magazin Turning Point. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs war die Conscience nur noch weniger als 200 Seemeilen von Gaza entfernt. Die Blockade um Gaza sei auch eine Blockade von Medien und Gesundheitsfürsorge, so Sulku. In Gaza wurden medizinisches Fachpersonal und Journalist*innen in den letzten zwei Jahren immer wieder angegriffen, unabhängige Berichterstattung und Zugang zu medizinischer Behandlung wurden verunmöglicht. Es sei eine moralische Pflicht, als Journalist*in darüber zu berichten, so Sulku: »Wir verfolgen täglich die Situation in Gaza. Wenn wir als Journalist*innen Repression, Krieg und Genozid sehen, ist es unsere Aufgabe, unabhängig zu berichten und vor allem die Narrative der Herrschenden zu korrigieren.«

Zozan, eine kurdische Aktivistin in Deutschland, ist als Teil der kurdischen Frauenbewegung in Europa (TJK-E) und des feministischen Netzwerks Women Weaving the Future bei einer Flottille von Thousand Madleens to Gaza von Korsika bis Sizilien mitgesegelt und war an den Vorbereitungen der Weiterfahrten Richtung Gaza beteiligt. Auch sie hat mit ak über ihre Beweggründe gesprochen: »In unserer Region, im Nahen und Mittleren Osten, haben Staaten immer wieder verhindert, dass es ein friedliches Miteinander der Völker gibt. Das sehen wir auch in Kurdistan. Als eine Frauenbewegung haben wir zudem eine ganz bestimmte Perspektive auf diese Kriege: Frauen sind von Krieg besonders betroffen und leisten stärker Widerstand dagegen. Diese Kämpfe sind alle miteinander verbunden.« Bei der Aktion sei es hauptsächlich darum gegangen, die Blockade zu brechen und Druck auszuüben. Doch darüber hinaus habe die Aktion ihr auch die Bedeutung von internationaler Solidarität und die Notwendigkeit für Widerstand gegen staatliche Gewalt vor Augen geführt. »Wir können uns nicht darauf verlassen, dass Staaten tätig werden. Es liegt an uns, etwas zu tun.«

Solche Aktionen sind nicht neu: Die Freedom Flotilla Coalition, die die Global Sumud Flotilla mitorganisierte, koordiniert seit 2010 zivile Missionen, um über das Meer Hilfsgüter nach Gaza zu bringen. Sie gründete sich 2010, nachdem Israel acht Aktivist*innen an Bord der Hilfsflottille »Gaza Freedom Flotilla« tötete. Die Blockade um Gaza verhängte Israel bereits 2007.

Was diesmal anders war, war das Ausmaß der Beteiligung und Koordinierung. Mehr als 35.000 Menschen meldeten sich ab August, um an den Flottillen teilzunehmen. Es beteiligten sich Menschen aus mindestens 44 Staaten, aus verschiedenen Organisationen – von feministischen über Klima- bis zu Bäuer*innenbewegungen – und mit unterschiedlichen Perspektiven, über Grenzen hinaus durch das gemeinsame Ziel vereint, die Blockade zu durchbrechen. Begleitet wurden sie von Ankündigungen von Hafenarbeiter*innen am ganzen Mittelmeer, die Häfen stillzulegen, sollten die Boote an der Ankunft gehindert oder angegriffen werden. Auch wenn Israel die Flottillen gestoppt hat, bleiben die Aktionen ein bemerkenswertes Beispiel für direkten Widerstand und dürften ein Anknüpfpunkt für weitere bewegungs- und länderübergreifende Mobilisierungen gegen Krieg und Genozid sein.

Hêlîn Dirik

ist Redakteurin bei ak.

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